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1.10.2008 | Von:
Doris Kolesch

Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar

Glaubwürdige Szenen

Es sind gerade solche Deutungsdiskrepanzen, welche Prozesse der Darstellung und Inszenierung immer wieder in Verruf bringen und mit dem Makel der Täuschung versehen. Doch die Sache ist komplizierter: Form und Inhalt, ein Geschehen und seine Darstellung können nicht trennscharf voneinander geschieden werden. Das Was ist nicht einfach vom Wie zu trennen, vielmehr hat die Art und Weise, wie etwas durchgeführt, gemacht und dargestellt wird, Einfluss auf das, was jeweils gemacht wurde.

Schon der idealistische Philosoph Immanuel Kant, seines Zeichens als Fürsprecher eitler Selbstdarstellung gänzlich unverdächtig, notiert in seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht": "Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler: sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend jemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder andere, daß es eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, daß es so in der Welt zugeht. Denn dadurch, daß Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach wohl wirklich erweckt, und gehen in die Gesinnung über."[4] Bemerkenswerterweise sieht Kant die Notwendigkeit von Darstellung und Inszenierung sowohl als zivilisatorisches Erfordernis als auch als zivilisierende Leistung. Darüber hinaus betont er, dass Handlungen und Verhaltensweisen ihre Gültigkeit gerade aus der Form gewinnen, in der sie vollzogen werden.[5]

Damit steht die Glaubwürdigkeit, eine der wesentlichen bürgerlichen Verhaltensmaximen, auf dem Spiel. Denn die moderne Gesellschaft setzt die Rolle, welche man spielt, und das Selbst, das man ist, gerne gleich. Dieses Selbst wird als inneres Wesen, als Charakter verstanden, die sich im Verhalten bloß ausdrücken. Demgegenüber argumentieren Kant, Lessing und auch die aktuelle Performanzforschung, dass Identität kein festes Bündel von Eigenschaften ist, sondern das Ergebnis einer wiederholten Durchführung von Akten der Darstellung und Inszenierung.

Der Soziologe Erving Goffman schreibt dazu mit Blick auf alltägliche Formen der Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen: "Eine richtig inszenierte und gespielte Szene veranlaßt das Publikum, der dargestellten Rolle ein Selbst zuzuschreiben, aber dieses zugeschriebene Selbst ist ein Produkt einer erfolgreichen Szene, und nicht ihre Ursache. Das Selbst als dargestellte Rolle ist also kein organisches Ding (...); es ist eine dramatische Wirkung, die sich aus einer dargestellten Szene entfaltet, und der springende Punkt, die entscheidende Frage ist, ob es glaubwürdig oder unglaubwürdig ist."[6]

Glaubwürdigkeit ist zu einer entscheidenden Größe in der nationalen wie internationalen Politik geworden. Das bekamen nicht zuletzt die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele 2008 in China zu spüren. Gerade weil die Spiele als gigantisches Spektakel inszeniert wurden, um die Errungenschaften Chinas zu preisen und den Aufstieg des Landes zu den Weltmächten zu festigen, standen die Selbstdarstellungen des Gastgebers unter besonderer Beobachtung. So war es keineswegs trivial, dass bei der Eröffnungsfeier in Peking ein kleines Mädchen nur Playback sang, dass einige Fernsehbilder der Fußabdrücke eines riesigen Drachens aufgezeichnet und am Computer erzeugt waren und dass sich die 56 Kinder, die angeblich den 56 ethnischen Minderheiten Chinas entstammten, in Wirklichkeit als Han-Chinesen entpuppten. Anstatt, wie intendiert, als glanzvolle und perfekte Eigenwerbung zu überzeugen, wurde die spektakuläre Eröffnungsveranstaltung zum - negativen - Lackmustest politischer Glaubwürdigkeit.

Fußnoten

4.
Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, in: ders., Werke in zehn Bänden (hrsg. v. Wilhelm Weischedel), Bd. 10, Darmstadt 1983, S. 442, BA 42/43.
5.
Zu einer vergleichbaren Position kam Gotthold Ephraim Lessing beim Nachdenken über Theater. Er beschreibt ein psychophysisches Gesetz, wonach "eben die Modifikationen der Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen, hinwiederum durch diese körperlichen Veränderungen bewirket werden". Gotthold Ephraim Lessing, Hamburgische Dramaturgie (1767), Stuttgart 1981, S. 24.
6.
Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 1969, S. 231.