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1.10.2008 | Von:
Doris Kolesch

Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar

Darstellungsstile

Wagen wir ein Gedankenexperiment: Eine CDU-Kanzlerkandidatin steht mit ihrem behinderten Säugling im Arm auf der Bühne, neben ihr die minderjährige schwangere Tochter, ihr gerade zum Militärdienst eingezogener Sohn sowie ihr treuer Ehemann. Für die öffentliche Präsentation und Lobpreisung der eigenen Familie erhält sie tosenden Applaus der Parteitagsmitglieder. Was jüngst Sarah Palin, konservative Vizepräsidentschaftskandidatin in den USA vorgeführt hat, erscheint für Deutschland abwegig, nachgerade ausgeschlossen. Es gilt hierzulande gerne als Zeichen amerikanischer Oberflächlichkeit, dass sich dort alles nur ums Bild, um den überzeugenden Auftritt und die dazu passende Erzählung drehe, die insbesondere auf die persönliche Lebensgeschichte rekurriert. In Deutschland dagegen versteht man es als Indiz politischer Reife und als Ausdruck der Orientierung an politischen Sachverhalten und Problemlagen, dass das Privatleben von Politikern kaum eine Rolle zu spielen scheint.

Es gibt erhebliche historische wie kulturelle Unterschiede hinsichtlich politischer Darstellungsstile und ihrer Bewertung. Der Öffentlichkeit ist Gerhard Schröders misslungener Versuch in Erinnerung, sich mit einer eklektisch-selbstverliebten Mischung aus edlem Brioni-Anzug, Zigarre und Werbepose ein Auftreten zu geben, das den souveränen Staatsmann alter Prägung modisch aufpeppt und modernisiert. Demgegenüber könnte man Angela Merkels öffentliches Auftreten nicht nur als inhaltliche, sondern auch als formale Abgrenzung von Schröders Habitus deuten: Sie verblüfft und beeindruckt durch - inszenierte - Nichtinszeniertheit. In einer Zeit, in der es neben der wenig vorteilhaften "Eisernen Lady" noch immer keine role models für erfolgreiche Toppolitikerinnen gibt, nimmt sie einer möglichen Konfrontation schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln. Ihr von kleinen Gesten der Unsicherheit oder gar - je nach Deutung - Unbedarftheit durchsetztes Verhalten, ihr gerade nicht perfekt durchgestylter Auftritt lässt sie sympathisch erscheinen und vor allem (insbesondere in den Augen politischer Konkurrenten) wenig gefährlich.

Dass dieser erste Eindruck trügt und dass Merkels verbindliches, bisweilen fast mütterlich wirkendes Auftreten mit klaren Worten und Entscheidungen sowie großer Durchsetzungsfähigkeit zusammengeht, haben inzwischen nicht nur die männlichen CDU-"Landesfürsten" bisweilen schmerzlich erfahren (müssen), sondern auch Akteure der Weltpolitik. Insofern schickt die SPD mit dem als diskret, medienscheu und uneitel geltenden Frank-Walter Steinmeier einen Kandidaten ins Rennen um die Kanzlerschaft, der für eine vergleichbar reduzierte Theatralität und Selbstdarstellung steht wie die Amtsinhaberin.

Die ausgesprochene Nüchternheit und Symbolarmut der gegenwärtigen deutschen Politik ist jedoch nicht nur mit kulturellen Unterschieden zu anderen Ländern zu begründen, sondern hat ihre wesentliche Ursache in der deutschen Geschichte. Es mag ja stimmen, dass in Amerika Aspekte der Selbstdarstellung und der fernsehgerechten Wirkung eine weit größere Rolle spielen als in Deutschland. Und es mag auch zutreffen, dass in den Vereinigten Staaten stärker Personen denn Programme gewählt werden. Doch auch deutsche Wähler konnten inzwischen die Erfahrung machen, dass Parteiprogramme und Wahlversprechungen schnell geändert sind, Persönlichkeiten hingegen bleiben bzw. -siehe Franz Müntefering - wiederkommen.

Eine Reflexion über Politik als Theater und ein Plädoyer für dieses ungeliebte Paar darf allerdings nicht außer Acht lassen, dass die Skepsis gegenüber theatralen Elementen in der Politik in Deutschland deshalb und mit Recht so groß ist, weil Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Exzess theatralisierter Politik erlebte. Die Neigung Wilhelms II. zum täglich mehrfachen Wechsel der militärischen Kostümierung war notorisch. Weit fataler noch war die Theatralisierung und Ästhetisierung von Politik in der Naziherrschaft. Die allgemeine Mobilisierung der Massen wurde insbesondere mit ästhetischen Mitteln erreicht. Das begann mit Abzeichen und militärischer Kluft schon im Kindesalter, setzte sich mit Lagerfeuern, Aufmärschen und Fackelzügen sowie einem Heroenkult und einer pseudoaristokratischen Selbststilisierung der SS fort. Ihren Höhepunkt fand diese Ästhetisierung von Politik in den großen Massenfeiern wie etwa den Reichsparteitagen oder den Olympischen Spielen von 1936.

Doch dass die Ausübung von Macht durch Theatralisierung im Nationalsozialismus ihren bisher deutlichsten Ausdruck gefunden hat, darf nicht dazu führen, diese zu einer Eigenheit des Faschismus oder anderer, totalitärer und diktatorischer Systeme zu erklären. Die Theatralität von Politik ist weder per se gut noch schlecht. Dass Politik immer auch Darstellung und Inszenierung ist, ändert nichts daran, dass es gute und schlechte, perspektiven- und friedenssichernde wie katastrophale Politik gibt.