APUZ Dossier Bild
1|2|3|4|5|6|7 Auf einer Seite lesen

1.10.2008 | Von:
Günther Maihold

Prominenten-Diplomatie

Haben medienwirksame Auftritte von "Stars" mit Staats- und Regierungschefs Einfluss auf die internationale Politik, oder nutzen Politiker nur gerne das Rampenlicht, das sich aus dem Medienrummel ergibt?

Einleitung

Neue Protagonisten mit der Fähigkeit zur direkten, emotionalen und moralischen Ansprache eines großen Publikums drängen in die internationale Politik: Prominente aus dem Unterhaltungsbusiness, dem Sport und den Medien beanspruchen Mitwirkung am diplomatischen Geschäft. Dieser Prominenten-Diplomatie[1] gelingt es, Ressourcen zu mobilisieren, derer die staatliche Diplomatie oft entbehrt: Unterstützung und Begeisterung, um das Interesse der Politik zu gewinnen, nicht zuletzt aufgrund wachsender Konkurrenz staatlicher und nichtstaatlicher Protagonisten um öffentliche Aufmerksamkeit.[2]




Der politische Aktivismus von Prominenten ist Teil der Entstaatlichung der Diplomatie und direkter Aktivität privater Akteure im Bereich der zwischenstaatlichen Beziehungen.[3] Der Begriff "Diplomatie" muss hier mit Vorsicht benutzt werden, unterscheiden sich die "Promi"-Aktivitäten doch in Stil und Vokabular fundamental von der diskreten, auf Vertraulichkeit basierenden klassischen Diplomatie. Allerdings sind auch Formen von Prominenten-Diplomatie wirksam geworden, die weniger mit dem etablierten Muster unumstrittener Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen von Prominenten-Diplomatie harmonieren: Als Anwalt für die Scientology-Sekte gelang es beispielsweise dem Schauspieler Tom Cruise, weitere Prominente zu gewinnen und eine Auseinandersetzung zwischen den USA und Europa über die angeblich gefährdete Religionsfreiheit auf dem europäischen Kontinent geschickt in die amerikanische Regierung zu tragen.[4]

Auf internationaler Ebene werden Auftritte von UNICEF-Botschaftern wie Audrey Hepburn und Peter Ustinov seit den 1960er Jahren eingesetzt. Allerdings scheint sich die traditionell starke Verknüpfung von celebrity politics und charity zu verändern,[5] insofern sich Prominente kaum noch passiv in den Dienst einer "guten Sache" stellen lassen. Sie versuchen, mit eigenen Initiativen durch mediale Mobilisierung Druck auszuüben: Erwähnt seien hier das Eintreten des Schauspielers George Clooney für ein Engagement der Weltgemeinschaft in der Darfur-Krise oder die öffentliche Kritik der Schauspielerin Mia Farrow an Regisseur Steven Spielberg, der sich anfangs ungeachtet der Rolle Chinas im Sudan an der Gestaltung der Olympischen Spiele in China beteilige wollte.[6]

Prominente des Unterhaltungsbusiness bilden als "Freizeithelden" (H. P. Dreitzel) einen wichtigen Bezugspunkt für breite Kreise der Bevölkerung. Gleichzeitig sind sie als "Stars"[7] durch eine stark individuelle Projektion gekennzeichnet, sodass mögliche Fehltritte unmittelbare Rückwirkungen auf jene Institution zeitigen, die sich bis dahin mit dem jeweiligen Künstler schmückte. Gerade für eine internationale Organisation wie die UNO bedeutet dies ein großes Risiko, da die Beteiligung Prominenter an der Förderung des öffentlichen Ansehens der Weltorganisation während der Amtszeit von Generalsekretär Kofi Annan deutlich ausgeweitet worden ist. Er förderte die Bestellung von Goodwill-Botschaftern und Friedensboten (messengers of peace) und scheint sich der Hollywood-Stars bedient zu haben, um der Ablehnung der UNO seitens der Regierung und des Kongresses der USA durch Public-diplomacy-Aktivitäten mit Prominenten aus dem eigenen Land zu begegnen.[8] Daher hat sich die UNO besonders bemüht, einheitliche Rahmenbedingungen für das Engagement ihrer 80 internationalen Goodwill-Botschafter zu formulieren, die insbesondere auf das positive Image der Stars und deren Einsatz für die Ziele der UNO abheben.[9]

Politik und das Engagement der Prominenz

Das Wirken der Pop-Prominenz im engeren Bereich der internationalen Politik - beispielsweise im Kontext der G8-Gipfeltreffen - lässt erkennen, dass es Bono & Co darauf anlegen, sich im Einzugsbereich öffentlicher Würdenträger zu bewegen. Regierungschefs und Präsidenten, die, wie Tony Blair und Bill Clinton, in besonderem Maße der engagierten Prominenz die Türen öffneten, haben versucht, für sich Vorteile aus dieser Beziehung zu ziehen. So wurde Bob Geldof von Blair im Vorfeld des G8-Treffens im schottischen Gleneagles in den Jahren 2004/2005 stark in das Unternehmen der Commission for Africa[10] eingebunden. Diese Nähe Geldofs zur Labour Party hielt jedoch nicht, Geldof ließ sich im Dezember 2005 als Berater des Tory-Oppositionsführers David Cameron für Fragen globaler Armut anheuern. Der Schritt, einer Vereinnahmung durch Labour zu entgehen, mag zwar der Individualität Geldofs entsprechen, zeigt aber gleichzeitig die Gefahren auf, denen sich Prominente mit ihrem Engagement aussetzen.

Auf der anderen Seite scheint es Politikern immer weniger zu gelingen, sich der Bedrängung durch Stars zu entziehen: So trat etwa der U2-Sänger Bono im November 2003 auf dem Parteitag der kanadischen Liberalen auf, um als persönliche Geste gegenüber Premierminister Paul Martin für eine wichtigere Rolle Kanadas in Afrika zu werben. Im Mai 2005 hielt er Martin vor, seine Versprechungen nicht eingehalten zu haben, und rief seine Fans während eines U2-Konzerts auf, die von ihm bekannt gegebene Privatnummer von Martin anzurufen und Kanadas Verpflichtung einzufordern. Erkennbar wird in dieser Episode ein Muster gegenseitiger Anerkennung zwischen Show und Politik,[11] die aber - da sie öffentlichkeitswirksam wieder entzogen werden kann - stark von der Gewährleistung eines Vertrauensvorschusses geprägt ist.

Das gemeinsame Auftreten von Prominenten und Politikern eröffnet der Prominenten-Diplomatie zusätzliche Handlungsmöglichkeiten, um über einen persönlich zur Rechenschaft gezogenen Politiker öffentlichen Druck wirksam werden lassen (naming and shaming). Auf diese Weise vermischen sich die Interessen der organisierten Politik mit Prozessen der Produktion von Prominenz, ein zentrales Merkmal des Netzwerkansatzes, der das Grundmuster der Prominenten-Diplomatie abgibt.

Selbstbild: Verkörperung von Moral und Gerechtigkeit

Die Fähigkeit von Prominenten, internationale Themen auf eine neue Art zu dramatisieren, hat einige von ihnen in die Flure der Macht gebracht, da sie das "Gewicht der Moral" für sich reklamieren.[12] Das Vertrauen des Publikums auf die moralische Integrität der medialen Inszenierung verleiht ihr Tragfähigkeit. Dabei sieht ein Protagonist wie Bono den Beitrag seiner Initiativen recht weit gespannt: "Wir kriegen Schläge von links, wir kriegen Schläge von rechts, aber am Ende jedes Jahres geht es den Armen der Welt ein bisschen besser, weil es uns gibt, und ich glaube und hoffe, dass wir eine einende Kraft für den Sachverstand quer durch alle politischen Lager sind."[13] Diese übergreifende Rolle der Vermittlung zwischen verschiedenen politischen Positionen mit der Gewissheit, sich "auf der richtigen Seite" zu bewegen, ist bei Bono stark mit religiösen Dimensionen unterlegt.

Authentizität, Altruismus und Moral sind die zentralen Elemente, die Prominente zu mobilisieren und in einen politischen Prozess einzubringen gedenken. Als Moral- und Normunternehmer[14] möchten sie in der "Sprache der Gefühle und Wünsche, des Widerstands und der Anklage"[15] einen Beitrag zur internationalen Politik leisten und neue symbolische Ressourcen für einen Politikprozess eröffnen, der sich durch extreme Ritualisierung auszeichnet. Insofern setzen sie gewollt einen Kontrapunkt zum "Politikgeschäft", das sie als zynisch und unmoralisch brandmarken.[16] Das erlaubt die Formulierung politischer Erwartungshorizonte, die sich von den Grenzen des Möglichen der traditionellen Diplomatie deutlich abheben.

Modalitäten: Von der Philanthropie zum politischen Engagement

Die Rollenmodelle der Prominenten-Diplomatie decken in Abhängigkeit von der einzelnen Star-Persönlichkeit die gesamte Breite möglicher Interventionen in das (internationale) politische Leben ab: Neben dem Modell der Bindung an Institutionen und deren Ziele (wie z.B. UNICEF) lassen sich Konzeptionen finden, die allgemein eine stärkere Mobilisierung der Öffentlichkeit in den Vordergrund stellen.[17] Erwähnt seien hier die von Bob Geldof angestoßenen Bemühungen von Band Aid mit ihrem Weihnachtssong "Do they know it's Christmas?". Es folgten Auftritte bei den Live-Aid-Konzerten in Europa und den USA im Jahre 1984/85, die das Schicksal Afrikas in den Vordergrund rückten.

Gefolgt von der Entschuldungskampagne "Jubilee 2000", die auf den Kölner G8-Gipfel zur Reduzierung der Schulden der Entwicklungsländer abzielte, entwickelte sich das Engagement weiter, bis zu den "Live-8"-Konzerten im Vorfeld des G8-Gipfels von Gleneagles. Diese Entwicklung beschreibt den Weg bis zur in den USA angelaufenen "One Campaign" für die Präsidentschaftswahl 2008, die als Konsortium von Einzelbewegungen den Kandidaten verbindliche Erklärungen zu Fragen globaler Politik wie Gesundheitsvorsorge, Erziehung oder Zugang zu Wasser abverlangen soll. In den Augen Bonos wird damit eine neue Qualität des Engagements erlangt: "Endlich entsteht eine Bewegung, die uns stark genug macht, mit der Bettelei um Almosen aufzuhören, eine Bewegung, die uns politischen Einfluss verschafft."[18]

Dieser sichtbarste Teil der Prominenten-Diplomatie nimmt damit den Weg von Event- zu Kampagnenkoalitionen, die nicht mehr nur auf transnationaler, sondern auch auf der nationalen Ebene der USA wirksam werden wollen. Damit wird ein Mehrebenenspiel der Interessenvertretung angelegt, das sich für die Zukunft als wirksames Design für den Einsatz der verschiedenen Instrumente erweisen kann.

Instrumente: Kampagnen und mediale Diskursgemeinschaften

Das breite Handlungsrepertoire zur Lenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit bringt Prominente in eine privilegierte Position: Sie können auf das Instrumentarium der klassischen, staatszentrierten Diplomatie einwirken und die Advocacy-Strategien der zivilgesellschaftlichen Akteure mobilisierend einsetzen. Ihr Ruf nach Moral und Gerechtigkeit ist eine politische Formel, die sich als Quell gemeinsamer Identifikation für viele Personen und gesellschaftliche Akteure eignet. Zudem müssen sich Prominente im Gegensatz zur staatlichen Seite weniger um Kohärenz und Nachhaltigkeit ihres Handelns sorgen, die Trivialisierung komplexer Sachzusammenhänge eröffnet ihnen weit reichende Unterstützung. Gegenüber Akteuren der Zivilgesellschaft agieren sie unabhängig und sind oftmals kaum eingebunden in interne Dynamiken dieser Organisationen. Es kann ihnen daher gelingen, Widerstandsbewegungen und alternative Foren zu überspielen bzw. deren Wirksamkeit einzuschränken und somit als Ersatz für die eigentlichen Träger des Protests aufzutreten.

Als ersten Schritt zum Aufbau ihrer Afrika-Initiativen konzentrierten sich Bob Geldof und Bono auf die Gründung einer transnationalen Kampagnenkoalition, die sich anhand zentraler Events wie der internationalen Konzerte von "Live 8" immer weiter konsolidierte. Nicht ohne Grund musste sich Geldof massive Kritik gefallen lassen, dass die Organisatoren kaum afrikanische Künstler beteiligten, obwohl die Erlöse diesem Kontinent zufließen sollten.

Auf der Suche nach Zugangsmöglichkeiten zur politischen Entscheidungsebene baut Prominenten-Diplomatie darauf, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden. Die Stars verstehen sich als Sprachrohr ihrer Fan-Gemeinde und können sich auf die für Starkults typische parasoziale Interaktion[19] mit einer von ihr mobilisierten Masse stützen, die gleichwohl auf soziale Distanz gehalten wird. Dieses Element, das die vermeintliche Nähe der Konsumenten zu ihrem Idol für die öffentliche, politische Rolle nutzt, ist das instrumentelle Kapital, das für die Wirksamkeit des Auftretens entscheidend geworden ist.

Die Bildung von Diskursgemeinschaften[20] erweist sich als das zentrale Instrument der Prominenten-Diplomatie. Dabei werden nicht nur im Sinne einer Netzwerkstrategie weitere Künstler einbezogen, sondern mit nahe stehenden Politikern oder Repräsentanten aus der Privatwirtschaft (Celebrity-CEOs wie Ted Turner oder Bill Gates) sowie Intellektuellen wie Jeffrey Sachs als wissenschaftlichen Bezugspersonen[21] oder bis zu Papst Johannes Paul II[22] umfassende Allianzen gebildet. Solche Diskurskoalitionen sichern breiten Zugang zu öffentlichen und staatlichen Räumen und steigern den Resonanzraum für Initiativen der Prominenten. Ihr Auftreten ist für die politisch Verantwortlichen von Interesse, da sie die Sichtbarkeit und den Druck gesellschaftlicher Bewegungen wie der Anti-Globalisierungskampagne vermindern. Kritisch beleuchtet wird dies aus dem Kreis der Prominenz selbst, etwa von Bianca Jagger, die gegenüber den Protagonisten Bono und Geldof den Vorwurf der "Unterminierung der realen Bewegung füreinen Politikwechsel" aus Anlass des G8-Treffens in Gleneagles im Juli 2005 erhob.[23]

Als Moral- und Normunternehmer bauen Prominente auf eine Rechtfertigungspflicht der Politik am Maßstab der von ihnen propagierten Werte. Unter diesem moralischen Schirm üben die Protagonisten der Prominenten-Diplomatie nicht nur durch Überzeugung, sondern auch durch "rhetorischen Zwang"[24] Konformitätsdruck auf die politische Elite aus, die im Falle Bonos von Bill Clinton bis zu George W. Bush reicht. Ihnen kommt damit eine Funktion im öffentlichen Diskurs zu, die als framing bekannt ist,[25] also die Fähigkeit, bestimmte Themen so mit dem öffentlichen Verständnis zu verbinden, dass diese durch Dramatisierung und Verkürzung zu einem neuen Begründungszusammenhang führen. Dabei können durchaus provokative Verhaltensweisen erfolgreich sein, wie das Auftreten von Geldof als "Anti-Diplomat" immer wieder verdeutlicht.[26]

Wirkungen

"Kann Bono die Welt retten?", fragte das "Time Magazine" im Jahr 2002. Sind die Auftritte der celebrities mehr als theatralische "Begleitgeräusche" internationaler Mega-Events? Auch kritische Beobachter akzeptieren heute, dass sie mehr sind als nur eine "amüsante Kuriosität der Außenpolitik".[27] Es bleibt indes fraglich, ob Prominenten-Diplomatie auch die Ergebnisse ihrer Aufrufe sicherstellen kann. Bono & Co ist es durch die Konzentration des Diskurses über AIDS und Armut auf Afrika zweifellos gelungen, mehr Aufmerksamkeit für den Kontinent zu schaffen. Afrika wird seitdem - wie von Bono formuliert - als Schauplatz des "Dramas des 21. Jahrhunderts" inszeniert, was nicht zuletzt bei afrikanischen Intellektuellen auf Widerstand stößt. Unter dem Titel "Stop trying to save' Africa" hat sich der nigerianische Schriftsteller Uzodinma Iweala gegen diese "Helft-Afrika"-Attitüde zur Wehr gesetzt. Afrika werde durch solche Aktionen erniedrigt, und von einer fairen Partnerschaft könne keine Rede sein.[28] Letztlich sind die selbst ernannten Helfer darauf angewiesen, dass andere Akteure sich um die Umsetzung der Erklärungen kümmern. Die praktische Implementierung jenseits konkreter Hilfsprojekte übersteigt das Leistungsvermögen der Prominenten-Diplomatie.

Die von der Politik bezüglich des öffentlichen Interesses an Entwicklungshilfe beklagte Betroffenheitserschöpfung der Bürger[29] ist durch die Tätigkeit der Prominenten-Diplomatie aufgebrochen worden. Mit der Zusammenführung verschiedener Kampagnen wie Live 8, Make Poverty History, Deine Stimme gegen Armut, The ONE Campaign and Product (RED)[30] unter dem gemeinsamen Dach von ONE[31] nach deren Fusion mit der Organisation DATA[32] durch Bono wird versucht, den Charity-Charakter früherer Aktivitäten abzuschütteln und stärker Fragen der Gerechtigkeit und der Gleichheit der Lebenschancen zu betonen. Das Bemühen von DATA und ONE, sich vom Image traditioneller Hilfsorganisation abzuheben, soll normative Glaubwürdigkeit für die traditionell unter Legitimationsdefiziten leidende Entwicklungspolitik sichern. Zudem ist es DATA mit seinen wichtigsten Financiers, der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung und dem Open Society Institute von George Soros, gelungen, sich an die Spitze des internationalen Stiftungsgeschäfts zu setzen und damit jene Verbindung auch institutionell zu schaffen, die für die Wirksamkeit der Prominenten-Diplomatie die größten Erfolgsaussichten verspricht: die Verbindung von Show- mit Business-Prominenz, die beide gleichzeitig über enge Beziehungen zum politischen Establishment auf höchster Ebene verfügen.

Der zentrale Ort, an dem sich diese Elitengruppen gegenseitig stärken und durch die wechselseitige Anerkennung in ihrer Wirkung potenzieren, ist das Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos. Die Reputation dieses jährlichen Treffens von gold and glitter mit politischen Führern steht allerdings auch als Paradigma für ein Entwicklungsleitbild der "Hyperglobalisierung" und der Davos-Kultur, die Samuel Huntington mit dem "Glauben an Individualismus, Marktwirtschaften und politische Demokratie" in eins gesetzt hat.[33]

Die Kritik an diesem Modernitätsleitbild hat Personen wie Angelina Jolie und Bono dazu bewogen, als Protagonisten von Menschenrechten, des Kampfes gegen die Armut in Afrika und von Anti-AIDS-Kampagnen gegenüber der Wirtschaft die Einhaltung von Sozialverpflichtungen einzuklagen. So bleibt die ownership der auf Afrika zentrierten Aktivitäten der Prominenten-Diplomatie auf Repräsentanten der amerikanisch und britisch geprägten Unterhaltungsindustrie beschränkt. Dies hat große Anschlussfähigkeit zur Geschäftswelt, schließt jedoch auf der anderen Seite die Betroffenen und ihre Organisationen aus. Somit wird ein Politikmodell verfolgt, das von afrikanischer Seite als "gütiger Neokolonialismus" denunziert worden ist.[34] Dieser Zugang, der sich von einem vereinheitlichenden Bild Afrikas als Armutskontinent nicht zu lösen vermag, ist sicherlich einer der am stärksten kritisierten Elemente der Afrika-Kampagne.

Prominenten-Diplomatie als persönlichkeits- und nicht themengetriebene Sicht auf die internationale Politik hat auch Folgen für die Wahrnehmung der Stars: Die Selbstinszenierung dient der Hervorhebung der eigenen Marke (branding).[35] Indem Agenten und Promoter das Design für die Platzierung des jeweiligen Stars vorgeben, greifen Geschäft und öffentliche Projektion für politisch-soziale Interessen ineinander. Der Übergang von der Vorbild- zur Führungsrolle der "Freizeithelden" ist ohne eine organisatorische Plattform unter Einbindung von Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftlichen Gruppen jenseits der eigenen Fangemeinde nicht darstellbar. Hier zeigt sich die prekäre Qualität des prominenten Aktivismus, der ebenso schnell wieder verschwindet, wie er davor allseits gefördert wurde. Damit geraten die propagierten Ziele und Zwecke in eine Abhängigkeit von der Prominentenrolle, die nur schwer von der traditionellen Politik übernommen werden kann.

Ob Prominenten-Diplomatie mehr ist als ein "Pseudo-Event"[36] und über eine Werterhaltungsstrategie der "Star-Qualität" hinausgeht, hängt entscheidend von ihrer Einbindung in die Strategien einer ganzen Sparte der Unterhaltungs- und Medienindustrie ab; sie entspricht zudem den Tendenzen einer "Prominenzierung" in der Politik, welche die Persönlichkeit des Politikers immer stärker in den Vordergrund rückt.[37] Prominenz wird nicht ohne Grund eine Tendenz zur Bestätigung dominanter Werte zugeschrieben, die in der politischen Artikulation mit einer meist konventionellen Sicht der Dinge einhergeht,[38] die Übernahme patenhaft-assistentialistischer Positionen in der Entwicklungspolitik muss daher nicht verwundern. Diese Kritik an einer reinen Verstärkerrolle des Engagements Prominenter in der internationalen Politik wird besonders deutlich an ihrer Distanz zu globalisierungskritischen Sozialbewegungen, denen sie im Medieninteresse regelmäßig den Rang ablaufen.

Fazit

Wenn "Rockstars mit einem begründeten Anliegen die schlimmste Plage auf Gottes Erde sind"[39], dann ist die Frage nach den Auswirkungen des Handelns dieser nicht-traditionellen und selbst ernannten Akteure im Bereich der internationalen Politik nicht nur als Garnitur der Inszenierung von Gipfeltreffen anzusehen. Ob aber dauerhafte Wirkungen jenseits der Entwicklung politischer Ressourcen und der Gestaltung von Diskursen erzielt werden können, ist eine Frage, die mit der Ausweitung auf Kampagnenkoalitionen in den kommenden Jahren zu beobachten sein wird.

Der Aufstieg der Prominenten-Diplomatie als komplementäres, manchmal konfrontatives Modell gegenüber der traditionellen staatlichen Diplomatie dürfte indes außer Frage stehen. Doch wird erst eine langfristige Perspektive Antworten auf die Frage nach den Folgen der wachsenden Rolle von celebrities in der internationalen Politik geben können.
1|2|3|4|5|6|7 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Andrew Cooper, Celebrity Diplomacy, Boulder 2008, dem dieser Beitrag viele Anregungen verdankt.
2.
So Mark Leonhard, Diplomacy by Other Means, in: Foreign Policy, (2002) Sept./Oct., S. 48.
3.
Diesen Prozess beschreibt Alan K. Henrikson als "disintermediation", weil viele Akteure auf staatliche Intermediation verzichten; vgl. Alan K. Henrikson, The Future of Diplomacy? Five Projective Visions, in: Clingendael Discussion Paper on Diplomacy, 96 (Januar 2002), S. 4.
4.
Vgl. hierzu Stephen A. Kent, Hollywood's Celebrity-Lobbyists and the Clinton Administration's American Foreign Policy toward German Scientology, in: Journal of Religion and Popular Culture, 1 (2002) Spring, in: www.usask.ca/relst/jrpc/article-scientology.html (18.8. 2008).
5.
Außerhalb der USA und Großbritanniens sind z.B. zu erwähnen: der senegalesische Sänger Youssou N'Dour, der liberianische Fußballstar George Weah und aus der indischen Bollywood-Filmindustrie der Schauspieler Amitabh Bachchan.
6.
Vgl. Mia Farrow, The "Genocide Olympics", in: The Wall Street Journal vom 28.3. 2007, www.miafar row.org/ed_032807.html (18.8. 2008), sowie dies., China can do more on Darfur, in: The Wall Street Journal vom 5.10. 2007, www.miafarrow.org/ed_100507.html (18.8. 2008).
7.
Zu den vielfältigen Dimensionen des Starkults vgl. Richard Dyer, Stars, London 1994.
8.
So Mark D. Alleyne, The United Nations' Celebrity Diplomacy, in: SAIS Review, 25 (2005) 1, S. 175.
9.
Vgl. Secretary General, Guidelines for the Designation of Goodwill Ambassadors and Messengers of Peace, www.un.org.ua/files/guidelines_gwa.pdf (18.8. 2008).
10.
Vgl. auch den Bericht der Commission for Africa unter www.commissionforafrica.org/english/
home/newsstories.html (18.8. 2008). Geldof wurde sogar mit dem Sonderprogramm "Geldof's 'New Thinking' Initiative" ausgestattet.
11.
Äußeres Merkmal für dieses Anerkennungsverhältnis sind gemeinsame Fototermine, aber auch die Aufnahme der Schauspielerin Angelina Jolie in den ehrwürdigen Council on Foreign Relations der USA.
12.
Bono über Bono. Gespräche mit Michka Assayas, Köln 2005, S. 89 und S. 93.
13.
Ebd., S. 294.
14.
Vgl. Martha Finnemore/Kathryn Sikkink, International Norm Dynamics and Political Change, in: International Organization, 52 (1998) 4, S. 893.
15.
Anna Holzscheiter, Discourse as Capability: Non-State Actors' Capital in Global Governance, in: Millenium, 33 (2005) 3, S. 723 - 746, hier. S. 743.
16.
Vgl. David S. Meyer, The Challenge of Cultural Elites: Celebrities and Social Movements, in: Sociological Inquiry, 65 (1995) 2, S. 181 - 206.
17.
Zur Darstellung der Entwicklungsabschnitte vgl. Chris Tenove, Stars above Africa, in: The Walrus Magazine, (2007) Dec./Jan., S. 44 - 53.
18.
Vgl. Bono (Anm. 12), S. 295.
19.
So Graeme Turner, Understanding Celebrity, London 2004, S. 23.
20.
Vgl. A. Holzscheiter (Anm. 15), S. 723 - 746.
21.
So schrieb Bono das Vorwort zu Jeffrey Sachs, Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt, München 2006, in dem er ihn als "Lehrer" bezeichnet.
22.
Vgl. David L. Gregory, From Pope John Paul II to Bono/U2: International Debt Relief Initiatives "in the Name of Love", in: Boston University International Law Journal, 19 (2001), S. 257 - 271.
23.
So Bianca Jagger, Platitudes? Bono and Geldof slept with the enemy and betrayed the cause, in: New Statesman vom 11.7. 2005, S. 13: "Bono and Bob Geldof's blind ambition has led them to legitimise and praise Bush and Blair, perpetrators of the objectionable policies that are causing the demise of innocent people throughout the developing world."
24.
Vgl. Ronald R. Krebs/Patrick Thaddeus Jackson, Twisting Tongues and Twisting Arms: The Power of Political Rhetoric, in: European Journal of International Relations, 13 (2007) 1, S. 35 - 66.
25.
Vgl. Joshua William Busby, Bono made Jesse Helms Cry: Jubilee 2000, Debt Relief, and Moral Action in International Politics, in: International Studies Quarterly, 51 (2007), S. 247 - 275.
26.
Vgl. Frances Westley, Bob Geldof and Live Aid: The Affective Side of Global Social Innovation, in: Human Relations, 44 (1991), S. 1011 - 1036.
27.
Daniel W. Drezner, Foreign Policy goes Glam, in: The National Interest, 92 (2007) Nov./Dec., S. 22 - 29.
28.
Vgl. The Washington Post vom 15.7. 2007, B 07.
29.
So etwa die britische Entwicklungshilfeministerin Clare Short, Poverty and Inequality - a Major Threat to the Future. Fourth Ambedkar Memorial Lecture, Manchester Metropolitan University, 24.9. 2004.
30.
Vgl. Lisa Ann Richey/Stefano Ponte, Better (RED)TM than Dead? Celebrities, consumption and international aid, in: The World Quarterly, 29 (2008), S. 711 - 729.
31.
www.one.org.
32.
Debt, AIDS, Trade, Africa.
33.
Vgl. Samuel Huntington, Der Kampf der Kulturen, Wien 1996, S. 78.
34.
Africans to Bono: "For God's sake please stop!", www.american.com/archive/2007/july-0707/africans-to-bono-for-gods-sake-please-stop (18.8. 2008).
35.
Vgl. Hamish Pringle, Celebrity sells, Chichester 2004.
36.
Graeme Turner, Understanding Celebrity, London 2006, S. 5.
37.
Vgl. John Street, Celebrity Politicians: Political Representation and Popular Culture, in: British Journal of Politics and International Relations, 6 (2004), S. 435 - 452.
38.
Vgl. G. Turner (Anm. 36), S. 22f.
39.
So Bono in seiner Dankesrede bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der University of Pennsylvania am 17.5. 2004, www.upenn.edu/almanac/between/
2004/commence-b.html (18.8. 2008).