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18.9.2008 | Von:
Uwe Blien

Arbeitslosigkeit als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit - Essay

Entstehung von Arbeitslosigkeit

Wir werden uns aber im Folgenden dem Problem etwas grundsätzlicher nähern und die globale Entstehung von Arbeitslosigkeit analysieren. Daraus lässt sich einiges über das Verhältnis von sozialen Großgruppen der Gesellschaft ableiten. Als Grundlage wird eine Theorie herangezogen, die unter Volkswirten großes Ansehen genießt und in ihrer wissenschaftlichen Disziplin eine Art "Mainstream" darstellt.[5] Danach entsteht Arbeitslosigkeit im Zusammenhang der "Ansprüche" großer gesellschaftlicher Gruppen bei der Aneignung des Sozialprodukts. Es werden die beiden auf dem Arbeitsmarkt gegenüberstehenden Kategorien von Akteuren betrachtet; ihnen werden bestimmte Interessen zugeordnet: Die erste Gruppe besteht aus den Firmen, die bestrebt sind, ihren Gewinn zu vergrößern, die andere aus den Arbeitskräften, die ein möglichst großes Einkommen bei möglichst angenehmen Arbeitsbedingungen erzielen wollen.

Um den Prozess der Entstehung von Arbeitslosigkeit zu beschreiben - um den es hier geht -, wird zunächst eine Vollbeschäftigungssituation angenommen, das heißt die Arbeitslosenquote ist vernachlässigbar niedrig: Sie geht gegen null. In einer solchen Situation haben Arbeitskräfte eine vergleichsweise starke Position; sie können den Betrieb leicht wechseln. Wenn (nahezu) alle Arbeitskräfte beschäftigt sind, werden Betriebe, die expandieren wollen, tatsächlich "händeringend" zusätzliche Arbeitskräfte suchen - und kaum finden. Für den Betrieb, den eine Arbeitskraft verlässt, bedeutet dies nicht nur eine Verkleinerung der Produktionskapazität, sondern auch, dass ihm Qualifikationspotential verloren geht, das für die Produktion benötigt wird. Selbst wenn es dem Betrieb gelingen sollte, eine neue Arbeitskraft zu finden, muss er sie erst einarbeiten - dies verursacht Kosten.

Die Vertreter des Mainstream-Ansatzes der ökonomischen Theorie folgern weiterhin, dass in einer Vollbeschäftigungssituation die Betriebe ein Problem haben werden, ein hohes Leistungsniveau ihrer Beschäftigten zu sichern. Typische Arbeitsverträge definieren die Leistung der Beschäftigten nicht exakt. Eine Möglichkeit zur Leistungssteigerung besteht für die Betriebe darin, Lohnanreize zu bieten. Sie können versuchen, mehr zu bezahlen als ihre Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt.[6] Unter dieser Voraussetzung ist es für eine Arbeitskraft ungünstig, den Betrieb zu wechseln. Diese Überlegung gilt für alle Betriebe. Sie werden geneigt sein, sich bei der Lohnhöhe gegenseitig zu überbieten; ein gesamtwirtschaftlich steigendes Lohnniveau wird die Folge sein. Schließlich wird die Situation eintreten, dass ein Teil der Betriebe den gestiegenen Marktlohn nicht mehr bezahlen kann. Diese müssen nun entweder Beschäftigte entlassen oder sogar ganz aus dem Markt ausscheiden. Es entsteht Arbeitslosigkeit. Erreicht diese eine bestimmte Höhe, müssen die Betriebe keine höheren Löhne mehr zahlen, um sich eine leistungsbereite und betriebstreue Belegschaft zu sichern, da bereits der Druck der Erwerbslosigkeit wirkt.

Der beschriebene Ablauf ist nicht die einzige Erklärung für die Entstehung von Arbeitslosigkeit. Es gibt noch eine andere Variante, die in einer Vollbeschäftigungssituation in Gang kommt und zum gleichen Ergebnis führt. In einer solchen Situation haben die Interessenvertretungen der Arbeitskräfte ein relativ leichtes Spiel. Sie können höhere Löhne fordern und müssen kaum befürchten, dass ihren Mitgliedern Unangenehmes passiert. Sollten die Arbeitskräfte als Folge von Streiks ihren Job verlieren, gibt es in der Vollbeschäftigungsökonomie genug andere Arbeitsplätze. Aber erneut wird die günstige Situation nicht von Dauer sein, da die relativ hohen Löhne dazu führen, dass einzelne Betriebe nicht mehr mithalten können - und Arbeitslosigkeit entsteht. In dem Moment, in dem die Arbeitslosigkeit ein bestimmtes Mindestniveau überschreitet, bricht der Prozess zusammen, weil die Gewerkschaften auf die Beschäftigungschancen der von ihnen vertretenen Arbeitskräfte Rücksicht nehmen müssen.

Warum wird dieser Prozess hier in seinen verschiedenen Varianten ausgebreitet? Nun, hinter den Firmen stehen Menschen: die Eigentümer. Und wir haben mehrere Prozesse diskutiert, über welche die Einkommenschancen der einen gesellschaftlichen Gruppe - der Arbeitskräfte - mit denen der anderen - der Unternehmer - verknüpft sind. Wichtig ist, dass die gezahlten Löhne nicht so hoch steigen, dass die Gewinnaussichten der Unternehmer zerstört werden. Dies ist der relevante Maßstab, der wiederum durch die Produktivität der Firmen bestimmt wird - nicht durch das Niveau der Bedürfnisbefriedigung, das ein bestimmtes Lohnniveau erlaubt. In der vergleichsweise unproduktiven Ökonomie eines Entwicklungslandes kann es durchaus sein, dass nur sehr niedrige Löhne mit niedriger Arbeitslosigkeit kompatibel sind.

Damit haben wir einige zentrale Aspekte des Verhältnisses zwischen zwei sozialen Grundeinheiten der Gesellschaft behandelt - nennen wir sie Klassen. Die eine der beiden Klassen, die der Arbeitskräfte, ist primär von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Angehörigen der anderen Klasse können zwar auch arbeitslos werden. Das setzt aber voraus, dass sie ihr Kapital verlieren. Dann verwandeln sie sich in Angehörige der anderen Klasse, sie werden zu Arbeitskräften.

Die Analyse der Arbeitslosigkeit ist also für das Thema "soziale Ungleichheit" von zentraler Bedeutung. Sie ist unverzichtbar, wenn der soziale Prozess beschrieben werden soll, über den Einkommensauseinandersetzungen zwischen den großen gesellschaftlichen Gruppen ablaufen. Dadurch gewinnt man eine Vorstellung von der sozialen Dynamik, welcher die großen Gruppen unterliegen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung selbst hängt eng mit der Arbeitslosigkeit zusammen, da Zeiten mit niedriger Arbeitslosigkeit in der Regel Wachstumsphasen für die Gesamtwirtschaft sind; hohe Arbeitslosigkeit korreliert demgegenüber mit Stagnation oder sogar Schrumpfung.

Natürlich kann hier kein vollständiges Bild der Arbeitslosigkeit gezeichnet werden, die neben den beschriebenen Prozessen weitere Ursachen hat. In komplizierter Weise sind der Konjunkturzyklus und die technologische Leistungsfähigkeit einer Ökonomie in ihrer Position auf den Weltmärkten mit der nationalen Dynamik der Arbeitslosigkeit verknüpft. All dies hat ebenfalls Auswirkungen auf die relativen Positionen der großen sozialen Gruppen bzw. Klassen.

Wir haben zur Kennzeichnung der sozialen Gliederung den Klassenbegriff verwendet und sind damit der modernen Soziologie gefolgt, welche die Gesellschaft in Klassen oder Schichten unterteilt. Hier wird der Klassenbegriff bevorzugt, da er engeren Bezug zu der jeweiligen Stellung der betreffenden Gruppe im Wirtschaftsprozess hat.[7] In soziologischen Analysen wird in der Regel von einer Pluralität der Klassen ausgegangen, so in den einflussreichen Arbeiten von John H. Goldthorpe.[8] Hier wird ein binäres Schema verwendet, das aber Unterteilungen der Hauptklassen vorsieht. Dies haben wir bereits zu Anfang des Beitrags bei der Diskussion der qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten gezeigt; dort wurde die Klasse der Arbeitskräfte unterteilt.

Im Folgenden soll für weitere Differenzierungen eine regionale Perspektive eingenommen werden. Es wird sich zeigen, dass dies den zusätzlichen Vorteil hat, dass die theoretisch vorgetragenen Überlegungen wenigstens in bestimmtem Grade empirisch erhärtet werden können.

Fußnoten

5.
Gemeint ist jener Theorieansatz, der gegen Ende der 1980er Jahre entstand und von Richard Layard, Stephen Nickell und Richard Jackman (Unemployment. Macroeconomic Performance and the Labour Market, Oxford 1991, Neuauflage 2006), seine bekannteste Fassung erhalten hat. Leider hat sich für den Ansatz kein populärer Name verbreitet, so dass im Folgenden von "Konsensus-" oder "Mainstream"-Ansatz gesprochen wird. Vgl. auch: Wolfgang Franz, Arbeitslosigkeit, in: ders. u.a. (Hrsg.), Mikro- und makroökonomische Aspekte der Arbeitslosigkeit, Nürnberg 1992; Joachim Möller, Lohnbildung und Beschäftigung, in: ebd.; sowie zu einigen Grundlagen Ekkehart Schlicht, Labor Turnover, Wage Structure, and Natural Unemployment, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 134 (1978) 2.
6.
Erkenntnisse der experimentellen Ökonomie weisen daraufhin, dass Arbeitskräfte geneigt sind, bei höherer Bezahlung eine höhere Arbeitsleistung zu bieten. Vgl. Ernst Fehr/Simon Gächter/Georg Kirchsteiger, Reciprocity as a Contract Enforcement Device, in: Econometrica, 65 (1997) 4.
7.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 19805, S. 177; S. Hradil (Anm. 1) S. 38; vgl. auch Jutta Allmendinger/Christine Wimbauer, Leben wir in einer Klassengesellschaft?, in: Zeitwissen, (2006) 3.
8.
Vgl. Robert Erikson/John H. Goldthorpe, The Constant Flux, Oxford 1992.