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18.9.2008 | Von:
Uwe Blien

Arbeitslosigkeit als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit - Essay

Regionale Perspektive

Ein Blick auf die Arbeitslosenquoten in den Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland im Juli 2008 zeigt enorme Unterschiede. Die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland ist hoch, in einzelnen Kreisen werden Werte von über 20 Prozent erreicht: Das Maximum in Görlitz beträgt 22,3 Prozent. Auch im Westen gibt es Problemgebiete mit hohen Arbeitslosenquoten von über 15 Prozent und einem absoluten Maximum in Bremerhaven von 18,7 Prozent. Hier treten jedoch ebenso Kreise mit Werten auf, die so niedrig sind, dass sie noch vor kurzem als unerreichbar gegolten hätten: Der Rekordhalter ist Eichstätt mit einer Quote von nur 1,6 Prozent.[9] Unter den relativ einheitlichen institutionellen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik Deutschland existieren sowohl Regionen, die immer noch von einer tiefen Arbeitsmarktkrise gekennzeichnet sind, als auch solche, in denen inzwischen günstige Bedingungen herrschen.

Abstrahiert man von kleinräumigen Unterschieden in der Arbeitslosigkeit, sieht man vor allem ein West-Ost-Gefälle: Ostdeutschland (einschließlich Berlins) weist mit 14,3 Prozent eine fast doppelt so hohe Quote auf wie der Westen mit 7,1 Prozent. Nach der vorgetragenen theoretischen Argumentation müsste das Lohnniveau in Ostdeutschland deutlich niedriger sein - und dies ist auch so. Wenn man berücksichtigt, dass die Arbeitskräfte in Ostdeutschland zum Teil andere Merkmale haben als im Westen, beträgt der Lohnabstand 24 Prozent.[10] Rechnet man also die Unterschiede in der Qualifikation, in den Berufen und vielen anderen Merkmalen (in einer statistischen Analyse) heraus, ergibt sich der genannte Wert. Natürlich gibt es verschiedene Einwände dagegen, den Lohnabstand direkt mit den Unterschieden in der Arbeitslosigkeit in Verbindung zu bringen. Schließlich war das Lohnniveau in Ostdeutschland vor der Vereinigung noch weitaus niedriger. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, welchen Grund die Gewerkschaften und die individuellen Arbeitskräfte in Ostdeutschland denn haben sollten, sich mit weniger Einkommen zu bescheiden, wenn es nicht die Arbeitslosigkeit wäre. In vielen Tarifverträge werden denn auch explizite Unterschiede zwischen den beiden Landesteilen gemacht mit der Folge niedrigerer Löhne in Ostdeutschland.

Dies ist anders innerhalb der beiden Landesteile; hier gibt es kaum entsprechende tarifvertragliche Regelungen für die Regionen. Dies hat zur Folge, dass innerhalb Westdeutschlands eine Verdoppelung des Arbeitslosigkeitsniveaus den Lohn nur um rund drei Prozent reduziert, wie eine eingehende statistische Analyse zeigt.[11] Trotzdem können nicht unerhebliche Einkommensunterschiede auf die Differenzierung der Arbeitslosigkeit zurückgeführt werden, da die Arbeitslosigkeitsniveaus in Westdeutschland sehr stark variieren.

Es zeigt sich also, dass durch hohe Arbeitslosigkeit benachteiligte Regionen ein zweites Mal negativ betroffen sind: Dort gilt nicht nur ein höheres Erwerbslosigkeitsrisiko, die aktiven Arbeitskräfte müssen zusätzlich damit leben, dass ihr Lohn niedriger ist als in Gebieten mit hohem Beschäftigungsgrad.

Die regionalen Betrachtungen verdeutlichen, dass das Arbeitslosigkeitsrisiko zu einer Differenzierung sozialer Lagen führt, ohne dass damit persönliche Merkmale verbunden sein müssen. Führt man die regionalen Analysen mit den Untersuchungen zum Bildungsniveau zusammen, so zeigen sich entsprechend Bildungsabschluss und Arbeitsort systematische Vor- oder Nachteile im Erwerbsleben. Wir sehen, dass die Arbeitslosigkeit tatsächlich eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit ist, da sie auf das engste mit weiteren Dimensionen verknüpft ist. Arbeitslosigkeit hat unter anderem Auswirkungen auf das Einkommensniveau auch von Personen, die gar nicht arbeitslos sind, weil sie die Verhandlungsposition in Verteilungskonflikten mit bestimmt.

Fußnoten

9.
Vgl. Uwe Blien/Phan thi Hong Van, Vollbeschäftigung und Arbeitslosigkeit, in: IAB Forum, (2008) 2.
10.
Vgl. Uwe Blien/Phan thi Hong Van, Arbeitslosigkeit und Entlohnung, IAB-Forschungsbericht, 2008 (i.E.).
11.
Vgl. Badi H. Baltagi/Uwe Blien/Katja Wolf, New evidence on the dynamic wage curve for Western Germany: 1980 - 2004, in: Labour Economics, 2008 (i.E.).