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18.9.2008 | Von:
Markus Promberger

Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration

Was ist Arbeit?

Arbeit lässt sich zunächst definieren als zweckgerichtete, verstandesgeleitete[4] menschliche Tätigkeit, die vorrangig der Sicherung des Lebensunterhaltes dient.[5] Doch reicht das aus? Ein Blick in die Literatur belehrt uns eines Besseren: Begriffsgeschichtlich ist Arbeit vor allem mit Mühsal und Plage verbunden,[6] jedoch tritt bei näherem Betrachten oder in neuerer Zeit immer mehr und anderes hinzu. Schon früh kommt die Idee auf, dass Arbeit auch Sinn vermittele, und sei es der mönchische Gedanke, dass man sich das Himmelreich durch Arbeit und Gebet verdiene.[7] Verschiedentlich und meist in neuerer Zeit begegnet uns die Auffassung, Arbeit sei ein kreativer Akt,[8] der es dem Menschen ermögliche, sich vom Tier zu unterscheiden,[9] Ordnung erzeuge und Gemeinschaft herstelle,[10] und dabei nicht nur Nützliches, sondern auch Großartiges tue.[11] Selbst Karl Marx,[12] der die Arbeit der Proletarier und die Aneignung des von ihnen produzierten Mehrwertes als Kernelement eines gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisses begriff, hebt deren anthropologische Ambivalenz hervor: Menschen arbeiten, um zu überleben, um ihre Subsistenz mit Hilfe nutzbar gemachter Natur zu sichern. Historisch führen jedoch politisch-wirtschaftliche Prozesse dazu, dass die Arbeitsergebnisse von anderen als den Produzenten angeeignet werden können. Nicht die Arbeit selbst, sondern ihre jeweiligen historisch-sozialen Bedingungen stehen daher für Marx zur Kritik, obschon auch im Mainstream der kritischen, auch von Marx inspirierten Sozialwissenschaften die Kritik an der Arbeit deren positive, ja system- und ideologiesprengende Momente wie Eigensinn, Autonomie und Produzentenstolz überwog. Erst angesichts der anhaltenden Arbeitslosigkeit im ausgehenden 20. Jahrhundert geriet die Frage ins wissenschaftliche Blickfeld, weshalb Arbeitslosigkeit trotz wohlfahrtsstaatlicher Kompensationen ein soziales Problem bleibt, wie Arbeitslosen am besten zu helfen sei - und welche Rolle Arbeit und arbeitsähnliche Verhältnisse dabei spielen.

Sehen wir uns die Arbeit also näher an: Menschen erzeugen mit ihrer Arbeit nützliche Güter und Dienstleistungen für den Markt. Der Lohn, den die Arbeitenden dafür erhalten, sichert ihren Lebensunterhalt und ermöglicht ihnen den Kauf der hierfür nötigen Mittel. Dies betrifft in der Arbeitsgesellschaft einen großen Teil der Bevölkerung, und zwar all diejenigen, deren Vermögen, sofern vorhanden, nicht ausreicht, um ihnen und ihren Familien ein arbeitsfreies Einkommen zu sichern.

Doch mit individuellem Broterwerb und der Produktion von materiellem Wohlstand ist es nicht getan. Arbeit erzeugt darüber hinaus räumlich-zeitliche und soziale Strukturen und soziale Beziehungen.

Fußnoten

4.
Vgl. Pierre-Joseph Proudhon, Philosophie der Staatsökonomie oder Nothwendigkeit des Elends, Darmstadt 1847.
5.
Vgl. z.B. Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1981.
6.
Vgl. Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1997.
7.
Vgl. das 48. Kapitel der Regel des heiligen Benedikt.
8.
Vgl. Birger Priddat, Arbeit an der Arbeit: Verschiedene Zukünfte der Arbeit, Marburg 2000 und Pierre-Michel Menger, Kunst und Brot. Die Metamorphosen des Arbeitnehmers, Konstanz 2006.
9.
Vgl. P. Proudhon (Anm. 4) und Friedrich Engels, Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Berlin 1962.
10.
Vgl. Emile Durkheim, Über die Teilung der sozialen Arbeit, Frankfurt/M. 1977.
11.
Vgl. die um 1260 entstandene Eingangsstrophe der Fassung C des Nibelungenlieds "...von helden lobebaeren, von grozer arebeit..." (Nibelungenlied 2005), Übertragung des Begriffs arebeit' nach Rudolf Schützeichel, Althochdeutsches Wörterbuch, 5., überarbeitete und erweiterte Auflage, Tübingen 1995.
12.
Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1962 (orig. 1867).