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18.9.2008 | Von:
Markus Promberger

Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration

Soziale Funktionen von Arbeit jenseits von Produktion und Konsum

So wirkt Arbeit als zweckgerichtete, meist kooperativ vorgenommene Auseinandersetzung mit natürlichen oder sozialen Arbeitsgegenständen räumlich und zeitlich strukturierend. Man arbeitet dann, wenn andere auch arbeiten, um mit ihnen zusammenzuarbeiten; man arbeitet, wo andere arbeiten. Seit der industriellen Revolution geschieht Erwerbsarbeit außerhalb des häuslichen Umfeldes. Man arbeitet vor anderen oder nach anderen, wenn die anderen auf das eigene Arbeitsergebnis angewiesen sind - oder man selbst auf das der anderen. Bestimmte Stunden des Tages oder Zeiten des Jahres sind aufgrund natürlicher Bedingungen zum Arbeiten geeigneter als andere. Bestimmte Zeiten sind aufgrund gemeinschaftlicher oder gesellschaftlicher Normen anderem als der Arbeit vorbehalten; psychophysischer Ruhebedarf, Freizeitbedürfnisse, Familien- und Freundschaftsbeziehungen und Reproduktionsarbeiten erfordern eigene Zeiten. Arbeit und Familie sind es insbesondere, die den erwerbstätigen Menschen zur Strukturierung der Zeit veranlassen.

Der systematische Beginn der sozialen Funktionen von Arbeit sind Arbeitsteilung und die damit zwangsläufig verbundene Kooperation - Karl Marx wie auch Emile Durkheim haben darauf hingewiesen.[13] Kooperation und die dafür nötige Kommunikation sind Interaktion und erzeugen oder verweisen auf nahräumliche unmittelbare Beziehungen zwischen Menschen. Dies kann als Gemeinschaftsbildung, in Anlehnung an Ferdinand Tönnies auch als Vergemeinschaftung bezeichnet werden.[14] Solche Gemeinschaften können zunächst Familien, Großhaushalte, Hofhaltungen oder Dorfverbände sein, in denen arbeitsteilig-kooperativ produziert und nach mehr oder weniger hierarchisch differenzierten Mustern konsumiert wird. Mit der industriellen Revolution kam es zur räumlichen Trennung von Produktion und Konsumtion/Reproduktion, zur Trennung von Betrieb und Haushalt - und dies ist für die meisten Erwerbstätigen trotz neuer Informationstechnologien immer noch so. Dementsprechend sind die meisten außerhäusig erwerbstätigen Menschen in zwei Beziehungsgeflechte im sozialen Nahbereich integriert: in den Betrieb mit Arbeitskollegen und Vorgesetzten und in die außerbetriebliche Lebenswelt mit Familie, Nachbarschaft, Freundschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen. Diese Integration bringt auch nahräumliche soziale Anerkennung mit sich: Indem jemand arbeitet und in die entsprechenden Beziehungsgeflechte integriert ist, gilt er (oder sie) als wertvolles, normales, seine Aufgaben, Rollen und Funktionen erfüllendes Subjekt. Arbeit und die damit normalerweise verbundene Kooperation, Kommunikation und Beziehungsbildung erzeugen damit nicht nur unmittelbare soziale Integration, sondern auch soziale Anerkennung.[15] Damit nicht genug. Auch die gesellschaftliche Anerkennung jenseits der Gemeinschaftsbeziehungen im sozialen Nahbereich basieren in Arbeitsgesellschaften schlichtweg auf der Tatsache, dass jemand arbeitet - sich selbst und seine oder ihre Angehörigen ernährt, Steuern und Sozialbeiträge bezahlt und an den wirtschaftlichen Kreisläufen eigenständig teilnimmt. Die soziale Anerkennung durch Erwerbsteilhabe ist (neben dem Produzentenstolz) ein wesentlicher Nährboden des Selbstwertgefühles von Arbeitnehmern in Arbeitsgesellschaften (vgl. die Übersicht der PDF-Version).

Arbeit trägt also - auch wenn sie unbestritten und immer noch Mühsal, Ausbeutung und Konflikt bedeuten kann - in Arbeitsgesellschaften zur sozialen Integration der Individuen bei. Dies überschreitet auch das Theorem von der "Arbeit als zentralem Vergesellschaftungsmodus",[17] der vor allem über den wirtschaftlichen Inklusionszusammenhang "Arbeit-Warenproduktion-Markt-Gesellschaft-Politik-Verteilung-Konsum" und davon abgeleitete wohlfahrtsstaatliche Ansprüche gedacht wird. Die Inklusionseffekte von Arbeit erschöpfen sich auch nicht im symbolischen Konsum[18] und dem dadurch erworbenen oder reproduzierten Status. Auch wenn die Handlungssphären Freizeit und Konsum in den Perspektiven der Menschen mittlerweile mehr Platz einnehmen als vor ein bis zwei Generationen,[19] ist Arbeit doch die Schlüsselkategorie für die soziale Integration von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der Arbeitsgesellschaft geblieben. Das bekannte Bonmot "Arbeit ist nicht alles, aber ohne Arbeit ist alles nichts" bringt dies zum Ausdruck und führt uns zur nächsten Frage.

Fußnoten

13.
Vgl. E. Durckheim (Anm. 10) und K. Marx (Anm. 12).
14.
Vgl. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft, Darmstadt 1963.
15.
Zur Theorie der sozialen Anerkennung vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/M. 1994.
17.
Vgl. Reinhard Kreckel, Politische Soziologie und soziale Ungleichheit, Frankfurt/M. 1992.
18.
Vgl. Lucia A. Reisch, Symbols for Sale: Funktionen des symbolischen Konsums, in: Christoph Deutschmann (Hrsg.), Die gesellschaftliche Macht des Geldes, Wiesbaden 2002.
19.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt a. Main 1992 und Horst Opaschowski, Freizeit, Konsum und Lebensstil, Köln 1977.