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18.9.2008 | Von:
Markus Promberger

Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration

Arbeitslosigkeit und ihre Teilhabedefizite - "was fehlt, wenn Arbeit fehlt?"

Streng genommen müssen wir hier zunächst unterscheiden zwischen Arbeitslosigkeit als (nicht freiwillig zustandegekommenem) Fehlen eines formalen Beschäftigungsverhältnisses, und dem Fehlen von Arbeit im weiteren Sinne.[20] Das folgende Interviewzitat macht den Unterschied deutlich. "Arbeitslos werden kann heutzutage jedem passieren. Aber nix arbeiten, des is net recht" (Herr B., 55 Jahre, Elektriker, Maschinist und Landwirt, 2007, arbeitslos 1999-2001).[21]

Mit "arbeitslos werden" meint unser Interviewpartner den Verlust einer vertraglich geregelten Erwerbsarbeit in einem richtigen Betrieb, etwa im Rahmen eines Personalabbaus oder einer Betriebsschließung. Nach den in Herrn B.'s Wohnort üblichen Vorstellungen ist die extern verursachte Arbeitslosigkeit nicht das Problem, sondern die Tatsache, dass manche Betroffene darauf mit Untätigkeit reagieren. So wird im ländlichen Umfeld von Herrn B. erwartet, dass Arbeitslose tätig sind. Sei es im eigenen Haus und Garten oder in der weitgefächerten informellen Ökonomie des dörflichen Umfeldes, die von bezahlter und unbezahlter Nachbarschafts- und Verwandtschaftshilfe über Minijobs in örtlichen Läden oder Betrieben bis hin zu ehrenamtlichen Tätigkeiten in Kirchengemeinde, Feuerwehr und Vereinsleben reicht. Eine gewisse Ambivalenz aus sozialer Kontrolle und der Aufrechterhaltung wirtschaftlicher und sozial-nahräumlicher Integration, sowie ein Arbeitsbegriff, der Arbeit nicht vollständig in vertragsförmige organisierte Lohnarbeit auflöst, ist charakteristisch für manche Kontexte der ländlichen Arbeitslosigkeit.

"Was fehlt, wenn (...) Arbeit fehlt"?[22] Dies ist die klassische Frage der sozialpsychologischen Arbeitslosenforschung seit der Marienthal-Studie.[23] Damals, Anfang der 1930er Jahre, untersuchten Sozialforscher der Universität Wien die Arbeitslosigkeit in einem österreichischen Dorf, das vorher fast komplett von der Arbeit in einer infolge der Weltwirtschaftskrise geschlossenen Textilfabrik gelebt hatte. Sie fanden bei den Arbeitslosen Verluste der räumlichen und zeitlichen Orientierungsfähigkeit, vermehrte Suchterkrankungen, Perspektivlosigkeit, zunehmende familiale, soziale, psychische und gesundheitliche Probleme und Vereinzelung, Verlust der "Selbstwirksamkeit", also der Empfindung, selbst sein Leben und seine Situation beeinflussen zu können. Marie Jahoda führt dies auf die latenten Funktionen der Erwerbsarbeit zurück,[24] die neben dem Gelderwerb zu positiven Effekten auf Wohlbefinden und Gesundheit führen. Dazu zählen eine feste Zeitstruktur, soziale Kontakte außerhalb des engeren sozialen Netzes, die Verfolgung gemeinsamer Ziele, die über die individuellen Ziele hinausgehen und regelmäßige Aktivitäten. In der Arbeitslosigkeit fallen diese Funktionen, wenn nicht vollständig, so doch in relevanten Teilen weg.

Über den Zusammenhang von Einschränkungen der Gesundheit und Arbeitslosigkeit erfahren wir etliches aus der sozialpsychologischen und -medizinischen Forschung, auch wenn nicht abschließend geklärt ist, wie die entsprechende Entwicklung vonstatten geht und welche Faktoren dabei relevant sind. Es liegen Hinweise darauf vor, dass Arbeitslosigkeit Krankheit verursachen kann, dass Kranke aber auch eher arbeitslos werden.[25] Arbeitslosigkeit und gesundheitliche Einschränkungen können mit weiteren Belastungen einhergehen, etwa mit schlechtem Wohnumfeld. Arbeitslosigkeit kann als einzelner Stressor bereits bestehende Belastungen verstärken. Die psychische Verletzlichkeit von Menschen mit gesundheitlichen Problemen wird durch Arbeitslosigkeit erhöht. Es wird vermutet, dass eine Kombination von Faktoren ursächlich für diese Zusammenhänge ist. Großes Gewicht kommt dabei dem Gesundheitsverhalten zu.[26] David Fryer und Roy Payne haben in einer nicht unumstrittenen Studie gezeigt,[27] dass besonders proaktive Arbeitslose trotz andauernder Arbeitslosigkeit psychisch stabil blieben. Dies nimmt nicht wunder: Wir wissen, dass legitime Alternativen zur Erwerbsarbeit - beispielsweise Familienarbeit für Frauen, ehrenamtliche Tätigkeiten, Verrentung - die negativen Folgen von Erwerbslosigkeit kompensieren können.[28] Gleiches gilt für Eigenarbeit in dafür tauglichen Kontexten. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass nicht-formale Arbeitszusammenhänge, zu denen auch Familien- und Hausarbeit zählen, nicht allen Menschen unter allen Umständen zugänglich sind, weil sie beispielsweise Kleineigentum, oder taugliche Gemeinschaftsbeziehungen voraussetzen oder mit einem gesellschaftlich einigermaßen akzeptierten Rollenbild konform sein müssen - etwa dem der nicht erwerbstätigen, wohl aber arbeitenden Hausfrau. Neuerdings gibt es Indizien dafür, dass eine in der Adoleszenz erworbene feste Berufsrolle die Erosion von erwerbsbezogenen Kompetenzen in Phasen der Arbeitslosigkeit verhindern oder verlangsamen kann.[29] Neu ist auch, dass die These von der Verfestigung arbeitsmarktferner Verhaltensweisen bei zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit bei weitem nicht pauschal auf alle Arbeitslosen zutrifft. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass zwischen dem "Drinnen" einer lebenslangen Erwerbstätigkeit und dem "Draußen" einer dauerhaften Arbeitslosigkeit eine breite Zone der so genannten "prekären Inklusion" liegt.[30] Zwar ist dies nicht mehr ganz neu, doch in der öffentlichen Diskussion immer noch nicht richtig angekommen. Diese Zone der Prekarität zeichnet sich durch riskante, kurzfristige oder nicht existenzsichernde Beschäftigungsverhältnisse aus, die sich abwechseln mit Perioden von Arbeitslosigkeit und Hilfebezug, Teilnahme an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und - selten - Berührungen mit dem informellen Sektor. Und, diese Risiken beschränken sich nicht auf Randgruppen oder Unterschichten, was immer darunter zu verstehen sein mag, sondern sie reichen bis weit in die Mittelschichten hinein. Die Bremer Armutsforschung der 1990er Jahre hat angesichts der Sozialhilfebezieher erstmals auf dieses Phänomen der "perforierten Biografien" aufmerksam gemacht,[31] Untersuchungen mit Arbeitslosen indizieren Ähnliches.[32] Auch wenn der Umfang dieses Problems bisher mangels geeigneter Daten nicht abschließend geklärt werden konnte, zeigt sich zweierlei: Erstens sind Arbeitslosigkeit und ihre Folgephänomene dynamischer als gedacht, sowohl in zeitlicher als auch in sozialer Hinsicht. Viele Menschen sind im Laufe ihrer Biographie einmal oder mehrmals arbeitslos, und die wenigsten Langzeitarbeitslosen sind dies für ihr ganzes Leben. "Einmal arbeitslos - immer arbeitslos": Dieser Spruch gilt nicht. Die Arbeitslosen sind kein stummes, latent drohendes Heer von auf ewig Ausgeschlossenen, auch wenn es eine relevante Gruppe gibt, der die Rückkehr ins Erwerbsleben nicht gelingt. Forschung, Arbeitsmarktpolitik und Armutsbekämpfung müssen sich auf diese dynamischen Verhältnisse einstellen. Zweitens ist Arbeitslosigkeit für die Betroffenen eine biographische Phase. Sie konstituiert sich in der Biographie in einer je spezifischen Form und wird dort beendet. Demzufolge sind auch die Folgeerscheinungen von Arbeitslosigkeit biographisch, als Entwicklungsprozess, konstituiert und geformt.

Versuchen wir also, dem näher und vollständiger auf die Spur zu kommen, was eigentlich fehlt, wenn Menschen arbeitslos sind. Was ist das Bindeglied zwischen der beobachtbaren Arbeitslosigkeit und ihren psychosozialen Folgen? Wenden wir uns nochmals den eingangs spezifizierten sozialen Strukturierungsleistungen von Arbeit jenseits des Erwirtschaftens eines Lebensunterhalts zu. Erfolgreiches, sinnvolles Tätigsein setzt den Menschen in eine sinnvolle Beziehung zu seiner materiellen und sozialen Umwelt. Die naturbezogenen und sozialen Prozesse der Arbeit erfordern ein bewusstes Strukturieren von Raum und Zeit, indem sie den Menschen veranlassen, sich zu den sozialen und natürlichen Strukturen von Raum und Zeit im Alltag in Beziehung zu setzen - etwa pünktlich aufzustehen, den Weg zur Arbeit aufzunehmen, nach angemessener Zeit die Arbeit zu beenden. Kooperation, ohne die menschliche Arbeit nicht funktioniert, möglicherweise nie funktioniert hat, bedingt Interaktion mit Anderen, dadurch entstehen Kommunikation und Beziehungen. Diese gehen idealerweise mit Anerkennung im sozialen Nahbereich einher. Die Tatsache, dass ein Subjekt formal arbeitet, Steuern und Sozialbeiträge zahlt und konsumiert, erzeugt gesellschaftliche Anerkennung als wirtschaftendes und konsumierendes Subjekt, das auch für die Gesellschaft Leistungen erbringt.

Das Fehlen von Arbeit - hier als nutzbringende Tätigkeit unabhängig von ihrer Formalisierung - entlässt den Menschen aus der durch die Arbeit generierten raumzeitlichen Strukturierung des Alltags in die Strukturlosigkeit, beendet die Sinnproduktion, die mit der Arbeit einhergeht, bedingt einen Verlust zumindest der aus der Arbeitswelt herrührenden Kooperations-, Kommunikations- und Beziehungsstrukturen und der damit verbundenen nahräumlichen Anerkennung. Das Abweichen von den eigenen Rollenerwartungen und denen des nahräumlichen Umfelds - die wirtschaftlich eigenständige Existenz ist gefährdet, die Funktionsbeziehung zu Betrieb, Familie und Gesellschaft ist eingeschränkt - und letzten Endes die eigene Funktionslosigkeit des Betroffenen gefährden (auch bei Abwesenheit von starker materieller Armut) Familienbeziehungen. Denn Anerkennung, Selbstwertgefühl, Nützlichkeitsempfindung sind Münzen, die auch in anderen Lebensbereichen gelten, als in dem, in dem sie geprägt wurden. Durch Arbeitslosigkeit verursachte soziale Defizite können zu psychischen und in der Folge zu somatischen Defiziten werden: Arbeitslosigkeit kann krank machen. Wir sehen also, ein wichtiger Schlüssel zur Erklärung der psychosozialen und gesundheitlichen Folgeprobleme von Arbeitslosigkeit liegt in den sozialen Effekten der Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft - in deren "naturwüchsiger" Sinnstiftungs-, Teilhabe- und Inklusionswirkung, bzw. deren Fehlen bei Arbeitslosigkeit.[33]

Fußnoten

20.
Der Untertitel dieses Abschnitts - "was fehlt, wenn Arbeit fehlt" - ist fast gleichlautend mit dem Titel einer Publikation von Alois Wacker (A. Wacker, Was fehlt, wenn die Arbeit fehlt? Arbeitslosigkeit aus sozialpsychologischer Perspektive, in: Uwe Becker/Franz Segbers/Michael Wiedemeyer (Hrsg.), Logik der Ökonomie - Krise der Arbeit, Mainz 2001), der sich seit Jahrzehnten mit den sozialpsychologischen Folgen von Arbeitslosigkeit befasst. Auch Olaf Behrend hat sich in seinem gleichnamigen Vortrag auf der Herbsttagung 2007 der Sektion Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie mit den Inklusionseffekten von Arbeit auseinandergesetzt. Für die vorliegenden Ausführungen, insbesondere den arbeitssoziologischen Systematisierungsversuch und den Bezug auf die Aktivierungspolitik ist der Verfasser dieses Beitrags selbst verantwortlich. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von O. Behrend in dieser Ausgabe von APuZ.
21.
Das Zitat entstammt einer qualitativen Befragung des IAB, näheres weiter unten.
22.
A. Wacker (Anm. 20).
23.
Vgl. Marie Jahoda/Paul Lazarsfeld/Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt/M. 1975 (erstm. 1933).
24.
Vgl. dies., Wieviel Arbeit braucht der Mensch?, Weinheim 1983.
25.
Vgl. Thomas Kieselbach/Gert Beelmann, Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Stand der Forschung, in: Alfons Hollederer/Helmut Brand (Hrsg.), Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit, Bern 2006.
26.
Vgl. z.B. Klaus Hurrelmann, Gesundheitssoziologie, Weinheim-München 2006. Anmerkung der Redaktion: Siehe zu diesem Abschnitt auch die Beiträge von Michael Frese sowie von Gisela Mohr und Peter Richter in dieser Ausgabe von APuZ:
27.
Vgl. David Fryer/Roy Payne, Proactive behaviour in unemployment: Findings and Implications, in: Leisure Studies, 3 (1984) 3, S. 273 - 295.
28.
Vgl. Claus Offe/Karl Hinrichs, Sozialökonomie des Arbeitsmarktes und die Lage "benachteiligter" Gruppen von Arbeitnehmern, in: Projektgruppe Arbeitsmarktpolitik/Claus Offe, Opfer des Arbeitsmarktes. Zur Theorie der strukturierten Arbeitslosigkeit, Neuwied-Darmstadt 1977.
29.
Vgl. Andreas Hirseland/Markus Promberger/Ulrich Wenzel/Natalie Grimm/Marco Sigmann/Berthold Vogel/Anne Hacket/Sabine Pfeiffer/Tobias Ritter/Petra Schütt, Armutsdynamik und Arbeitsmarkt. Entstehung, Verfestigung und Überwindung von Hilfebedürftigkeit bei Erwerbsfähigen, IAB-Projekt 896, Erster Zwischenbericht, Nürnberg 2007.
30.
Vgl. Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt 2002; Heinz Bude, Das Problem der Exklusion, Hamburg 2006; Pierre Bourdieu, Die zwei Gesichter der Arbeit, Konstanz 2000; Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Frankfurt 2000 und Serge Paugam, Die elementaren Formen der Armut, Hamburg 2008. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch das Themenheft "Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung" dieser Zeitschrift: APuZ, (2008) 33 - 34 vom 11. August 2008.
31.
Stefan Leibfried/Lutz Leisering/Petra Buhr/Monika Ludwig/Eva Mädje/Thomas Olk/Wolfgang Voges/Michael Zwick, Zeit der Armut: Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt/M. 1995.
32.
Vgl. Gerd Mutz/Wolfgang Ludwig-Mayerhofer/Elmar J. Koenen/Klaus Eder/Wolfgang Bonß, Diskontinuierliche Erwerbsverläufe, Opladen 1995.
33.
Hierbei darf natürlich nicht vergessen werden, dass Arbeit nicht gleich Arbeit ist. Für eine volle Entfaltung der Inklusionseffekte von Arbeit sind existenzsichernde Löhne und humane Arbeitsbedingungen essentiell, die jedoch historisch erst mit den sozialen und politischen Erfolgen der Arbeiterbewegung Wirklichkeit wurden. Die Armut der frühindustriellen Arbeiter, Sprech- und Organisationsverbote, Arbeitszerlegung und Leistungsdruck sind Beispiele dafür, dass Arbeit nicht per se alle ihre Inklusionspotentiale in Reinform entfaltet.