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18.9.2008 | Von:
Markus Promberger

Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration

Geförderte Arbeit

Nicht nur wegen der leeren Kassen des nachindustriellen Wohlfahrtsstaates, sondern auch wegen der vielgestaltigen naturwüchsigen Inklusionseffekte von Arbeit liegt es daher nahe, Arbeitslosigkeit mit Arbeit zu bekämpfen. In den Aktivierungskonzepten von Tony Blairs Drittem Weg ebenso wie in Gerhard Schröders Agenda 2010 waren die weiteren sozialen Inklusionseffekte jedoch etwas aus dem Blickfeld geraten. Arbeitslosigkeit erschien in den Jahren der Aktivierungseuphorie vor allem als fiskalisches Problem, das in einem verschlankten, das heißt kostengünstigeren und weniger inflationsträchtigen Staat nicht mehr tragbar sei. Arbeitslosigkeit wird in diesen Konzepten zumindest implizit als individuelle Fehlanpassung an den Arbeitsmarkt begriffen, die durch Training, Verhaltenskontrolle und beschleunigte Arbeitsvermittlung behoben werden kann. Jedoch entsteht Arbeitslosigkeit in größerem Umfang, wie die Praktiker in den Arbeitsämtern und Sozialbehörden wissen, meist dadurch, dass unter den gegebenen bzw. sich wandelnden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr genug passende Arbeitsmöglichkeiten für alle diejenigen vorhanden sind, die arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Nur ein kleiner Teil der Arbeitslosigkeit ist auf mangelnde Erwerbsneigung oder -fähigkeit zurückzuführen. Neueste Untersuchungen bestätigen dies.[34] Insofern ist es folgerichtig und Ausweis der Lernfähigkeit der Politik, dass in jüngster Zeit wieder vermehrt über geförderte Arbeit im Sinne dauerhafter Ersatzarbeitsmärkte debattiert wird, die eingesetzt werden sollen, wenn trotz intensiver Bemühungen keine reguläre Erwerbsintegration möglich ist.[35]

Geförderte Arbeit[36] steht nach wie vor im Spannungsfeld zwischen ihrem Beitrag zur öffentlichen Infrastruktur und den unter dem Begriff der "Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit" versteckten Stabilisierungs- und Integrationsleistungen auf der einen sowie ihren fiskalischen Kosten und geringen unmittelbaren Arbeitsmarktwirkungen auf der anderen Seite. Die sozialen Teilhabe- bzw. Inklusionseffekte der geförderten Arbeit sind bis heute nicht hinreichend untersucht. Sie könnten aber weitere sozialpolitisch wichtige Dimensionen geförderter Arbeit darstellen, umso mehr dann, wenn man die zentrale inklusionsstiftende Wirkung von Arbeit in der Arbeitsgesellschaft reflektiert.

Erste qualitative Evidenz liegt mittlerweile vor, die uns zumindest Spuren liefert, die bei der Aufklärung der Inklusionseffekte geförderter Arbeit weiterhelfen. Die folgenden Zitate stammen aus der ersten Welle eines qualitativen Panels von 100 Langzeitarbeitslosen und anderen Personen in prekären Erwerbslagen, die 2007 mittels narrativer Interviews zu ihren Erfahrungen und ihrer Lebenssituation befragt wurden. Die Interviewauszüge beziehen sich alle auf die mit dem Sozialgesetzbuch (SGB) II flächendeckend eingeführten Arbeitsgelegenheiten, die der Arbeitsmarktreintegration und der Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit dienen sollen, implizit oder in der täglichen Praxis auch zur Verhaltenskontrolle, der Arbeitstherapie, für soziale Dienstleistungsinfrastruktur und zur sozialen Stabilisierung eingesetzt werden.[37] "... habe noch ein bisschen Glück gehabt, mit Ein-Euro-Jobs oder so, kannst du auch hier ein bisschen auf die Beine, hat dich ermuntert so sich wieder zu bewegen (...) Nun, ich meine, den (einen Euro pro Stunde) nimmt man auch gerne mit, aber das Wichtigste ist, wieder draußen sein, wieder Beschäftigung haben, morgens aufstehen, mit der Frau Frühstück machen (...) dieser geregelte Tagesablauf, nicht das hier noch eine Zigarette, dort nimm noch einen Kaffee, du hast ja nix vor" (Herr C., 44 Jahre, Baufacharbeiter, seit 10 Jahren arbeitslos) "... für mich war wichtig, dass ich raus komme, eine geregelte Arbeitszeit, da ist mir nichts zu fein" (Herr D., 48, Angestellter, seit 5 Jahren arbeitslos) "... da ist mir der Unterkiefer runtergefallen weil ich dachte Schneeschippen oder so, aber (...) das war ein ziemlich interessantes Angebot so im künstlerischen Bereich, da kann ich Dinge machen, ich mache Kunst (ein Theaterprojekt für und mit Arbeitslosen) und kriege noch Geld dafür (...) zwar ein schwieriger Bereich (...) aber für mich selber, habe ich das Gefühl es geht einfach bergauf" (Frau E., 37, Erzieherin, seit 3 Jahren arbeitslos)

Die Beispiele belegen, dass die Betroffenen den Arbeitsgelegenheiten deutliche soziale Stabilisierungs- und Integrationseffekte zuschreiben. Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle; die Beispiele sind typisch für nahezu alle befragten Teilnehmer. Ein geregelter Tagesablauf, der sich an den sozialen Rhythmen der Erwerbsarbeit orientiert, eine Erweiterung des persönlichen Interaktions- und Beziehungsnetzes und eine sinnvolle Tätigkeit werden als positiv, stabilisierend und integrierend empfunden. Wie qualitative Untersuchungen zur Zuweisungspraxis von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zeigen, ist dies auch den Fallmanagern und Betreuern auf der institutionellen Seite bekannt.[38] Geförderte Beschäftigung kann also, auch wenn sie nicht zu einer Integration in den ersten Arbeitsmarkt führt, den Ausfall nichtmonetärer Integrationseffekte "normaler" Erwerbsarbeit ausgleichen. Im Übrigen gibt es Indizien dafür, dass vom Arbeitgeber entlohnte geförderte Beschäftigungsverhältnisse den Reziprozitätsstrukturen normaler Erwerbsarbeit näher kommen und deshalb als "gerechter" empfunden werden, als diejenigen Arbeitsgelegenheiten, die eine Mehraufwandsentschädigung des Grundsicherungsträgers vorsehen. Wo geförderte Arbeit Inklusionseffekte erzeugt, wie, und wo nicht, ist gegenwärtig noch eine offene Forschungsfrage. Stabilisierung, Teilhabe und Integration sind damit als wichtige Dimensionen sowohl für die Evaluationsforschung als auch für die sozialpolitische Maßnahmegestaltung zu sehen. Und dies gilt nicht nur, um die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Menschen aufzufangen, sondern auch unter dem Gesichtspunkt gesellschaftspolitischer Stabilität, wie der nächste Abschnitt zeigen wird.

Fußnoten

34.
Vgl. A. Hirseland u.a. (Anm. 29).
35.
Der neu geschaffene Beschäftigungszuschuss nach § 16 a SGB II verdankt sich solchen Überlegungen.
36.
Formen geförderter Arbeit sind im weiteren Sinne auch Kurzarbeit, die verschiedenen Lohnkostenzuschüsse, Kombilöhne und Eingliederungszuschüsse und der neue Beschäftigungszuschuss, im engeren Sinne Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und ihre Verwandten, die Arbeitsgelegenheiten (Ein-Euro-Jobs`) in den Varianten von Mehraufwandsentschädigung bzw. Arbeitsentgelt. Die Formenvielfalt auf den Förderarbeitsmärkten ist erheblich. Einen kurzen Einblick in die Geschichte der geförderten Arbeit geben Lutz Bellmann/Christian Hohendanner/Markus Promberger, Welche Arbeitgeber nutzen Ein-Euro-Jobs? Verbreitung und Einsatzkontexte der SGB II-Arbeitsgelegenheiten in deutschen Betrieben, in: Sozialer Fortschritt, 55 (2006) 8, S. 201 - 207.
37.
Vgl. ebd.; außerdem: Christian Hohendanner/Lutz Bellmann/Markus Promberger, Ein-Euro-Jobs in deutschen Betrieben. Mehr als "alter Wein in neuen Schläuchen"? in: Sozialer Fortschritt, 56 (2007) 12, S. 300 - 309; Katrin Hohmeyer/Joachim Wolff, A fistful of Euros. Does One-Euro-Job participation lead means-tested benefit recipients into regular jobs and out of unemployment benefit II receipt?, IAB-Forschungsbericht 22/2006, Nürnberg 2006.
38.
Vgl. z. B. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer/Olaf Behrend/Ariadne Sondermann, Projekt "Organisationsreform der Arbeitsämter und neue Maßnahmen für Arbeitssuchende: Soziale Ungleichheit und Partizipationschancen Betroffener" Abschlussbericht, Siegen 2008.