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18.9.2008 | Von:
Gisela Mohr
Peter Richter

Psychosoziale Folgen von Erwerbslosigkeit - Interventions-
möglichkeiten

Auswirkungen der Erwerbslosigkeit: Gesicherte Befunde

Inzwischen liegt eine Vielzahl von Längsschnittstudien und Metaanalysen vor. Letztere geben einen Überblick über zahlreiche Einzeluntersuchungen.[1] Damit kann die grundsätzliche Frage, ob Erwerbslose aufgrund ihrer psychischen Labilität erwerbslos werden und bleiben (Selektionsthese) oder die psychische Labilität der Erwerbslosen eine Folge der Erwerbslosigkeit ist (Verursachungsthese), inzwischen folgendermaßen beantwortet werden: Es lassen sich sowohl Selektions- als auch Verursachungseffekte feststellen. Es kann also belegt werden, dass Erwerbslosigkeit eine Verschlechterung des Befindens bewirkt, dass aber bei einigen Menschen eine bereits vorhandene psychische Labilität die Erwerbslosigkeit begünstigt. Zentral ist dabei folgende Aussage auf der Grundlage von Daten aus insgesamt 223 Studien aus unterschiedlichen westlichen Ländern: Der Verursachungseffekt ist deutlich stärker ausgeprägt als der Selektionseffekt. Unter den Erwerbslosen ist der Anteil psychisch beeinträchtigter Personen doppelt so hoch wie in der Gruppe der Erwerbstätigen. Depressivität, Angstsymptome, psychosomatische Beschwerden und die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sind als psychische Folgen der Erwerbslosigkeit nachgewiesen. Im Gesundheitsreport einer deutschen Krankenversicherung wird auf der Grundlage der Daten von 2,4 Millionen Versicherten festgestellt, dass die Behandlungsquote mit Antidepressiva bei Erwerbslosen um 77 Prozent höher liegt als bei Erwerbstätigen.

Als zwei zentrale Bedingungen zur Erklärung von Unterschieden im Erleben und Bewältigen der Erwerbslosigkeit haben sich die Dauer der Erwerbslosigkeit und die finanzielle Lage erwiesen.

Negative physiologische Stressreaktionen treten bereits in der Phase der Arbeitsplatzunsicherheit auf, und zwar auch für jene, die nach einem Prozess des Personalabbaus zu den weiterhin Beschäftigten gehören (so genannte "survivors").

Auch Kinder erwerbsloser Eltern haben ein höheres Risiko, selbst erwerbslos zu werden.[2] Erwerbslosigkeit im frühen Erwachsenenalter hat nachhaltigen negativen Einfluss auf die Gesundheit im späteren Erwachsenenalter.[3]

Bei Wiederbeschäftigung gehen die psychischen Beeinträchtigungen deutlich zurück. Ausgenommen sind jene Personen, die in so genannten "bad jobs" landen. Damit sind einfache Tätigkeiten in gering bezahlten ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen gemeint, meist mit einem geringen Arbeitszeitvolumen ("underemployment").

Fußnoten

1.
Vgl. Frances McKee-Ryan/Zhadi Song/Connie Wanberg/Angelo Kinicki, Psychological and physical well-being during unemployment: A meta-analytic study, in: Journal of Applied Psychology, 90 (2005) S. 53-76; Gregory Murphy/James Athanasou, The effect of unemployment on mental health, in: Journal of Occupational and Organizational Psychology, 72 (1999) S. 83-99; Karsten Paul/Anke Hassell/Klaus Moser, Die Auswirkung von Arbeitslosigkeit auf die psychische Gesundheit, in: Alfons Hollederer/Helmut Brand (Hrsg.), Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit, Bern 2006.
2.
Vgl. Sara Ström, Unemployment and families. A review of research, in: Social Service Review, 77 (2003) 3, S. 399 - 430.
3.
Vgl. Anne Hammarström/Urban Janlert, Early unemployment can contribute to adult health problems: Results from a longitudinal study of school leavers, in: Journal of Epidemiology and Community Health, 56 (2002) 8, S. 624 - 630.