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18.9.2008 | Von:
Gisela Mohr
Peter Richter

Psychosoziale Folgen von Erwerbslosigkeit - Interventions-
möglichkeiten

Erwerbslosigkeit begünstigt Depressivität, Ängste, Selbstwertverlust und psychosomatische Beschwerden. Kompetenztrainings und Maßnahmen der emotionalen Stabilisierung helfen beim Wiedereinstieg ins Erwerbsleben.

Einleitung

Im Mai 2008 waren laut offizieller Statistik 3 413 921 Personen in der Bundesrepublik Deutschland erwerbslos. Der Direktor des Forschungsinstitutes der Bundesagentur für Arbeit weist darauf hin, dass sich diese Zahl auf fünf Millionen erhöht, wenn man jene Menschen mit berücksichtigt, die gern arbeiten würden, aber nicht als arbeitsuchend gemeldet sind. Die Hälfte aller registrierten Erwerbslosen sind Langzeiterwerbslose, das heißt, sie sind seit mindestens einem Jahr erwerbslos. Damitliegt die Bundesrepublik an der Spitze der Alt-EU-Länder.








Im öffentlichen Sprachgebrauch ist der Begriff Arbeitslosigkeit etabliert. Richtig ist es jedoch, von Erwerbslosigkeit zu sprechen. Es existieren weitere Formen unbezahlter Arbeit wie Eigenarbeit, Familienarbeit und ehrenamtliche Tätigkeit, deren Ausbau als Lösungsansatz der gegenwärtigen Erwerbslosigkeit diskutiert wird.

Auswirkungen der Erwerbslosigkeit: Gesicherte Befunde

Inzwischen liegt eine Vielzahl von Längsschnittstudien und Metaanalysen vor. Letztere geben einen Überblick über zahlreiche Einzeluntersuchungen.[1] Damit kann die grundsätzliche Frage, ob Erwerbslose aufgrund ihrer psychischen Labilität erwerbslos werden und bleiben (Selektionsthese) oder die psychische Labilität der Erwerbslosen eine Folge der Erwerbslosigkeit ist (Verursachungsthese), inzwischen folgendermaßen beantwortet werden: Es lassen sich sowohl Selektions- als auch Verursachungseffekte feststellen. Es kann also belegt werden, dass Erwerbslosigkeit eine Verschlechterung des Befindens bewirkt, dass aber bei einigen Menschen eine bereits vorhandene psychische Labilität die Erwerbslosigkeit begünstigt. Zentral ist dabei folgende Aussage auf der Grundlage von Daten aus insgesamt 223 Studien aus unterschiedlichen westlichen Ländern: Der Verursachungseffekt ist deutlich stärker ausgeprägt als der Selektionseffekt. Unter den Erwerbslosen ist der Anteil psychisch beeinträchtigter Personen doppelt so hoch wie in der Gruppe der Erwerbstätigen. Depressivität, Angstsymptome, psychosomatische Beschwerden und die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sind als psychische Folgen der Erwerbslosigkeit nachgewiesen. Im Gesundheitsreport einer deutschen Krankenversicherung wird auf der Grundlage der Daten von 2,4 Millionen Versicherten festgestellt, dass die Behandlungsquote mit Antidepressiva bei Erwerbslosen um 77 Prozent höher liegt als bei Erwerbstätigen.

Als zwei zentrale Bedingungen zur Erklärung von Unterschieden im Erleben und Bewältigen der Erwerbslosigkeit haben sich die Dauer der Erwerbslosigkeit und die finanzielle Lage erwiesen.

Negative physiologische Stressreaktionen treten bereits in der Phase der Arbeitsplatzunsicherheit auf, und zwar auch für jene, die nach einem Prozess des Personalabbaus zu den weiterhin Beschäftigten gehören (so genannte "survivors").

Auch Kinder erwerbsloser Eltern haben ein höheres Risiko, selbst erwerbslos zu werden.[2] Erwerbslosigkeit im frühen Erwachsenenalter hat nachhaltigen negativen Einfluss auf die Gesundheit im späteren Erwachsenenalter.[3]

Bei Wiederbeschäftigung gehen die psychischen Beeinträchtigungen deutlich zurück. Ausgenommen sind jene Personen, die in so genannten "bad jobs" landen. Damit sind einfache Tätigkeiten in gering bezahlten ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen gemeint, meist mit einem geringen Arbeitszeitvolumen ("underemployment").

Auswirkungen der Erwerbslosigkeit: Unerwartete, widersprüchliche oder wenig abgesicherte Befunde

Einige immer wieder vermutete, aber durch die Forschung bisher nicht bestätigte, wenig untersuchte oder widersprüchliche Befunde zeigt die nachfolgende Tabelle (vgl. PDF-Version).

Bedingungen für die Bewältigung der Erwerbslosigkeit

Um Interventionsprogramme zu gestalten, ist es hilfreich festzustellen, welche Bedingungen positiv, welche negativ für die Bewältigung der Erwerbslosigkeit sind. Tabelle 2 enthält dazu die wesentlichen Forschungsergebnisse (vgl. PDF-Version).

Förderliche und hinderliche psychologische Bedingungen für die Wiedervermittlung

In mehreren Studien konnte kein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Bewerbungen und der Aufnahme einer Erwerbsarbeit nachgewiesen werden. Zu vermuten ist, dass weniger die Quantität als vielmehr die Art und die Qualität des Arbeitssuchverhaltens für die Wiedervermittlung entscheidend ist. Bewerbungsaktivitäten, die nicht zum Erfolg führen, implizieren selbstwertbedrohende Erfahrungen.

Eine hohe Konzessionsbereitschaft scheint zwar den Wiedereinstieg zu beschleunigen, nicht aber die psychische Befindlichkeit zu verbessern. Erklärt wird dies damit, dass die Anpassungsleistung an ein unbefriedigendes Beschäftigungsverhältnis höhere "psychische Kosten" verursacht als die Bewältigung der Erwerbslosigkeit. Hohe Konzessionsbereitschaft birgt das Risiko, eine Abwärtsspirale einzuleiten, wenn inhaltliche Konzessionen an die Qualität der Arbeit oder den qualifikationsgerechten Einsatz gemacht werden.

Die nachfolgend dargestellten psychologischen Konzepte sind im Kontext der Bewältigung der Erwerbslosigkeit von besonderer Bedeutung.

Kontrolle

In der Psychologie wird zwischen internaler und externaler Kontrolle unterschieden. Gemeint ist damit die Einschätzung, selbst Einfluss auf sein Leben zu haben (internal) oder aber ohnmächtig den Bedingungen ausgeliefert zu sein (external). Erwerbslose zeichnen sich im Vergleich zu Erwerbstätigen durch eine höhere externale Kontrolle aus. Diese nimmt mit der Dauer der Erwerbslosigkeit zu. Personen, denen der Wiedereinstieg in eine zufriedenstellende Erwerbsarbeit gelungen ist, gehörten zu jenen, die am Anfang der Erwerbslosigkeit mehr internale Kontrolle angaben. Eine hohe internale Kontrolle zu Beginn der Erwerbslosigkeit kann jedoch depressionsförderlich wirken, wenn sie sich bei andauernder Erwerbslosigkeit als unrealistisch herausstellt (enttäuschte Kontrollhoffnung).[6]

Bewältigungsverhalten, kognitive Fähigkeiten und Eigeninitiative

Problembezogenes Bewältigungsverhalten (zum Beispiel, einen Handlungsplan aufstellen und diesen umsetzen) und kognitive Restrukturierung (zum Beispiel der Versuch, die positiven Aspekte zu sehen) sind bei Erwerbslosen mit geringerer Ängstlichkeit und Depressivität verbunden. Problembezogener Umgang mit einem bedeutsamen, schwierig zu bewältigenden Ereignis (Coping) begünstigt einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Weniger günstig sind emotionsbezogenes Coping und Vermeidungsstrategien.

Gute kognitive Fähigkeiten und Initiative erwiesen sich in einer Längsschnittstudie als Prädiktoren für eine kürzere Dauer der Erwerbslosigkeit. Das Konzept der Initiative beinhaltet - ähnlich dem des problembezogenen Copings - Aspekte des aktiven Handelns, ist allerdings zusätzlich dadurch gekennzeichnet, dass die Handlung umgehend und aufgrund eigener Initiative eingeleitet wird.[7]

Auswege

Intervention aus psychologischer Sicht

Wenn Erwerbslose erfolgreich vermittelt werden sollen, muss eine erste Aufgabe darin bestehen, deren psychische Stabilität zu sichern. Depressiven Personen gelingt es nicht, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten in einer Bewerbungssituation positiv darzustellen. Labile Personen haben keine ausreichenden Ressourcen, Misserfolge durch erfolglose Bewerbungen ohne Selbstwertschädigungen zu bewältigen. Maßnahmen sollten so früh wie möglich einsetzen, nicht erst nach der Chronifizierung von misslingenden Bewältigungsstrategien, möglichst sogar vor der eigentlichen Entlassung, da es auch gilt, Schädigungen durch Arbeitsplatzunsicherheit zu vermeiden.

Präventionsorientiert sind so genannte Outplacementprogramme. Dabei geht es um betriebliche Unterstützung bei der Arbeitssuche für Beschäftigte, die entlassen werden, so dass diese die Chance haben, erst gar nicht in die Erwerbslosigkeit zu geraten. Doch selbst wenn es zur Erwerbslosigkeit kommt, scheinen Outplacementprogramme - das heißt die erfahrene Fürsorge des Betriebs - einen positiven Effekt für die psychische Gesundheit zu haben.[8] Gelingt dies nicht, dann geraten Erwerbslose mit zunehmender Dauer der Erwerbslosigkeit in einen gefährlichen Zirkel: Je länger die Erwerbslosigkeit andauert, je größer die finanziellen Einschränkungen sind, desto größer wird die Bedrohung gerade jener Ressource, welche die Person für den Wiedereinstieg benötigt: die personale Ressource (psychische) Gesundheit. Primärprävention ist auch die Gestaltung persönlichkeitsförderlicher Arbeitsgestaltung, die den Menschen hilft, psychische Ressourcen zu entwickeln, mit denen sie auch Zeiten ohne Erwerbsarbeit gestalten können.

Der Kontakt zu anderen Erwerbslosen stellt eine Hilfe bei der Bewältigung dar und spricht für Konzepte der Erwerbsloseninitiativen. Vorhandene Maßnahmen lassen sich grob einteilen in solche mit stärker psychologischem Gehalt (kognitive Umstrukturierung, soziales Kompetenztraining, Stressbewältigung), solche, die sich mehr auf den Aufbau der Bewerbungskompetenz fokussieren, und solche, in der eine Kombination enthalten ist.[9]

Es stellt sich die Frage, was das Erfolgskriterium einer Maßnahme sein kann. Das zentrale Kriterium der Wiedervermittlungsquote in einer Region mit einer Erwerbslosenquote von 5 Prozent ist sicherlich anders zu bewerten als in einer Region der ostdeutschen Bundesländer mit über 20 Prozent. Insofern erscheint es konsequent, dass ein großer Teil der Interventionsstudien in der Regel zwei Kriterien zur Erfolgsüberprüfung benennt: die Wiedervermittlungsrate, aber auch die Verbesserung der psychischen Befindlichkeit, da diese - wie erwähnt - auch langfristig eine Voraussetzung für die Wiedervermittelbarkeit darstellt. Die Vermittlungsrate verschiedenster Maßnahmen mit verschiedenen Gruppen schwankt zwischen 20 und 30 Prozent.[10] Dabei sind zwei Dinge zu beachten: Das Kriterium für die Wiedervermittlung wird in den Studien unterschiedlich gesetzt. In manchen Studien wird die Vermittlung auf den "zweiten Arbeitsmarkt", also in Arbeitsbeschaffungs-, Hartz-IV-, Qualifizierungsmaßnahmen, Praktika etc. mit gewertet. Betrachtet man nur die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt, dann sind die Vermittlungsquoten wesentlich geringer. Die Autorinnen einer Studie des Forschungsinstitutes der Bundesagentur für Arbeit[11] kommen zu dem kritischen Ergebnis, dass nur zwei Prozent der in sozialen Arbeitsgelegenheiten Beschäftigten in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen werden. Bessere Erfolge seien wahrscheinlich mit gezielten psychologischen Qualifizierungsmaßnahmen zu erreichen.

Hinsichtlich des zweiten Kriteriums, der psychischen Befindlichkeit, belegen die meisten Studien, dass es während der Maßnahme positive Effekte auf die Gesundheit gibt. Nach Ende der Maßnahme verschlechtert sich die psychische Gesundheit der weiterhin Erwerbslosen wieder. Sehr langfristige Nachuntersuchungen (zwei Jahre nach Auslaufen der Maßnahmen) haben allerdings ergeben, dass die weiterhin Erwerbslosen offenbar nach einer Intervention stabiler geworden sind[12] und Misserfolgserfahrungen bei Bewerbungen besser bewältigen.

Interventionsbeispiele

In jüngster Zeit haben sich mehrere überprüfte Projekte zur Entwicklung sozialer und kognitiver Kompetenz und zur Verbesserung der Gesundheit in der Bundesrepublik als hoffnungsvolle Ansätze erwiesen.

Das AmigA-Projekt für chronisch kranke Langzeitarbeitslose, die an intensiven arbeits- und gesundheitsfördernden Kursen teilgenommen haben, konnte 15 Prozent der Teilnehmer in Beschäftigungen vermitteln.[13]

Job FIT ist ein von den Betriebskrankenkassen (BKK) entwickeltes Programm, das auf die Förderung von Gesundheitskompetenz zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitslosen zielt. Angesetzt wird an der Trägerstruktur der Beschäftigungsmaßnahmen als setting-Ansatz. Dabei handelt es sich um eine Kombination von individuellen motivierenden Gesundheitsgesprächen mit zielgruppenspezifischen Gruppenangeboten aus den Bereichen Ernährung, Stressbewältigung und Suchtmittelkonsum. Einen Schwerpunkt stellen Beratungen zu Problemen der Verschuldung, Demotivation und Selbstwertverlust dar. Erste Evaluationsergebnisse zeigen, dass die Gesundheitsorientierung, das Ausmaß sportlicher Aktivitäten, freudvolle Zielorientierungen sowie eine ausgewogene Ernährung signifikant nach dem Training zugenommen haben. Allerdings steht eine Langzeitevaluation noch aus.[14] Dieses niederschwellige Programm eignet sich durch seine Kooperationsstruktur von Gesetzlichen Krankenversicherern, Qualifizierungs- und Bildungsträgern sowie Arbeitsagenturen (ARGEn) und Kommunen mit eigenverantwortlicher Zuständigkeit für die Vermittlung von Langzeiterwerbslosen (Optionskreise) für eine landesweite Umsetzung.

AktivA (Aktive Bewältigung von Arbeitslosigkeit) ist an der TU Dresden entwickelt worden. Dieses Programm hat zum Ziel, die psychosozialen Kompetenzen von Langzeitarbeitslosen zu stärken und damit ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Ausgangspunkt war, dass trotz starker gesundheitlicher Risiken von Langzeitarbeitslosen herkömmliche Präventionsangebote zur Gesundheitsförderung von ihnen nur wenig wahrgenommen werden, zumal bei ihnen der Betrieb als setting wegfällt. AktivA ist mit Hilfe kognitiv-behavioraler Techniken (Aktivitätsplanung, konstruktives Denken, soziale Kompetenz, systematisches Problemlösen) auf eine Stärkung von Selbstwirksamkeitserwartungen und Handlungskompetenz gerichtet. Um dem AktivA-Training eine größere Breitenwirksamkeit zu geben, ist damit begonnen worden, Multiplikatoren bei Bildungs- und Beschäftigungsträgern im Rahmen von Wochenkursen auszubilden und deren Trainingsdurchführung im Rahmen einer Supervision zu begleiten. Das Training durch Multiplikatoren hat sich als realisierbar und effektiv erwiesen. Im Vergleich zu Kontrollgruppen, die kein Training erhielten, ließ sich für die Trainingsgruppen eine statistisch gesicherte stärkere Verringerung der körperlichen, psychischen und sozialen Beschwerden feststellen sowie eine deutliche Zunahme der Selbstwirksamkeitserwartung und des Selbstvertrauens. Sogar nach sechs Monaten ließen sich noch gesicherte Effekte nachweisen. 74 Prozent der ausgebildeten Multiplikatoren wendeten das Programm erfolgreich im Rahmen ihrer Tätigkeit an.[15] Gesundheitsämter in Optionskreisen berichten über erste positive Anwendungen von AktivA.

"Bridges - Brücken in Arbeit" wurde als Modellprojekt zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit im Niederschlesischen Oberlausitzkreis entwickelt.[16] Dabei konnten erfolgreich "Senior-Coaches" (ehemalige Arbeitslose mit Beratungskompetenz) eingesetzt werden. Diese Coaches begleiten die Jugendlichen bei deren Arbeitssuche. Trainingsmodule zum Lernen im Prozess der Arbeit wurden entwickelt und eingesetzt. Nach sechs Monaten Training erreichten die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine signifikant erhöhte Selbstwirksamkeits- und interne Kontrollerwartung, eine verbesserte seelische Gesundheit, insbesondere weniger Depressionen. 70 Prozent der Jugendlichen (229) konnten erfolgreich auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Die Maßnahme TAURIS (Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit) ist angesichts neuer Maßnahmen wie etwa der Einführung der so genannten Ein-Euro-Jobs (die Zuweisung von Tätigkeiten an Erwerbslose, die nicht im Rahmen normaler Arbeitsverhältnisse abgedeckt sind, also zumeist gemeinnützige Arbeit gegen eine geringe Vergütung) von besonderem Interesse.[17] Hier werden ältere Langzeiterwerbslose (auf freiwilliger Basis) gegen eine geringe Aufwandsentschädigung in gemeinnützige Arbeit vermittelt. Mittels dieser seit fast zehn Jahren durchgeführten Maßnahme konnten 16,2 (2002) bzw. 21,0 Prozent (2006) der teilnehmenden Langzeitarbeitslosen im Alter von über 50 Jahren auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Die Evaluation zeigte, dass gemeinnützige Arbeit eine Hilfe beim Übergang in den ersten Arbeitsmarkt darstellen kann. Zudem tritt während der Maßnahme eine gesundheitliche Stabilisierung ein. Hervorzuheben ist, dass besonders gute Gesundheitswerte bei gemeinnützigen Beschäftigungen zu finden waren, die den bekannten arbeitswissenschaftlichen Kriterien gesundheitsförderlicher Arbeit entsprechen: Ganzheitlichkeit der Aufgaben, Handlungsspielräume, Lernpotentiale der Aufgaben, Eigenverantwortlichkeit und Kooperationsmöglichkeiten. Die gesundheitliche Verbesserung hält allerdings nicht länger als sechs Monate an. Nach Ende der Maßnahme verschlechtert sich bei den weiterhin Erwerbslosen der Gesundheitszustand wieder und erreicht nach etwa einem Jahr den Anfangswert. Als kritische Bedingung erweist sich die unzureichende materielle Absicherung.

Zusammenfassung und Resümee

Auf der Grundlage von Metaanalysen und Längsschnittstudien kann heute als gesichert gelten, dass Erwerbslosigkeit zu psychischen Beeinträchtigungen, insbesondere Depressionen, führt, die den Wiedereinstieg in die Erwerbsarbeit behindern. Gelingt der Wiedereinstieg, ist eine deutliche Verbesserung der seelischen Gesundheit nachzuweisen.

Die bisher aufgeführten Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass es geradezu als Behandlungsfehler betrachtet werden muss, eine überhöhte Arbeitsorientierung zu forcieren, unrealistische Hoffnungen zu wecken, Erwerbslose zu vielen, nicht Erfolg versprechenden Bewerbungsaktivitäten zu zwingen und Konzessionsbereitschaft in Bezug auf jede Art von Arbeit zu fordern. Das bereinigt zwar die Statistiken, reduziert jedoch die psychischen Ressourcen der Erwerbslosen - sofern solche noch vorhanden sind - und führt zu gesellschaftlichen Kosten an anderer Stelle, insbesondere im Gesundheitswesen.

Kritische Bedingungen, wie die anhaltende Dauer der Erwerbslosigkeit und eine schlechte finanzielle Lage, verweisen auf die zentralen Ansatzpunkte für die Intervention: Langzeiterwerbslosigkeit sollte vermieden werden. Maßnahmen müssen so früh wie möglich einsetzen. Die Reduzierung finanzieller Mittel mag zwar den Druck erhöhen, stärkt jedoch nicht die psychischen Ressourcen. Wenig Beachtung bei den Interventionsmaßnahmen hat der soziale Kontext der Erwerbslosen gefunden, indem zum Beispiel mögliche Folgen für die Kinder mit thematisiert werden oder gefragt wird, ob die Partner Unterstützung bei einer notwendigen neuen Aufteilung familiärer Rollen erhalten.

Maßnahmen zur Verbesserung der Bewerbungsqualität haben sich als effektiver erwiesen als eine - meist aufwändigere - allgemeine fachliche Qualifizierung oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die vorliegenden evaluierten Interventionsstudien machen deutlich, dass eine Kombination aus Verhaltens- und Verhältnisprävention der beste Weg ist, sowohl jugendlichen Arbeitslosen wie auch älteren Langzeitarbeitslosen und solchen mit eingeschränktem Gesundheitszustand die nötige Handlungskompetenz zur Bewältigung herausfordernder Tätigkeiten zu vermitteln. Dabei ist deutlich geworden, dass die Gestaltung von Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit (zweiter Arbeitsmarkt, Freiwilligenarbeit) den gleichen arbeitswissenschaftlichen Gestaltungsforderungen genügen muss, wie produktive Erwerbstätigkeiten des ersten Arbeitsmarktes.

Alternative Formen der Arbeit - auch wenn sie den Kriterien gesundheits- und persönlichkeitsförderlicher Arbeit entsprechen und als sinnvoll erlebte Aufgaben enthalten - können nicht als ein Ausweg aus der fehlenden Erwerbsarbeit betrachtet werden, solange die materielle Absicherung nicht auf einem Niveau liegt, das die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.

Ferner gilt, dass nicht jede Art der Arbeit besser ist als keine Erwerbsarbeit, da Personen mit den oben erwähnten so genannten "bad jobs" eine schlechtere psychische Befindlichkeit aufweisen als Erwerbslose. Es wäre also fatal, angesichts der bestehenden Erwerbslosigkeit die Bedingungen, unter denen Erwerbsarbeit geleistet wird, aus dem Auge zu verlieren.

Ein dritter Zugang zur Primärprävention liegt daher zukünftig in der Arbeitszeitgestaltung, insbesondere in der Entwicklung von Modellen zur Verteilung des vorhandenen Volumens bezahlter Arbeit und der Entwicklung von neuen gesellschaftlichen Modellen von Mischtätigkeiten aus Erwerbsarbeit und Formen bürgerschaftlichen Engagements.

Auch wenn die (Arbeits-)Psychologie einiges zur Bewältigung der Erwerbslosigkeit beitragen kann, so sollte darüber nicht vergessen werden, dass Erwerbslosigkeit kein psychologisches, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, das seine Fortsetzung derzeit in der zunehmenden Zahl von prekär Beschäftigten findet.[18] Dies wird ersichtlich aus der Abnahme der versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse um 1,33 Millionen von 1995 bis 2007 bei gleichzeitiger Zunahme nicht sozialversicherungspflichtiger Minijobs um 2,78 Millionen, größtenteils Frauenarbeitsplätze.
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Fußnoten

1.
Vgl. Frances McKee-Ryan/Zhadi Song/Connie Wanberg/Angelo Kinicki, Psychological and physical well-being during unemployment: A meta-analytic study, in: Journal of Applied Psychology, 90 (2005) S. 53-76; Gregory Murphy/James Athanasou, The effect of unemployment on mental health, in: Journal of Occupational and Organizational Psychology, 72 (1999) S. 83-99; Karsten Paul/Anke Hassell/Klaus Moser, Die Auswirkung von Arbeitslosigkeit auf die psychische Gesundheit, in: Alfons Hollederer/Helmut Brand (Hrsg.), Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit, Bern 2006.
2.
Vgl. Sara Ström, Unemployment and families. A review of research, in: Social Service Review, 77 (2003) 3, S. 399 - 430.
3.
Vgl. Anne Hammarström/Urban Janlert, Early unemployment can contribute to adult health problems: Results from a longitudinal study of school leavers, in: Journal of Epidemiology and Community Health, 56 (2002) 8, S. 624 - 630.
6.
Vgl. Michael Frese/Gisela Mohr, Prolonged unemployment and depression in older workers: A longitudinal study of intervening variables, in: Social Science and Medicine, 25 (1987), S. 173 - 178. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Michael Frese in diesem Heft.
7.
Vgl. Jeanette Zempel/Michael Frese, Prädiktoren der Erwerbslosigkeit und Wiederbeschäftigung, in: Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 32 (2000), S. 379 - 390.
8.
Vgl. Kerstin Isaksson/Gunn Johansson/Katalin Bellaagh/Anders Sjörberg, Work values among the unemployed: Changes over time and some gender differences, in: Scandinavian Journal of Psychology, 45 (2004), S. 207 - 214; Mika Kivimäki/Jussi Vahtera/Jaana Pentti/Jane Ferrie, Factors underlying the effect of organisational downsizing on health of employees: longitudinal cohort study, in: British Medical Journal, 320(2000), S. 971-975; Thomas Kieselbach/Gert Beelmann, Unternehmensverantwortung bei Entlassungen: Berufliche Transitionsberatung zur Sicherung von Beschäftigungsfähigkeit, in: Bernhard Badura/Henner Schellschmidt/Christian Vetter (Hrsg.), Fehlzeiten-Report 2005, Berlin 2005.
9.
Vgl. Gisela Mohr/Kathleen Otto, Langzeiterwerbslosigkeit: Welche Interventionen machen aus psychologischer Sicht Sinn?, in: Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin, 3 (2005), S. 45 - 63.
10.
Vgl. Thomas Kieselbach/Frauke Klink/Günther Scharf, Ich wäre sonst ja nie wieder an Arbeit rangekommen! Evaluation einer Reintegrationsmaßnahme für Langzeiterwerbslose, Weinheim 1998.
11.
Vgl. Anja Kettner/Matina Rebien, Soziale Arbeitsgelegenheiten. Einsatz aus betrieblicher und arbeitsmarktpolitischer Perspektive, IAB-Forschungsbericht Nr. 2, 2007.
12.
Vgl. Jukka Vuori/Jussi Silvonen, The benefits of a preventive job search program on re-employment and mental health at 2-year-follow-up, in: Journal of Occupational and Organizational Psychology, 78 (2005) 1, S. 43 - 52.
13.
Vgl. Wolf Kirchner, Evaluation des JobFit Regional- und des AmigA-Projektes, in: www.gesunde. sachsen.de (30.7. 2008).
14.
Vgl. Michael Bellwinkel (Hrsg.), JobFit Regional - ein Modellprojekt zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitslosen durch Gesundheitsförderung, Bremerhaven 2007.
15.
Vgl. Susan Mühlpfordt/Katrin Rothländer, Gesundheitsförderung für Arbeitslose bei Bildungs- und Beschäftigungsträgern, in: Bärbel Bergmann/Ulrike Pietrzyk/Joachim Klose (Hrsg.), Beschäftigungsfähigkeit entwickeln. Innovationsfähigkeit und Kompetenz fördern, Dresden 2008.
16.
Vgl. Mathias Schmidt, Das Bridge Projekt - Inhalt und Wirkung in: Bärbel Bergmann/Ulrike Pietrzyk/Joachim Klose (Hrsg.), Beschäftigungsfähigkeit entwickeln. Innovationsfähigkeit und Kompetenz fördern, Dresden 2008.
17.
Vgl. Ines Nitsche/Peter Richter, Peter, Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit. Evaluation des TAURIS-Projektes, Münster 2003.
18.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die Themenausgabe "Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung" dieser Zeitschrift: APuZ, (2008) 33 - 34.