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18.9.2008 | Von:

Die "Wunde Arbeitslosigkeit": Junge Ostdeutsche, Jg. 1973

Arbeitslosigkeitserfahrungen der Probanden

Schon in der 4. Welle im Frühjahr 1990 zeigte sich, dass die sich in Ostdeutschland ausbreitende Arbeitslosigkeit auch um diese Studie keinen Bogen machen würde: Die Struktur der Population veränderte sich aus sozialwissenschaftlicher Sicht grundlegend. Sie differenzierte sich in eine von Jahr zu Jahr stark anwachsende "Experimentalgruppe" der Panelmitglieder mit Erfahrungen von Arbeitslosigkeit und eine kleiner werdende "Kontrollgruppe" derer, die davon (noch) verschont blieben.

Von 1991 an erfassten wir die Arbeitslosigkeit im Rahmen des sozioökonomischen Status. 4 bis 11 % der Panelmitglieder trugen sich als "zur Zeit arbeitslos" ein. Als klar war, dass Arbeitslosigkeit an Bedeutung gewinnen würde, fragten wir ab 1996 (12. Welle) zusätzlich differenzierter, wie häufig die Panelmitglieder seit der Wende arbeitslos waren. Abbildung 1 informiert über den Längsschnitt 1996 bis 2007 (vgl. PDF-Version).

Die prozessorientierte und kumulative Art der Darstellung zeigt, dass sich in dieser identischen Population der Anteil der Personen, die in diesem Zeitraum mehrmals arbeitslos waren (und bei denen die durchweg negativen Folgen der Arbeitslosigkeit besonders deutlich sind), von 17 % im Jahr 1996 auf 40 % im Jahr 2007 mehr als verdoppelt hat. Dafür reduzierte sich der Anteil jener, die nicht arbeitslos waren, von 50 % im Jahr 1996 auf 29 % im Jahr 2007.

Außerdem mussten wir registrieren, dass sich dieses für Ostdeutsche bis zur Wende nie erfahrene gesellschaftliche Phänomen zeitgleich auch im sozialen Nahbereich der Panelmitglieder ausgebreitet hatte, mit allen zusätzlichen negativen Auswirkungen. So waren schon bis 2004 die Eltern (das heißt Vater und/oder Mutter) von 58 % der Panelmitglieder von Arbeitslosigkeit betroffen. Mit 21 % war dabei die Gruppe derer ziemlich groß, die Arbeitslosigkeit beider Elternteile erlebte. Für sehr viele unserer Panelmitglieder bestand das erste schockierende, nachhaltig prägende Ereignis nach dem Systemwechsel darin, dass ihre Väter und/oder Mütter "im besten Alter" über Nacht, völlig unerwartet, arbeitslos wurden. Viele beschrieben damals in ihren zusätzlichen Notizen die dramatischen Szenen in nicht wenigen Elternhäusern.[8]

Hinzu kam, dass schon bis 2004 auch ein erheblicher Teil der Lebenspartnerinnen und -partner der Panelmitglieder, ihrer Geschwister sowie ihrer engen Freunde arbeitslos waren. Aus der individuellen Kopplung aller dieser einzelnen Angaben ging hervor, dass bis 2004 94 % dieser jungen Leute direkt oder indirekt in dem erwähnten sozialen Nahbereich mit den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit konfrontiert wurden. Diese "kollektive Betroffenheit" im Osten wurde und wird in ihrem real bestehenden Ausmaß und ihren nachhaltigen Folgen völlig unterschätzt, wenn überhaupt wahrgenommen. In Panelstudien wie dieser sind solche Folgen jedoch noch heute nachweisbar.

Entsprechend der Zunahme der Häufigkeit der Betroffenheit durch Arbeitslosigkeit hatte auch deren kumulierte Dauer zugenommen (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Die Panelmitglieder gaben seit der 12. Welle 1996 an, wie viele Monate sie insgesamt seit der Wende arbeitslos waren. Sie wurden gebeten, diese Angaben aufzubewahren, damit sie diese nicht bei jeder Befragung erneut berechnen müssten und wir uns auf zuverlässige Zahlen stützen konnten. Ablesbar ist, dass die durchschnittliche Gesamtdauer der Arbeitslosigkeit bei der Gruppe der Betroffenen von 4,0 Monaten 1996 auf 17,3 Monate 2007 angewachsen ist und sich damit mehr als vervierfacht hat. Bei den jungen Männern erhöhte sie sich von 3,2 auf 13,5 Monate, bei den jungen Frauen von 4,7 auf 20,7 Monate.

Fußnoten

8.
Ausführlicher vgl. P. Förster (Anm. 5), S. 215ff.