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18.9.2008 | Von:

Die "Wunde Arbeitslosigkeit": Junge Ostdeutsche, Jg. 1973

Diskussion

Seit mittlerweile 21 Jahren wird durch uns eine große, identische Gruppe junger ostdeutscher Erwachsener regelmäßig jährlich zu ihren Einstellungen, Meinungen und Befürchtungen usw. befragt. Mit der Zäsur der Wende in der DDR und der deutschen Einheit 1989/90 konnten diese jungen Erwachsenen, wie keine andere Gruppe, auf ihrem Weg vom DDR- zum Bundesbürger begleitet werden. Als 1987 die Sächsische Längsschnittstudie begonnen wurde, konnte keiner der Beteiligten ahnen, dass sich diese Untersuchung im Zuge der deutschen Wiedervereinigung mehr und mehr zu einer Arbeitslosigkeitsstudie entwickeln würde. Die entsprechenden Ergebnisse sind bemerkenswert: Über 70 % der Teilnehmenden waren im Jahr 2007 mindestens einmal arbeitslos. Die mittlere Gesamtdauer der erlebten Arbeitslosigkeit liegt bei über einem Jahr. Frauen sind wesentlich stärker betroffen als Männer. Besonders intensiv wurden seit dem Jahr 2002 die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit untersucht.[14]

Bei den hier vorgestellten Analysen zur Arbeitslosigkeit haben wir es mit latenten, "unterschwelligen" psychosozialen Prozessen zu tun, die nur aus der Perspektive des Einzelindividuums und über längere Zeiträume hinweg erfasst werden können. Die durchweg zutage getretenen großen Differenzen zwischen Personen unterschiedlich lang erfahrener, kumulierter Arbeitslosigkeit markieren die vielschichtigen Verluste, die bei jungen Ostdeutschen seit der Wende auf der Seite des "menschlichen Faktors" zu verzeichnen sind. Auch wenn die Probanden der Sächsischen Längsschnittstudie "nur" repräsentativ für den DDR-Geburtsjahrgang 1973 sind, gehen wir davon aus, dass andere, ältere wie auch jüngere Jahrgänge in ganz ähnlichem Ausmaß die Folgen von Arbeitslosigkeit erleben. Und auch bei Westdeutschen, die nicht der Zäsur des Zusammenbruchs einer gesamten Volkswirtschaft ausgesetzt waren und deren ökonomisches Umfeld als deutlich besser einzuschätzen ist, kann davon ausgegangen werden, dass Arbeitslosigkeitserfahrungen zu ähnlich negativen Auswirkungen führen.

Wenngleich zurzeit von großen Erfolgen am Arbeitsmarkt die Rede ist und die Zahl der Arbeitslosen abnimmt - die Auswirkungen bisher erlebter Arbeitslosigkeit haben sich nicht in Luft aufgelöst, wie mitunter angenommen wird. Mittlerweile hat sich bei sehr vielen dieser jungen Ostdeutschen aufgrund kontinuierlich anwachsender Zeiten von Arbeitslosigkeit und damit einhergehender negativer Erfahrungen über viele Monate und Jahre hinweg sowie geringer Hoffnungen auf Veränderung ein Syndrom mehr oder weniger kritischer Urteile über das jetzige Gesellschaftssystem gebildet und verfestigt. Unseren Ergebnissen zufolge ist auszuschließen, dass sich diese über längere Zeiträume entstandene negative "Hypothek" bei ihnen jemals wieder zurückbilden wird. Ähnliches konnte bereits auch in anderen Studien gezeigt werden.[15]

Darüber hinaus gibt es weiterhin Belege dafür, dass sich die erfahrene elterliche Arbeitslosigkeit auch auf die Kinder negativ auswirkt.[16] Längerfristig Arbeitslose haben, wie wir dargestellt haben, einen ausgeprägten Zukunftspessimismus für ihre Nachkommen entwickelt. Solche Einstellungen können sich auf die Kinder übertragen und im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich dazu führen, dass sich Arbeitslosigkeit "vererbt" - mit wahrscheinlich verheerenden Folgen für die kommenden Generationen.

Fußnoten

14.
Vgl. Hendrik Berth/Peter Förster/Yve Stöbel-Richter/Friedrich Balck/Elmar Brähler, Arbeitslosigkeit und psychische Belastung. Ergebnisse einer Längsschnittstudie 1991 bis 2004, in: Zeitschrift für Medizinische Psychologie, 15 (2006) 3, S. 111 - 116; Hendrik Berth/Peter Förster/Friedrich Balck/Elmar Brähler/Yve Stöbel-Richter, Gesundheitsfolgen von Arbeitslosigkeit. Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittstudie, in: psychosozial, 30 (2007) 3, S. 73 - 83; dies., Arbeitslosigkeitserfahrungen, Arbeitsplatzunsicherheit und der Bedarf an psychosozialer Versorgung, in: Das Gesundheitswesen, 70 (2008) 5, S. 289 - 294.
15.
Vgl. Richard E. Lucas/Andrew E. Clark/Yannis Georgellis/Ed Diener, Unemployment alters the set point for life satisfaction, in: Psychological Science, 15 (2004) 1, S. 8 - 13.
16.
Vgl. Maria Sleskova/Ferdinand Salonna/Andrea Madarasova Geckova/Iveta Nagyova/Roy E. Stewart/Jitse P. van Dijk/Johan W. Groothoff, Does parental unemployment affect adolescents' health? in: Journal of Adolescent Health, 38 (2006) 5, S. 527 - 535.