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18.9.2008 | Von:
Theo Wehner

Jenseits der Erwerbsarbeit liegen Antworten für eine Tätigkeitsgesellschaft - Essay

Das Bedürfnis zum Tätigsein folgt einem eigenen Antrieb

Umgekehrt formuliert gehen wir davon aus, dass das Bedürfnis zum Tätigsein intrinsisch - aus eigenem Antrieb heraus - motiviert ist, auch dann, wenn es extrinsisch - durch Geld, Ansehen oder Machtzuwachs - verstärkt bzw. instrumentalisiert, wenn nicht gar ausgebeutet werden kann.

Wenn dies die forschungsleitende Ausgangsthese einer erweiterten Arbeitsforschung ist, beinhaltet sie gleichzeitig eine konstruktiv gemeinte Kritik am Mainstream herkömmlicher arbeitswissenschaftlicher Studien: Da diese sich - ihre Praxisfelder berücksichtigend[4] - primär als Erwerbsarbeitsforschung charakterisieren lässt, entgehen ihr unter Umständen einige Motivfacetten des Tätigseins: Facetten, die nicht nur für die Weiterentwicklung der Arbeitsgesellschaft - hin zur Tätigkeitsgesellschaft oder gar zu einer Gesellschaft, in der die individuelle Existenz durch ein bedingungsloses Grundeinkommen und nicht durch Lohnarbeit gesichert ist -, sondern auch zum besseren Verständnis psychosozialer Folgen von Arbeitslosigkeit von Bedeutung sind.

Damit der Tenor des eingangs gewählten Zitats nicht singulär bleibt oder der Eindruck entsteht, ein Hinweis auf ein intrinsisches Tätigkeitsbedürfnis scheine nur in der Freiwilligenforschung auf, sei auf einen weiteren Befund verwiesen: In einer wiederholt durchgeführten europäischen Studie zur Bedeutung der Arbeit sollten sich die Befragten auf folgendes Gedankenexperiment einlassen: "Wenn Sie einen Riesengewinn in der Lotterie erzielt hätten und zur Existenzsicherung nicht mehr arbeiten müssten; was würden Sie tun"?[5] Während jeweils rund ein Sechstel entweder einfach weiterarbeiten oder gänzlich und sofort aufhören würden zu arbeiten, stellten sich zwei Drittel vor, unter veränderten Bedingungen weiterzuarbeiten. Mag sein, dass jene, die einfach weiterarbeiten würden, sich nun von den Fesseln befreit fühlen können, die sie selbst gesprengt haben und jene 16 Prozent, die bezüglich der Arbeitstätigkeit keine Veränderungen vornehmen möchten, sich keinen unnötigen Adrenalinschüben aussetzen wollen, so zeigt die verbleibende Zweidrittelmehrheit nicht nur jenes bereits erwähnte intrinsische Tätigkeitsmotiv, sondern verweist zugleich auf Kritik- und Gestaltungspotenzial bezüglich der momentanen Erwerbsarbeitsbedingungen.

Bis hierher können wir festhalten: Ein Großteil der Menschen ist, soweit existenziell abgesichert - was jene in dem Gedankenexperiment annehmen sollten und was für die Freiwilligen der Mittelschicht und damit für den größten Prozentsatz dieser Gruppe gilt - intrinsisch motiviert, zu arbeiten. Darüber hinaus würden viele - ohne Not - auch dann in der Erwerbsarbeit verbleiben, wenn sie die Bedingungen entsprechend ihren Bedürfnissen beeinflussen könnten. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre - so unsere Nachfragen - variierten die zu verändernden Bedingungen, unter denen 66 Prozent bereit wären, auch dann weiterzuarbeiten, wenn sie dies nicht aus finanziellen Gründen müssten: Waren es in der Vergangenheit Bedürfnisse zu mehr Weiterbildung oder Abwechslung bezüglich der Aufgaben, so bestehen diese heute mehrheitlich darin, Zeitsouveränität zu erlangen und weniger quantitativen Arbeitsanforderungen ausgesetzt zu sein.

Fußnoten

4.
Natürlich gibt es hier Ausnahmen; die Forschungen zur Hausarbeit bilden eine solche. Vgl. Marianne Resch/Eva Bamberg/Gisela Mohr, Von der Erwerbsarbeitspsychologie zur Arbeitspsychologie; in: Ivars Udris (Hrsg.), Arbeitspsychologie für morgen, Heidelberg 1997.
5.
Erstmals wurde diese Frage in den 1950er Jahren gestellt. Damals gaben 85 Prozent an, weiter arbeiten zu wollen. Vgl. Nick C. Morse, Satisfaction in the white-collar job, Ann Arbor 1953. Die hier zitierte Studie wurde durch das DaimlerChrysler Forschungslabor durchgeführt und kann dort angefordert werden.