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18.9.2008 | Von:
Theo Wehner

Jenseits der Erwerbsarbeit liegen Antworten für eine Tätigkeitsgesellschaft - Essay

Der Autonomieanspruch ist nicht käuflich

Warum eine mögliche Bezahlung die Motive frei-gemeinnütziger Tätigkeit in Frage stellt, liegt - so die Ausführungen der Interviewten - im jeweiligen Autonomieanspruch[6] begründet. Dabei geht es nicht darum, den Leistungsvergleich, professionelle Ansprüche oder Forderungen nach Qualität bzw. Kompetenzerweiterungen zu verweigern, sondern darum, in Eigenverantwortung den Anspruch und die Ausgestaltung des Engagements selbst zu bestimmen.

Dies zeigt sich auch in einer quantitativen Studie zum Stellenwert des Autonomieanspruchs bei frei-gemeinnützig Tätigen, im Gegensatz zu Erwerbstätigen: Die Arbeits- und Organisationspsychologie hat - in langer Tradition und großer Übereinstimmung zwischen verschiedenen Forschergruppen - Humankriterien guter Arbeit bestimmt und im Hinblick auf ihre Wirkungen erforscht. Wir legten die folgenden sieben Kriterien zur Bildung einer Rangreihe vor; selbstverständlich nach deren Definition und Diskussion zum persönlichen Erfahrungshintergrund.[7]

  • Sinnhaftigkeit (Übereinstimmung gesellschaftlicher und individueller Interessen);
  • Zeitelastizität (Freiräume für Interaktion, Kreativität und die Gestaltung der Anforderungen);
  • Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten (Erhalt und Entwicklung geistiger Flexibilität, beruflicher Qualifikation);
  • Autonomie (Verantwortungsübernahme, Selbstwert- und Kompetenzerleben);
  • Soziale Interaktion (gemeinsame Bewältigung von Schwierigkeiten und Belastungen);
  • Anforderungsvielfalt (Einsatz vielseitiger Qualifikationen und Vermeidung einseitiger Beanspruchungen);
  • Ganzheitlichkeit der Aufgabe (Erkennen der Bedeutung der eigenen Arbeit und Feedback aus der Durchführung).

    Bei Freiwilligen steht Sinnhaftigkeit an erster und Autonomie an zweiter Stelle, gefolgt von Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten, sozialer Interaktion, Ganzheitlichkeit, Zeitelastizität sowie Anforderungsvielfalt. Für Erwerbstätige sieht diese Rangreihe ganz anders aus: An erster Stelle steht hier die soziale Interaktion, danach kommen Anforderungsvielfalt sowie Lern- und Entwicklungsmöglichkeit. Es folgen Sinnhaftigkeit, Ganzheitlichkeit und Zeitelastizität auf den Plätzen vier, fünf, sechs und Autonomie erst auf dem siebten Rang; identisch übrigens mit der Rangfolge einer Gruppe von über 100 Betriebsräten!

  • Fußnoten

    6.
    Obwohl der Wortstamm des altgr. Autonomia auf Selbstgesetzgebung hinweist, bezeichnet er für das Individuum eher den Aspekt, seine Verhältnisse zu Anderen, zur Gruppe oder zu einer Organisation selbst zu regeln. Synonyme wären Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit, Selbstbestimmung. Noch näher an der Alltagsverwendung ist autonomes Handeln dadurch gekennzeichnet, dass es das Einmischen anderer auszuschliessen versucht und die Eigenverantwortung über die Fremdbestimmung stellt.
    7.
    Vgl. Theo Wehner/Harald Mieg/Stefan T. Güntert, Frei-gemeinnützige Arbeit, in: Susanne Mühlpfordt/Peter Richter (Hrsg.), Ehrenamt und Erwerbsarbeit, München 2006.