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18.9.2008 | Von:
Theo Wehner

Jenseits der Erwerbsarbeit liegen Antworten für eine Tätigkeitsgesellschaft - Essay

Sinngenerierung und Sinnprägnanz: Der Kern frei-gemeinnütziger Tätigkeit

Selbstbestimmung - so die Argumentation - ist zwar der priorisierte Anspruch an die frei-gemeinnützige Tätigkeit und wird im Bereich der Lohnarbeit von Erwerbstätigen und Betriebsräten auf den letzten Rangplatz verwiesen, Sinnhaftigkeit[8] jedoch belegt nicht nur in der berichteten Studie, sondern auch in Interviews und einer Analyse von Freiwilligeninitiativen den ersten Rangplatz: dort fanden wir Sinnprägnanz als den Erfolgsfaktor der Initiativen;[9] dies gilt es abschließend zu bewerten.

Auch wenn ein marktorientiertes Unternehmen und deren Mitarbeitende Sinn herzustellen versuchen, gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen einer Freiwilligeninitiative und einer Unternehmung, die mittels bezahlter Arbeitskräfte realisiert wird: Der Begründung einer Non-Profit-Organisation (NPO) und erst recht der individuellen Entscheidung für eine frei-gemeinnützige Tätigkeit geht ein sinnsuchender und -generierender Abgrenzungs- und Selektionsprozess voraus: Nicht der vielversprechende Businessplan oder die Lohnvorstellungen und mögliche Vertragssicherheiten sind entscheidend, sondern ein intensiver Diskurs darüber, was im gegebenen Kontext sinnvoll ist. Nur so können das eingangs gewählte Zitat und die Aussage einer freiwilligen Mitarbeiterin eines Netzwerks verstanden werden, die in der Diskussion über monetäre Anreize klar und unmissverständlich äußerte: "das Geld - was ich möglicherweise bekommen würde oder könnte - würde ich wieder stiften, weil ich mich für die Arbeit entschieden habe und nicht für den Lohn".

Diese Aussagen verweisen auf eine Ökonomie der Aufmerksamkeit[10] im Gegensatz zur Ökonomie des Geldes: Leistungserbringung und Lohnverzicht, Engagement und hohe Identifikation können aus dem Bedürfnis resultieren, die eigene Aufmerksamkeit gegenüber soziokulturellen Aufgaben und Fragen zur sozialen Gerechtigkeit zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit Dritter zu wünschen, zu lenken und erregen zu wollen: nicht, um deren Geld als Tauschobjekt oder als Entlastungsmoment zu fordern oder anzunehmen, sondern um gemeinwohlorientiertes Engagement auszulösen - entweder für die gleiche Sache zu einem anderen Zeitpunkt (Ausgleichsbeziehung) oder für eine andere Sache zum gleichen Zeitpunkt (Tauschbeziehung). Dabei darf man jedoch nicht den Rätseln der Nächstenliebe[11] anheim fallen, sondern muss vielmehr die Voraussetzungen für mehr zivilgesellschaftliches Engagement schaffen: durch ein bedingungsloses Grundeinkommen etwa! Dies jedoch ist eine andere Debatte und sie muss ein anderes Mal geführt werden.

Fußnoten

8.
Sinn wird hier im doppelten Wortsinn des französischen sense gebraucht: strukturvermittelnd, richtunggebend, nützlich sowie gleichzeitig herausfordernd und Spaß bereitend. Ansonsten lehnen wir uns an Frankls Sinnbegriff - bei ihm gleich Logos - an: Der Mensch ist von seinem Wesen her durchdrungen von einem Streben nach Sinn. Ist der Wille zum Sinn frustriert, entsteht ein existenzielles Vakuum, mit Apathie und Leeregefühl. Existenzielle Erfüllung hängt vom Gelingen der Sinnfindung bzw. Sinngenerierung ab. Dabei ist Sinn nicht nur durch Erleben zu erhalten, sondern durch Tätigsein; bei Frankl sogar auch im Wie des Leidens; vgl. Viktor E. Frankl, Der Wille zum Sinn, München 1991.
9.
Vgl. Theo Wehner/Anja Ostendorp/Carsten Ostendorp, Good practice? - Auf der Suche nach Erfolgsfaktoren in gemeinwohlorientierten Freiwilligeninitiativen, in: ARBEIT, Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 11 (2002), 1, S. 1 - 27.
10.
Vgl. Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit, München 1998.
11.
Vgl. Morton Hunt, Das Rätsel der Nächstenliebe. Der Mensch zwischen Egoismus und Altruismus. Frankfurt/M.-New York 1992.