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18.9.2008 | Von:
Theo Wehner

Jenseits der Erwerbsarbeit liegen Antworten für eine Tätigkeitsgesellschaft - Essay

Nur durch eine erweiterte Arbeitsforschung können die Tätigkeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts gestaltet und die Auswirkungen von Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit verstanden werden.

Einleitung

Die Ausgrenzung vom Arbeitsprozess durch Arbeitslosigkeit verweist auf psychosoziale Folgen, welche - ausgenommen populistische Attacken gegen Arbeitslose - die Psychopathologie der Arbeitsgesellschaft kennzeichnen.




Um die Bedeutung der Arbeit für den Menschen besser zu verstehen, wird im Folgenden ein salutogenetischer[1] Zugang gewählt, womit sich das Begriffspaar wandelt : Erwerbsarbeit und frei-gemeinnützige Tätigkeit[2] stehen jetzt im Zentrum der Beschreibung.

Freiwilligenarbeit als Tätigkeitsform

"Wenn ich das bezahlt bekäme, was ich hier tue, würd' ich es nicht mehr tun". Diese und ähnlich lautende Aussagen in Interviews zur Freiwilligenarbeit haben bestätigt, was wir vermuteten, als wir damit begannen, das Tätigsein jenseits der Erwerbsarbeit zu erforschen:[3] Die Motive, Bedürfnisse und Erwartungen, aber auch das Ziel und der Nutzen frei-gemeinnützig tätiger Bürgerinnen und Bürger können durch die Bezahlung der Tätigkeit - sei es in der nicht organisierten Nachbarschaftshilfe oder als Trainerin im Sportverein - korrumpiert, zumindest in Frage gestellt werden.

Das Bedürfnis zum Tätigsein folgt einem eigenen Antrieb

Umgekehrt formuliert gehen wir davon aus, dass das Bedürfnis zum Tätigsein intrinsisch - aus eigenem Antrieb heraus - motiviert ist, auch dann, wenn es extrinsisch - durch Geld, Ansehen oder Machtzuwachs - verstärkt bzw. instrumentalisiert, wenn nicht gar ausgebeutet werden kann.

Wenn dies die forschungsleitende Ausgangsthese einer erweiterten Arbeitsforschung ist, beinhaltet sie gleichzeitig eine konstruktiv gemeinte Kritik am Mainstream herkömmlicher arbeitswissenschaftlicher Studien: Da diese sich - ihre Praxisfelder berücksichtigend[4] - primär als Erwerbsarbeitsforschung charakterisieren lässt, entgehen ihr unter Umständen einige Motivfacetten des Tätigseins: Facetten, die nicht nur für die Weiterentwicklung der Arbeitsgesellschaft - hin zur Tätigkeitsgesellschaft oder gar zu einer Gesellschaft, in der die individuelle Existenz durch ein bedingungsloses Grundeinkommen und nicht durch Lohnarbeit gesichert ist -, sondern auch zum besseren Verständnis psychosozialer Folgen von Arbeitslosigkeit von Bedeutung sind.

Damit der Tenor des eingangs gewählten Zitats nicht singulär bleibt oder der Eindruck entsteht, ein Hinweis auf ein intrinsisches Tätigkeitsbedürfnis scheine nur in der Freiwilligenforschung auf, sei auf einen weiteren Befund verwiesen: In einer wiederholt durchgeführten europäischen Studie zur Bedeutung der Arbeit sollten sich die Befragten auf folgendes Gedankenexperiment einlassen: "Wenn Sie einen Riesengewinn in der Lotterie erzielt hätten und zur Existenzsicherung nicht mehr arbeiten müssten; was würden Sie tun"?[5] Während jeweils rund ein Sechstel entweder einfach weiterarbeiten oder gänzlich und sofort aufhören würden zu arbeiten, stellten sich zwei Drittel vor, unter veränderten Bedingungen weiterzuarbeiten. Mag sein, dass jene, die einfach weiterarbeiten würden, sich nun von den Fesseln befreit fühlen können, die sie selbst gesprengt haben und jene 16 Prozent, die bezüglich der Arbeitstätigkeit keine Veränderungen vornehmen möchten, sich keinen unnötigen Adrenalinschüben aussetzen wollen, so zeigt die verbleibende Zweidrittelmehrheit nicht nur jenes bereits erwähnte intrinsische Tätigkeitsmotiv, sondern verweist zugleich auf Kritik- und Gestaltungspotenzial bezüglich der momentanen Erwerbsarbeitsbedingungen.

Bis hierher können wir festhalten: Ein Großteil der Menschen ist, soweit existenziell abgesichert - was jene in dem Gedankenexperiment annehmen sollten und was für die Freiwilligen der Mittelschicht und damit für den größten Prozentsatz dieser Gruppe gilt - intrinsisch motiviert, zu arbeiten. Darüber hinaus würden viele - ohne Not - auch dann in der Erwerbsarbeit verbleiben, wenn sie die Bedingungen entsprechend ihren Bedürfnissen beeinflussen könnten. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre - so unsere Nachfragen - variierten die zu verändernden Bedingungen, unter denen 66 Prozent bereit wären, auch dann weiterzuarbeiten, wenn sie dies nicht aus finanziellen Gründen müssten: Waren es in der Vergangenheit Bedürfnisse zu mehr Weiterbildung oder Abwechslung bezüglich der Aufgaben, so bestehen diese heute mehrheitlich darin, Zeitsouveränität zu erlangen und weniger quantitativen Arbeitsanforderungen ausgesetzt zu sein.

Der Autonomieanspruch ist nicht käuflich

Warum eine mögliche Bezahlung die Motive frei-gemeinnütziger Tätigkeit in Frage stellt, liegt - so die Ausführungen der Interviewten - im jeweiligen Autonomieanspruch[6] begründet. Dabei geht es nicht darum, den Leistungsvergleich, professionelle Ansprüche oder Forderungen nach Qualität bzw. Kompetenzerweiterungen zu verweigern, sondern darum, in Eigenverantwortung den Anspruch und die Ausgestaltung des Engagements selbst zu bestimmen.

Dies zeigt sich auch in einer quantitativen Studie zum Stellenwert des Autonomieanspruchs bei frei-gemeinnützig Tätigen, im Gegensatz zu Erwerbstätigen: Die Arbeits- und Organisationspsychologie hat - in langer Tradition und großer Übereinstimmung zwischen verschiedenen Forschergruppen - Humankriterien guter Arbeit bestimmt und im Hinblick auf ihre Wirkungen erforscht. Wir legten die folgenden sieben Kriterien zur Bildung einer Rangreihe vor; selbstverständlich nach deren Definition und Diskussion zum persönlichen Erfahrungshintergrund.[7]

  • Sinnhaftigkeit (Übereinstimmung gesellschaftlicher und individueller Interessen);
  • Zeitelastizität (Freiräume für Interaktion, Kreativität und die Gestaltung der Anforderungen);
  • Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten (Erhalt und Entwicklung geistiger Flexibilität, beruflicher Qualifikation);
  • Autonomie (Verantwortungsübernahme, Selbstwert- und Kompetenzerleben);
  • Soziale Interaktion (gemeinsame Bewältigung von Schwierigkeiten und Belastungen);
  • Anforderungsvielfalt (Einsatz vielseitiger Qualifikationen und Vermeidung einseitiger Beanspruchungen);
  • Ganzheitlichkeit der Aufgabe (Erkennen der Bedeutung der eigenen Arbeit und Feedback aus der Durchführung).

    Bei Freiwilligen steht Sinnhaftigkeit an erster und Autonomie an zweiter Stelle, gefolgt von Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten, sozialer Interaktion, Ganzheitlichkeit, Zeitelastizität sowie Anforderungsvielfalt. Für Erwerbstätige sieht diese Rangreihe ganz anders aus: An erster Stelle steht hier die soziale Interaktion, danach kommen Anforderungsvielfalt sowie Lern- und Entwicklungsmöglichkeit. Es folgen Sinnhaftigkeit, Ganzheitlichkeit und Zeitelastizität auf den Plätzen vier, fünf, sechs und Autonomie erst auf dem siebten Rang; identisch übrigens mit der Rangfolge einer Gruppe von über 100 Betriebsräten!
  • Sinngenerierung und Sinnprägnanz: Der Kern frei-gemeinnütziger Tätigkeit

    Selbstbestimmung - so die Argumentation - ist zwar der priorisierte Anspruch an die frei-gemeinnützige Tätigkeit und wird im Bereich der Lohnarbeit von Erwerbstätigen und Betriebsräten auf den letzten Rangplatz verwiesen, Sinnhaftigkeit[8] jedoch belegt nicht nur in der berichteten Studie, sondern auch in Interviews und einer Analyse von Freiwilligeninitiativen den ersten Rangplatz: dort fanden wir Sinnprägnanz als den Erfolgsfaktor der Initiativen;[9] dies gilt es abschließend zu bewerten.

    Auch wenn ein marktorientiertes Unternehmen und deren Mitarbeitende Sinn herzustellen versuchen, gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen einer Freiwilligeninitiative und einer Unternehmung, die mittels bezahlter Arbeitskräfte realisiert wird: Der Begründung einer Non-Profit-Organisation (NPO) und erst recht der individuellen Entscheidung für eine frei-gemeinnützige Tätigkeit geht ein sinnsuchender und -generierender Abgrenzungs- und Selektionsprozess voraus: Nicht der vielversprechende Businessplan oder die Lohnvorstellungen und mögliche Vertragssicherheiten sind entscheidend, sondern ein intensiver Diskurs darüber, was im gegebenen Kontext sinnvoll ist. Nur so können das eingangs gewählte Zitat und die Aussage einer freiwilligen Mitarbeiterin eines Netzwerks verstanden werden, die in der Diskussion über monetäre Anreize klar und unmissverständlich äußerte: "das Geld - was ich möglicherweise bekommen würde oder könnte - würde ich wieder stiften, weil ich mich für die Arbeit entschieden habe und nicht für den Lohn".

    Diese Aussagen verweisen auf eine Ökonomie der Aufmerksamkeit[10] im Gegensatz zur Ökonomie des Geldes: Leistungserbringung und Lohnverzicht, Engagement und hohe Identifikation können aus dem Bedürfnis resultieren, die eigene Aufmerksamkeit gegenüber soziokulturellen Aufgaben und Fragen zur sozialen Gerechtigkeit zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit Dritter zu wünschen, zu lenken und erregen zu wollen: nicht, um deren Geld als Tauschobjekt oder als Entlastungsmoment zu fordern oder anzunehmen, sondern um gemeinwohlorientiertes Engagement auszulösen - entweder für die gleiche Sache zu einem anderen Zeitpunkt (Ausgleichsbeziehung) oder für eine andere Sache zum gleichen Zeitpunkt (Tauschbeziehung). Dabei darf man jedoch nicht den Rätseln der Nächstenliebe[11] anheim fallen, sondern muss vielmehr die Voraussetzungen für mehr zivilgesellschaftliches Engagement schaffen: durch ein bedingungsloses Grundeinkommen etwa! Dies jedoch ist eine andere Debatte und sie muss ein anderes Mal geführt werden.
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    Fußnoten

    1.
    Der Ansatz der Salutogenese geht auf Aaron Antonovsky zurück; vgl. Aaron Antonovsky, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997.
    2.
    Frei-gemeinnützige Tätigkeit - so wie wir sie definieren - umfasst unbezahlte, organisierte und informelle, soziale Arbeit. Gemeint ist ein persönliches, gemeinnütziges Engagement, das mit einem Zeitaufwand verbunden ist, prinzipiell auch von einer anderen Person ausgeführt und potenziell auch bezahlt werden könnte. Ausgeschlossen ist damit die professionalisierte, bezahlte Arbeit, sei sie auch noch so schlecht bezahlt; ebenso ausgeschlossen ist die persönliche Beziehungspflege oder -arbeit, denn diese hat zwar sozialen Charakter, würde aber nicht bezahlt werden; nicht die Hausarbeit oder die Fürsorge innerhalb einer Familie, denn die Familie ist (noch) ein Element von Gemeinwesen und nicht selbst Gemeinwesen; auch nicht die gemeinnützige Arbeit von Sozialhilfeempfängern (Hartz IV) oder von Strafgefangenen, beiden Formen mangelt es an Freiwilligkeit; keine freigemeinnützige Arbeit sind Spenden oder das Errichten einer Stiftung, denn der persönliche Zeitaufwand kann als gering erachtet werden; hingegen fällt die ehrenamtliche Tätigkeit in einer Stiftung sehr wohl in die freigemeinnützige Arbeit.
    3.
    Vgl. zusammenfassend für die Forschungsgruppe, Stefan T. Güntert, Freiwilligenarbeit als Tätigsein in Organisationen, unveröff. Diss., Zürich 2008.
    4.
    Natürlich gibt es hier Ausnahmen; die Forschungen zur Hausarbeit bilden eine solche. Vgl. Marianne Resch/Eva Bamberg/Gisela Mohr, Von der Erwerbsarbeitspsychologie zur Arbeitspsychologie; in: Ivars Udris (Hrsg.), Arbeitspsychologie für morgen, Heidelberg 1997.
    5.
    Erstmals wurde diese Frage in den 1950er Jahren gestellt. Damals gaben 85 Prozent an, weiter arbeiten zu wollen. Vgl. Nick C. Morse, Satisfaction in the white-collar job, Ann Arbor 1953. Die hier zitierte Studie wurde durch das DaimlerChrysler Forschungslabor durchgeführt und kann dort angefordert werden.
    6.
    Obwohl der Wortstamm des altgr. Autonomia auf Selbstgesetzgebung hinweist, bezeichnet er für das Individuum eher den Aspekt, seine Verhältnisse zu Anderen, zur Gruppe oder zu einer Organisation selbst zu regeln. Synonyme wären Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit, Selbstbestimmung. Noch näher an der Alltagsverwendung ist autonomes Handeln dadurch gekennzeichnet, dass es das Einmischen anderer auszuschliessen versucht und die Eigenverantwortung über die Fremdbestimmung stellt.
    7.
    Vgl. Theo Wehner/Harald Mieg/Stefan T. Güntert, Frei-gemeinnützige Arbeit, in: Susanne Mühlpfordt/Peter Richter (Hrsg.), Ehrenamt und Erwerbsarbeit, München 2006.
    8.
    Sinn wird hier im doppelten Wortsinn des französischen sense gebraucht: strukturvermittelnd, richtunggebend, nützlich sowie gleichzeitig herausfordernd und Spaß bereitend. Ansonsten lehnen wir uns an Frankls Sinnbegriff - bei ihm gleich Logos - an: Der Mensch ist von seinem Wesen her durchdrungen von einem Streben nach Sinn. Ist der Wille zum Sinn frustriert, entsteht ein existenzielles Vakuum, mit Apathie und Leeregefühl. Existenzielle Erfüllung hängt vom Gelingen der Sinnfindung bzw. Sinngenerierung ab. Dabei ist Sinn nicht nur durch Erleben zu erhalten, sondern durch Tätigsein; bei Frankl sogar auch im Wie des Leidens; vgl. Viktor E. Frankl, Der Wille zum Sinn, München 1991.
    9.
    Vgl. Theo Wehner/Anja Ostendorp/Carsten Ostendorp, Good practice? - Auf der Suche nach Erfolgsfaktoren in gemeinwohlorientierten Freiwilligeninitiativen, in: ARBEIT, Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 11 (2002), 1, S. 1 - 27.
    10.
    Vgl. Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit, München 1998.
    11.
    Vgl. Morton Hunt, Das Rätsel der Nächstenliebe. Der Mensch zwischen Egoismus und Altruismus. Frankfurt/M.-New York 1992.