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2.9.2008 | Von:
Stormy Mildner

Das handelspolitische Erbe der Bush-Administration

Handelspolitik unter Druck

Präsident Bush agierte in einem in Handelsfragen stark polarisierten und gespaltenen gesellschaftlichen und politischen Umfeld. Einer Umfrage des "Wall Street Journal" und von NBC News vom März 2007 zufolge glaubt fast die Hälfte der Amerikaner, die Globalisierung schade den USA. Waren im Jahr 1999 nur 32 Prozent der Amerikaner derAnsicht, Freihandelsabkommen seien schlecht für das Land, liegt dieser Anteil heute bei 46 Prozent.[9] Gerade der rasante weltwirtschaftliche Aufstieg Chinas und das Defizit in der Leistungsbilanz haben in der amerikanischen Gesellschaft ein Gefühl wirtschaftlicher Verwundbarkeit hervorgerufen. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Anteil der USA an den globalen Handelsströmen kontinuierlich gesunken. Mittlerweile beläuft sich der Anteil der USA an den globalen Güterexporten (2006) auf nur noch knapp neun Prozent.[10] Gleichzeitig hat seit den 1970er Jahren die ökonomische Abhängigkeit der USA vom Ausland merklich zugenommen. Betrug der Anteil der US-Exporte am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1970 noch 5,5 Prozent, machen Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen heute etwa 11 Prozent des BIP aus (2006).[11]

Im Jahr 2006 erreichte das Leistungsbilanzdefizit der USA (vgl. die Abbildung der PDF-Version) ein Rekordhoch von 758 Mrd. US-Dollar; die Handelsbilanz schloss mit einem Minus von 838 Mrd. US-Dollar, was rund 6,3 Prozent des BIP entsprach.[12] Damit entfielen etwa drei Viertel des global aggregierten Leistungsbilanzdefizits auf die USA. Politisch besonders brisant ist das hohe Defizit im Handel mit China: Von 2001 (83 Mrd. US-Dollar) bis 2007 (256 Mrd. US-Dollar) hat sich das bilaterale Defizit in etwa verdreifacht, womit es inzwischen deutlich mehr als ein Viertel des Gesamtdefizits der USA ausmacht.[13] Weite Teile der gewerblichen Industrie sehen sich durch einen in ihren Augen unfairen internationalen Wettbewerb bedroht. Befürchtet wird, dass das Festhalten am Freihandel nicht nur bei den Produzenten einfacher Industriegüter, sondern zunehmend auch bei den Anbietern anspruchsvoller Dienstleistungen zum Verlust von Arbeitsplätzen führen wird.

Zweifellos hat Handelsliberalisierung in den vergangenen zehn Jahren maßgeblich zum Wirtschaftswachstum und zur hohen Beschäftigungsrate der USA beigetragen. Arbeitsplatzverluste wiederum sind weniger der Öffnung des heimischen Marktes als vielmehr dem technologischen Wandel sowie den veränderten Konsumpräferenzen geschuldet. Gleichwohl trifft zu, dass bestimmte Regionen (darunter der Manufacturing Belt im Mittleren Westen, aber auch Bundesstaaten im Südosten, wo die Textilindustrie angesiedelt ist) und nationale Gruppen (insbesondere gering qualifizierte Arbeitnehmer) einen relativen oder sogar absoluten Rückgang von Arbeitsplätzen, Einkommen und Lebensstandard infolge von Handelsliberalisierung erlitten haben. Dies gilt umso mehr, als das lückenhafte soziale Netz der USA die ökonomischen Anpassungsprozesse nicht ausreichend gut abzufedern vermag: Das Arbeitslosengeld wird nur für maximal 26 Wochen gezahlt. Zudem sind rund 60 Prozent der Krankenversicherten über ihren Arbeitsplatz versichert. Mit einem Jobverlust droht somit gleichsam der Verlust des Gesundheitsschutzes. Dies erklärt, warum schon bei einem geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit wie im Mai 2008 auf 5,5 Prozent die Verunsicherung in der Bevölkerung rapide wächst. Hierauf müssen Politiker beider Parteien reagieren.

Fußnoten

9.
Vgl. Polling Report, International Trade/Global Economy, in: www.pollingreport.com/trade.htm (20.6. 2008).
10.
Vgl. WTO, International Trade and Tariff Data, in: www.wto.org/english/res_e/statis_e/
statis_e.htm (1.7. 2008).
11.
Vgl. US Census, Trade Statistics, in: www.cen sus.gov/foreign-trade/statistics/historical/index.html; Bureau of Economic Analysis, Gross Domestic Product, in: www.bea.gov/national/index.htm gdp (1.7. 2008).
12.
Vgl. Bureau of Economic Analysis, International Economic Accounts, in: www.bea.gov/international/index.htm bop (1.7. 2008).
13.
Vgl. Export.gov, Trade Stats Express, in: http://tse.export.gov (2.7. 2008).