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2.9.2008 | Von:
Jakob Schissler

US-Präsidenten: "Real Men" oder "Sissies"? Essay

Weltbilder

Insgesamt erwiesen sich der Antikommunismus und die Politik des Roll-back als erfolgreiche Strategie für demokratische Politik, aber nicht für die Partei dieses Namens, sondern für die Republikaner. Dabei steht außer Frage, dass die vergrößerte Macht von Stalins Sowjetunion neu interpretiert werden musste. Dafür lag ein Lösungsvorschlag bereits auf dem Tisch: George F. Kennan, Angehöriger der amerikanischen Botschaft in Moskau, forderte, dass man der Sowjetunion politisch differenzierter entgegentreten solle. Doch dieser Vorschlag wurde von Acheson verworfen: Man müsse hart reagieren, selbst mit militärischer Gewalt, und man dürfe den Kommunismus nicht differenziert, sondern müsse ihn holistisch betrachten. Damit wurde eine geistige Grundlage für die amerikanische Politik geschaffen, die in der Folge auch große Teile Westeuropas überzeugte.

Von großer Bedeutung erwies sich die neue Strategie im Innern der USA. Die Gewerkschaften wurden ihrer Legitimation beraubt, waren sie doch als Kollektiv antikapitalistischer Denkformen verdächtig. Sodann konnten alle Intellektuellen, die Universitäten und die Filmindustrie der "geistigen Verwandtschaft" mit dem Kommunismus bezichtigt werden. Bereits das Organisationsdenken des New Deal war im Prinzip des Kommunismus verdächtig. So wurde mit massiver sozialer Gewalt eine neue, alte Legitimationsideologie aus der Taufe gehoben: die Liberal tradition. Seither wurden bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und darüber hinaus der Antikommunismus und die vorbehaltlose Zustimmung zum kapitalistischen Entwicklungspfad zum Markenzeichen des politischen Denkens nicht nur in den USA.

Die Verhaltensmerkmale, die der Liberal tradition zukommen, bestehen in männlicher Härte, in Attributen wie "stark sein", "Willen zeigen", "geistig nicht differenzieren", sich nicht als verständnisvoller Diskutant in Diskussionen mit Kommunisten und deren Sympathisanten erweisen. Der erste Zusatzartikel (First Amendment) zur amerikanischen Verfassung, der die geistige und die Redefreiheit kodifiziert, wurde auf ein sozial definiertes Maß gestutzt. Die aus dem Krieg heimkehrenden Studenten, stolz auf ihren Leutnants- oder Captains-Rang, wollten starke Burschen, real men, sein. McGeorge Bundy von Harvard, später Präsident John F. Kennedys Sicherheitsberater, fand, dass man nicht nur "Realist" in der Weltpolitik sein sollte, sondern "Ultra-Realist" - jemand, der die militärische Macht der USA stets im Kalkül behält. Solche Macho-Vorstellungen konnten sich von den geistigen Beständen des Antikommunismus absetzen und ein Eigenleben gewinnen. Zurückgreifend auf die Pionier- und Grenzerfahrung (frontier) konnte im amerikanischen Denken eine Persönlichkeitsvorstellung (rugged individualism) stabilisiert werden, die Weichheit, soft sein, als sissy quality verhöhnt. Man müsse tough sein, ein ganzer Kerl, und dürfe niemals nachgeben. Eine Position, die man einmal eingenommen hat, darf nicht aufgeweicht werden, jedenfalls nicht ohne gute Gründe.

Gab es sissies (Weichlinge) in der amerikanischen Bevölkerung und Politik? Nachdem das neue konsensuale Denken Mitte der 1950er Jahre umfassend etabliert war, wurden die Liberalen in der Demokratischen Partei weitgehend als sissies bezichtigt. Dass viele dieser Liberalen ebenfalls Antikommunisten waren, deren politischer Stil allerdings eher der von Kennan skizzierten Linie entsprach, wurde übersehen. Immerhin war diese Richtung in der Demokratischen Partei noch so stark, dass Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson, der 1952 und 1956 erfolglos gegen General Dwight D. Eisenhower in den Präsidentschaftswahlkampf zog, ein Liberaler war. Er repräsentierte die Tradition Roosevelts in der Demokratischen Partei. Der andere Flügel der "liberalen" Demokraten bestand aus den Cold War Liberals, die später die Basis für die Neokonservativen abgeben sollten. Der spätere Präsident Kennedy war ebenfalls ein harter Bursche und kein sissy, wie aus seiner Inauguralrede ersichtlich werden sollte.