BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

2.9.2008 | Von:
Jakob Schissler

US-Präsidenten: "Real Men" oder "Sissies"? Essay

Wissenssysteme

Von Anfang an mit dem Republikanischen backlash verbunden - und am besten mit "Gegenrevolution" zu übersetzen - war der Kampf gegen den Keynesianismus. Dessen zunehmende Popularität in den 1930er Jahren zur Zeit der Roosevelt-Administration war der amerikanischen Geschäftswelt ein Dorn im Auge. In der politischen Kultur des Landes sollte die Liberal tradition zur alles bestimmenden Sichtweise werden: Freie Unternehmer, freie Märkte, freie Bürger sollten die Denkbilder prägen. Entsprechende Agitationstrupps bildeten sich sofort nach Kriegsende aus; im Kampf gegen den Kommunismus wurde der Keynesianismus als Spielart des Kommunismus denunziert. Einer der eifrigsten Kritiker war Milton Friedman - anfangs an gleichen Tischen mit dem Begründer der John-Birch-Society sitzend, einer rechtsgerichteten Organisation, die 1958 gegründet wurde und in Verschwörungskategorien dachte.

In den 1970er Jahren gelang dem Anti-Keynesianismus der Durchbruch. Wichtig für Friedman und die Chicagoer Schule war es, dass die Bedeutung des Staates in der Wirtschaftspolitik heruntergestuft wurde. Wissenschaftspolitisch gesehen wurde eine neue "epistemologische Gemeinschaft" geschaffen, deren Hauptvertreter Friedman war. Diese Gemeinschaft fand breite Unterstützung durch Organisationen, die von Unternehmern gefördert wurden. Ihre grass-roots-Aktivitäten haben nie nachgelassen, und für viele dieser Organisationen war der innenpolitische Kampf gegen staatliche Regelungen und Planungen wichtiger als der Kampf gegen den Kommunismus. Insgesamt hat Friedman zu einem Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften und in den öffentlichen Sichtweisen nicht nur in den USA, sondern weltweit beigetragen. Der Keynesianismus verlor an theoretischer Wirkmacht. Die Revitalisierung der "klassischen Ökonomie" als "Neoklassik", wie der Ansatz umfassend genannt wird, war gelungen.

Die Demokraten hatten ihr Alternativimage eingebüßt und entwickelten sich unter Führung einzelner Abgeordneter und Senatoren in den Reaganschen Jahren zu New Democrats, die eine Mittelschichtstrategie verfolgten und ebenfalls für Steuererleichterungen und den Abbau des welfare state eintraten. Auch ihr Credo war der "freie Markt". Von 1978 an hatte der Demokratische Präsident Jimmy Carter die Deregulierung großer Wirtschaftsbereiche in Angriff genommen. Die neoliberale Ideologie, also die Grenzüberschreitungen aus der "Neoklassik" in populärwissenschaftliche "Theorien", herrscht seitdem nicht nur in den USA.