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2.9.2008 | Von:
Jakob Schissler

US-Präsidenten: "Real Men" oder "Sissies"? Essay

Präsidentielle Stile

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der ökonomische Erfolg nicht mehr im Konzert mit staatlicher Organisation verstanden, sondern zunehmend mit der Leistungskraft einer freien Wirtschaft verbunden. Der erste Präsident der Nachkriegszeit, der dem Stil des neuen Denkens zu entsprechen schien, war Dwight D. Eisenhower, der legendäre General, der die Landung der alliierten Truppen in der Normandie befehligt hatte. Sein Stil war durch Zurückhaltung geprägt. Die außenpolitische antikommunistische Heißluft überließ er seinem Außenminister John Foster Dulles. Der General als Präsident hatte es nicht nötig, sich als "harten Kerl" auszugeben.

Für Eisenhowers Nachfolger John F. Kennedy stand fest, dass man die amerikanische Macht aktiver einsetzen müsse, als dies unter der Vorgängerregierung der Fall gewesen war. Schon im Wahlkampf hatte Kennedys Vater dem "Time"-Herausgeber Henry Luce versichert, dass sein Sohn auf jeden Fall ein harter Antikommunist sei. Seine Regierungsmannschaft, the best and the brightest, wie der Journalist David Halberstam sie nannte, wollte nicht dem passiven Stil der Eisenhower-Jahre entsprechen - und landete im Sumpf Vietnams. Einen "Verlust" Vietnams nach dem "Verlust" Chinas wollte sich kein amerikanischer Präsident erlauben; dieser Weg war durch die antikommunistische und die free-market-Ideologie versperrt. Experten im Außenministerium hatten vergeblich davor gewarnt, die antikoloniale Bewegung in Asien als kommunistisch und von Moskau gesteuert zu definieren, denn die kommunistische Ideologie sei kaum mehr als Beiwerk zur nationalen Befreiung ohne Langzeitwirkung.

Nach der Ermordung Kennedys erklärte sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, dass er nicht der erste Präsident sein werde, der einen Staat in Südostasien an die Kommunisten verloren geben würde. Der texanische Taktiker Johnson eskalierte den Krieg, doch Ho Chi Minh ließ sich nicht an den Verhandlungstisch bomben. Mit überkommenen Taktiken aus der amerikanischen Politik ließ sich dieser Krieg nicht beenden. Johnson war voller Verachtung für die Liberalen in seiner Partei. Intern unterschied er zwischen real men und boys. Viele der brillanten Ratgeber und Policy-Experten blieben für ihn boys. Erfolgreiche Geschäftsleute dagegen galten als real men, und auch er selbst verstand sich so. Doch er sollte in Vietnam seinen gesamten politischen und persönlichen Kredit verspielen.

Sein Nachfolger, der Antikommunist Richard Nixon, stand nie im Verdacht, kein real man zu sein. Seine Anerkennung der Volksrepublik China wurde als kluger Schachzug ausgegeben, um die beiden kommunistischen Mächte gegeneinander ausspielen zu können und dadurch Einfluss auf Vietnam zu gewinnen. Dieses Kalkül war falsch, weil auf der Prämisse basierend, nach der die Länder der "Dritten Welt" entweder zum Lager der Kommunisten gehörten oder zur "freien Welt". Der misstrauische Nixon musste nach dem Watergate-Skandal 1974 durch seinen Vizepräsidenten Gerald Ford ersetzt werden. Für Ford, den nicht gewählten Präsidenten, spielte es keine Rolle, ob er ein real man war oder nicht. Ihm oblag es 1975, den Vietnamkrieg für beendet zu erklären; kein gewählter Präsident hatte mithin den ersten verlorenen Krieg der USA zu verantworten.

Die Nation bestrafte Ford, da er dem zurückgetretenen Nixon Immunität gewährt hatte, und wählte stattdessen einen Außenseiter der Demokraten zum neuen Präsidenten: Jimmy Carter. Dieser war sicherlich kein "harter Bursche", aber er hatte Prinzipien und erwies sich als zäher Verhandlungsführer, so in den Friedensverhandlungen zwischen dem ägyptischen Präsidenten Anwar Al-Sadat und dem israelischen Regierungschef Menachem Begin. Allerdings bestand die Regierungsmannschaft Carters mit wenigen Ausnahmen aus Liberalen, welche die Johnson-Administration überlebt hatten - also aus sissies. Die lärmenden Cold War Liberals, die jetzt Neokonservative genannt wurden, blieben außen vor, gründeten das Committee on the Present Danger und denunzierten die Carter'sche Abrüstungspolitik.

Insgesamt kann man konstatieren, dass die Präsidentschaften Ford und Carter sehr viel amerikanischen Pragmatismus erlaubt hatten, denn beide hatten schwierige Zeiten zu bewältigen, die Ölkrisen und die Stagflation der 1970er Jahre. So ist es nicht verwunderlich, dass von einer rabiaten rechten Öffentlichkeit beide Präsidenten als schwach und damit als nicht recht amerikanisch dargestellt wurden. Beide wichen vorsichtig vom "ultrarealistischen" Konsens ab. Carter warnte vor "übertriebener Furcht vor dem Kommunismus".

Sein Nachfolger Ronald Reagan, der Bilderbuchkonservative, wurde berühmt dafür, dass sich unter seiner Administration der Neoliberalismus und mit ihm das Programm der Steuersenkungen durchsetzte. Das Haushaltsdefizit war für die damalige Zeit atemberaubend. Aber Reagan, der real man, hatte das Glück, das seinen beiden Vorgängern fehlte. Zudem musste die sowjetische Führung sich, die Gesellschaft und den Staat reformieren. Damit war der Weg frei zur Abrüstung, zum Ende der Sowjetunion und zum Aufstieg der neuen Großmacht Russland. Da man Anfang der 1990er Jahre auch der Großmacht China nicht mehr unterstellen konnte, dass sie Weltrevolution betrieb, fiel das Kartenhaus des Antikommunismus in sich zusammen.

Man hätte nun Bilanz ziehen können über eine ideologische Eintrimmung, die durch ihre Schwarzweißbilder mehr Unheil angerichtet als Sicherheit geschaffen hatte. Doch dazu kam es nicht. Der Nachfolger Reagans und Vater des jetzigen Präsidenten, George Bush, amtierte unideologisch. Er begleitete den Übergang Russlands zu einer Zivilmacht, gab umsichtig Hilfestellung bei der deutschen Vereinigung und stellte gegen den Abenteurer Saddam Hussein über die Vereinten Nationen eine multilaterale Koalition zusammen, die man als diplomatische Meisterleistung ansehen kann. Der Feldzug gegen den irakischen Diktator nach dessen Einmarsch in Kuwait gelang, aber er bewies aufs Neue, dass nach dem Zweiten Weltkrieg militärische Siege nur begrenzte politische Lösungen erbringen. Waren zwar die Weltbilder des antikommunistischen Zeitalters verschwunden, so blieben doch diejenigen der real men bestehen. Boys wie Ford und Carter hatten an der Spitze der amerikanischen Politik nichts zu suchen. War George Bush der ältere ein real man? In gewisser Hinsicht ja, hatte er doch zum Ende des Wahlkampfes den Demokratischen Kandidaten Michael Dukakis im Fernsehduell als unentschlossen, übermäßig differenziert und als weich bloßgestellt. Aber Bush war auch ein Zauderer, nicht nur beim Irakkrieg. Schon zuvor im Falklandkrieg hatte er die USA aus diesem späten Kolonialkonflikt heraushalten wollen, aber die britische Premierministerin Margaret Thatcher warnte ihn: "George, don't be a wimp." ("George, sei kein Schwächling.")

Auch nach dem Ende des Antikommunismus bestand offenbar keine Chance, für ein Männer- bzw. Menschenbild zu werben, das durch Differenziertheit, Festigkeit und Flexibilität auf der Basis einer Menschenrechtsideologie und in den Verfahren rational und pragmatisch geprägt gewesen wäre. Das Duo Clinton/Gore musste ab 1993 in vielem die Dinge so laufen lassen, wie es ein starker Republikanischer Kongress wollte. Die Wirtschaft lief als Spekulationsökonomie wie von selbst, und die IT-Revolution tat ein Übriges, um Wachstumsraten hervorzubringen, die weltweit Neid hervorriefen. Außer am Image des Modernen zu feilen, zu dem auch Al Gore als Umweltschützer beitrug, leisteten die beiden wenig. Der Übergang zur shareholder democracy erfolgte gleichsam von selbst. Beide Politiker sind bis heute populär, repräsentieren sie doch erfolgreiche Jahre der amerikanischen Wirtschaft. In ihrer grundsätzlichen Ideologie sind sie indes weitgehend dem Wirtschaftsdenken des Neoliberalismus gefolgt. Waren beide real men? Gore haftet bis heute das Image an, zu weich zu sein.

Als Fazit der Beurteilung der amerikanischen Präsidentschaften nach 1945 kann man festhalten, dass sich an der grundsätzlichen Ideologie, ein entschiedener Antisozialist, ein real man zu sein, ein Feind all derer, welche die freie Marktwirtschaft behindern, nichts geändert hat. Von der Form her ist diese Ideologie gepaart mit einem Persönlichkeitsbild, das durch Härte, nicht nur durch Festigkeit geprägt ist Diese ideologische Basis ist bis in die Regierungszeit von George W. Bush erhalten geblieben, ja, sie hat sich noch verstärkt. Die drei Präsidenten, die sich dem Anspruch dieser Männlichkeitsideologie teilweise hatten entziehen können, Ford, Carter und der ältere Bush, haben nur eine Amtszeit absolviert.

Des Rätsels Lösung, warum der von den Republikanern geschaffene Basiskonsens so lange halten konnte, liegt darin, dass in den USA Klassen nicht ökonomisch oder sozioökonomisch definiert werden. Klassenzugehörigkeit wird bestimmt über kulturelle Muster. Eine amerikanische Kultur hat man, oder man hat sie nicht. Ihr Gehalt definiert sich über etwas, das als American angesehen werden kann, und etwas, das un-American ist. Für die Republikaner oder für konservative Amerikaner ist es leicht, diese un-Americans als Liberals abzuqualifizieren.

Was ist un-American? Die Zuschreibung hat sich in den 1990er Jahren intensiviert. Schon seit langem wird in den USA an angeblich snobistischen Amerikanern herumgemäkelt, die teure ausländische Autos fahren und gerne stilvoll Wein konsumieren. Die Konstruktion von Freund-Feind-Bildern stellt mithin die neueste Variante des kulturellen backlash in den USA dar. Um diese Strategie zu perfektionieren, haben Wahlkampfberater des Kandidaten George W. Bush die Staaten des Landes nach Siegerfarben unterteilt. Drei Viertel des Landes, vor allem die Mitte, das "Herz" Amerikas, sind rotes Bush-Land, während die bevölkerungsreichen Küstenstaaten im Osten und Kalifornien blau gezeichnet werden. Die Demokraten verfügen zwar über umfängliche sozialstrukturelle Potentiale, sind aber seit dem Zweiten Weltkrieg kulturell nicht mehr definitionsmächtig - selbst wenn sie in einer Wahl siegen sollten.