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19.8.2008 | Von:
Michael Bommes

Migration und die Veränderung der Gesellschaft

Einflüsse auf die Wirtschaft

Die Bedeutung von Migration für Wirtschaft und Arbeitsmärkte ist, national und international wiederkehrend, Thema unter dem Gesichtspunkt ihres ökonomischen Nutzens. Ganz unbestritten ist dabei, dass in allen europäischen Zuwanderungsländern in zahlreichen Beschäftigungsbereichen Migranten, seien sie Ausländer oder eingebürgert, zu einem stabilen Bestandteil der Erwerbstätigenbevölkerung geworden sind, seien dies mehr als 40 Prozent wie in Luxemburg, mehr als 20 Prozent wie in der Schweiz oder in Deutschland. Insbesondere Ökonomen haben dabei die Struktureffekte der Migration auf die Arbeitsmärkte Europas analysiert und auf ihre längerfristigen Effekte hingewiesen.[3] Dazu gehörten in der Vergangenheit im Gefolge der Anwerbung von Arbeitsmigranten bzw. der postkolonialen Zuwanderung strukturkonservative Effekte in dem Sinne, dass aufgrund der Kostenvorteile durch ihre Beschäftigung in vielen Produktionsbereichen die erforderlichen Rationalisierungen und Modernisierungen der Produktionsstrukturen aufgeschoben wurden.[4] Einhergehend mit gescheiterten Bildungskarrieren von Migrantenkindern wurde dadurch zugleich das durchschnittliche Qualifikationsniveau der verfügbaren Arbeitskräfte insgesamt gesenkt. Dem wird gegenübergestellt, dass Arbeitsmigranten meist härter arbeiten, höhere Sparleistungen erzielen, oftmals risikobereiter sind und als Unternehmensgründer auftreten sowie zudem erheblich zur Finanzierung der Sozialsysteme beitragen.[5]

Über solche eher makroökonomischen Effekte hinaus spielen Migranten für die Strukturentwicklungen unterschiedlicher Sektoren eine bedeutende Rolle: So haben in der Umstrukturierung und Europäisierung des Bausektors und seines Arbeitsmarktes die Rekrutierung sogenannter Werkvertragsarbeitnehmer in den frühen 1990er Jahren und die Nutzung des europäischen Rechts der Dienstleistungsfreiheit eine erhebliche Rolle insbesondere bei der Reduzierung der Lohnkosten gespielt. Damit ging in zahlreichen europäischen Ländern eine Illegalisierung der Beschäftigungsverhältnisse in diesem Sektor einher. Folge dieser Migration auf der Basis der Werkvertragsarbeit und der europäischen Dienstleistungsfreiheit war in Deutschland eine Deregulierung institutioneller, branchenspezifischer Arrangements. Diese wiederum betrafen das Arbeits- und Sozialrecht, die Lohnhöhe und die reduzierten Beschäftigungschancen inländischer Arbeitskräfte gleichermaßen.[6] Folge dieser Aushöhlung der Tarifstruktur war unter anderem die Einführung eines strukturfremden Elements - des Mindestlohns -, über dessen Einführung auch in anderen Sektoren mittlerweile öffentlich gestritten wird.

Auf verschiedene Weise spielen Migranten auch eine strukturell tragende Rolle in den Institutionen der Gesundheit, Betreuung und Pflege, abhängig von der Struktur ihrer wohlfahrtsstaatlichen Verfassung und der demographischen Struktur ihrer Bevölkerungen: So stützt sich der steuerfinanzierte National Health Service in Großbritannien angesichts eines notorischen Mangels an qualifiziertem Personal im Ärzte- und Pflegebereich strukrurell auf die weltweite Rekrutierung entsprechend qualifizierter Arbeitsmigranten.[7] In Ländern wie Deutschland, Österreich, Spanien oder Italien ruht die Finanzierung und die Organisation der Pflege einer wachsenden Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen stillschweigend strukturell auf einer in ihrer Größenordnung schwer einzuschätzenden Zahl von informell bzw. illegal beschäftigten Migranten.

Für den landwirtschaftlichen Sektor in Europa gilt, dass dieser zu weiten Teilen von regulierter saisonaler oder illegaler Migration abhängt. Die niedrigen Entlohnungsverhältnisse auf den von den Saisonarbeitern aufgesuchten Arbeitsmärkten, die von den - zum Teil hochqualifizierten - Migranten aus vorallem osteuropäischen, nordafrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern akzeptiert werden, haben vor allem einen strukturkonservierenden Effekt: die Aufrechterhaltung von Strukturen, die Unternehmen mithilfe niedriger Produktionskosten am Markt halten, die sonst kaum mehr bestehen könnten. Umgekehrt gelten regulierte saisonale Arbeitswanderungen integrationspolitisch als unbedenklich, da aufgrund ihres befristeten Charakters nicht mit Integrationsproblemen bzw. deren sozialen Folgekosten gerechnet wird. Die neuen Zuwanderungsländer wie Spanien und Italien haben es aber im Gefolge ihrer groß angelegten Legalisierungen noch vor sich, Antworten auf die Frage der dauerhaften Integration dieser Zuwanderungsbevölkerungen und ihrer Kinder zu finden.

Fußnoten

3.
Vgl. Thomas Bauer/Klaus F. Zimmermann, The Economics of Migration, Cheltenham 2002.
4.
So schon Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, Soziologie des Fremdarbeiterproblems. Eine theoretische und empirische Analyse am Beispiel der Schweiz, Stuttgart 1973.
5.
Vgl. Michael Bommes/Holger Kolb, Migrants' Work, Entrepreneurship and Economic Integration, in: Rinus Penninx u.a. (eds.), The Dynamics of International Migration and Settlement in Europe, Amsterdam 2006, S. 99-131; Thomas Bauer u.a., International Labor Migration, Economic Growth and Labor Markets. The Current State of Affairs, RWI Discussion Paper, (2004) 20.
6.
Vgl. dazu Michael Bommes u.a., Organisational Recruitment and Patterns of Migration. Interdependencies in an Integrating Europe, IMIS-Beiträge, (2004) 25; Uwe Hunger, Der "Rheinische Kapitalismus" in der Defensive, Baden-Baden 2000.
7.
Vgl. Madelon den Adel u.a., Recruitment and the Migration of Foreign Workers in Health and Social Care, in: M. Bommes u.a. (Anm. 6), S. 201-230.