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19.8.2008 | Von:
Michael Bommes

Migration und die Veränderung der Gesellschaft

Erziehung und Bildung

Eine zentrale Rolle kommt daher dem Erziehungssystem zu. Dabei stellt Europa sich die Frage der Integration der Migranten und ihrer Familien in einem anspruchsvollen Rahmen, den es sich mit der Lissabon-Strategie selbst gesetzt hat: Die "Knowledge Based Society" ("Wissensgesellschaft") soll sich wesentlich auf Innovation stützen. Erziehung und Ausbildung sollen dabei kulturell diversifizierte Populationen im Rahmen von lebenslangen Lernprozessen mit den erforderlichen Kompetenzen für kompetitive Arbeitsmärkte und den erforderlichen sozialen Kompetenzen ausstatten. Um die damit verbundene strukturelle Herausforderung des Erziehungssystems durch Migration angemessen zu erfassen, erfasst jedoch ein integrationspolitischer Blick auf die Migranten den Sachverhalt nur unzureichend.

Gegenwärtig bestimmen sowohl die weltweite Institutionalisierung der Erziehung als auch die Unwahrscheinlichkeit ihrer Realisierung die Problemlagen internationaler Ausbildungs- und Erziehungssysteme: Dem menschenrechtlich festgeschriebenen Anspruch auf Erziehung steht gegenüber, dass die dafür erforderlichen Ressourcen in vielen Ländern aufgrund der mangelnden Leistungsfähigkeit ihrer Staaten und regionalen Ökonomien kaum aufgebracht werden können. In Europa ist demgegenüber der Versuch, mit dem Ausbau der Bildungssysteme den Abbau von Bildungsbenachteiligungen und die Mitnahme der Unterschichten, die sich mittlerweile in wachsendem Maße aus Migranten zusammensetzen, zu befördern, insgesamt betrachtet weitgehend misslungen. Wo auf der einen Seite die organisierte Vermittlung von Kompetenz steht, steht auf der anderen Seite die Hervorbringung hoher Zahlen von niedrig Qualifizierten und funktionalen Analphabeten. In dieser Lage setzen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die EU auf die Mobilisierung für Bildung durch Organisationslernen und neue Steuerungsmodelle. Diese sind angelegt im Modus des Dauerexperiments, in dem den Erziehungs- und Bildungsträgern gleichzeitig Anpassung oder Auswechslung ihrer Strukturen auf allen Ebenen abverlangt wird, um so eine in wachsendem Maße kulturell diversifizierte Klientel erfolgreich an Bildung heranzuführen.

Aber können die dafür erforderlichen sozialen, kulturellen und politischen Voraussetzungen geschaffen und die damit verbundenen Unsicherheiten bewältigt werden? Es ist in vielerlei Hinsicht ganz unsicher, wie Schulen als Organisationen und ihr Personal, ihre Schülerinnen und Schüler und deren Familien mit den Erwartungen einer verbesserten kognitiven (definiert als literacy) und sozialen Kompetenzvermittlung (verstanden als Fähigkeit des Umgangs mit kultureller Vielfalt) zurecht kommen: Dauerhaft evaluierte Organisationen lernen zwar, sich im geforderten Output-design aufzustellen. Den Umgang mit der konstitutiven Unsicherheit der Erziehung nimmt ihnen aber keine Evaluation ab: Trägt geforderte oder durchgesetzte Einsprachigkeit zur sozialen Bindekraft der Schule bei oder bedeutet sie die Abwertung der Herkunftssprache der Schüler und ihrer Kultur? Wie viel und welche Art von inter-, pluri- oder fremdkulturellem Wissen soll zum Gegenstand des Unterrichts und der Wissensvermittlung gemacht werden? Unterstützt dies das interkulturelle Reflexionsvermögen oder steigert es möglicherweise das Stereotypenrepertoire?[8] Befördert die Orientierung an der Zielsetzung der Schriftsprachvermittlung eine unverzichtbare soziale Verkehrskompetenz und damit die Integration von Migrantenkindern[9] oder ist dies Ausdruck von nationalstaatlich vermitteltem Dominanzhabitus und von Homogenisierungszwängen? Wie geht das Personal in Schulen mit der Erfahrung von Unsicherheit und Inkompetenz in mehrsprachig und plurikulturell zusammengesetzten Klassen um? Kann man Toleranz und Offenheit für Diversität als normatives Programm der Erziehung in der Schule auflegen und damit moralisch zur Geltung bringen? Oder basiert moralische Kommunikation unvermeidlich auf der Mitteilung von Achtung oder Missachtung und tendiert damit zur Zerstörung der Grundlage von Erziehung? Gegenwärtig steht in zahlreichen europäischen Ländern die Mobilisierung der Familien von Migrantenkindern für Bildung im Zentrum der öffentlichen Diskussion. Aber wie verhält sich dies zu den Übergriffen der Schule auf Familien, die mit dieser Rücksichtslosigkeit ihre eigenen Probleme löst, wie dies vor mehr als zwanzig Jahren schon Rita Süßmuth festgestellt hat?[10] Und was ist, wenn sich dies insbesondere nachteilig auf die sogenannten bildungsferneren Schichten und damit auch auf die Migranten auswirkt?

Der Umgang mit Differenz in den Schulen und Hochschulen erzeugt unvermeidlich strukturelle Unsicherheit. Sie haben ihre Ausgangsgrundlage in dem historisch durchgesetzten Anspruch des Einbezugs aller. Scheitern und relative Misserfolge, die strukturell und wohl unaufhebbar zur Geschichte des modernen Bildungssystems gehören, gewinnen angesichts der gewachsenen Bedeutung von Bildung und Ausbildung für die Chancen auf Arbeitsmärkten an sozialer Brisanz. Sie begründen angesichts der Diskrepanz zwischen erzeugten Hoffnungen und Erwartungen durch eine aktivistische Mobilisierung für Bildung bei struktureller Unwahrscheinlichkeit ihrer Realisierung potentielle Anomiekonflikte,[11] die in Europa in Gestalt der Bildungs- und Arbeitsmarktmarginalisierung der Zuwandererbevölkerungen sichtbar werden. Solche Konflikte machen sich bemerkbar an den Banlieue-Rebellionen von französischen Einwandererjugendlichen, aber auch an den Gewaltpraktiken von Jugendlichen aus einzelnen Zuwanderergruppen in Deutschland und anderen europäischen Einwanderungsländern. Strukturelle Unwahrscheinlichkeit heißt nicht Unmöglichkeit. Aber das Wissen darum verlangt eine tiefergehende Klärung der Art und Weise, in der die strukturellen Grundlagen des Bildungssystems, seine Programme, die Kompetenz seines Personals und seine Binnengliederung durch die Internationalisierung und kulturelle Pluralisierung seines Publikums herausgefordert sind.

Fußnoten

8.
Vgl. Isabell Diehm/Frank-Olaf Radtke, Erziehung und Migration: Eine Einführung, Stuttgart 1999.
9.
Vgl. Utz Maas, Sprache und Migration, IMIS-Schriften, Göttingen 2008 (im Erscheinen); Hartmut Esser, Sprache und Integration, Frankfurt/M.-New York 2006.
10.
In: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Landes-Kinderbericht: Bericht der Landesregierung über die Situation des Kindes in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1981; vgl. zudem Hartmann Tyrell, Die Anpassung der Familie an die Schule, in: Jürgen Oelkers/Heinz Elmar Tenorth (Hrsg.), Pädagogik, Erziehungswissenschaft und Systemtheorie, Weinheim 1987, S. 102-124.
11.
Vgl. Rudolf Stichweh, Inklusion und Exklusion in der Weltgesellschaft - Am Beispiel der Schule und des Erziehungssystems, in: Antje Gunsenheimer (Hrsg.), Grenzen, Differenzen, Übergänge: Spannungsfelder inter- und transkultureller Kommunikation, Bielefeld 2007, S. 231-240. Anm. d. Red.: Anomie bezeichnet den Mangel an sozialen Normen und Regeln.