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19.8.2008 | Von:
Michael Bommes

Migration und die Veränderung der Gesellschaft

Die Rolle der Religion

Der Wandel der religiösen Verhältnisse in Europa durch Migration schlägt sich wiederkehrend in öffentlicher Beunruhigung nieder. Der Islam in Europa wurde und wird jedoch bis in die Gegenwart auch in der Forschung funktionalistisch auf die Frage nach der Bedeutung für die soziale Integration von Migranten verkürzt. Dieser Kurzschluss von Religion und Integration in Europa lag auch deshalb nahe, weil in Ländern wie Frankreich und Deutschland die größten Einwanderergruppen Muslime, und umgekehrt die meisten Muslime Einwanderer sind: Ihre Fremden sind Muslime und ihre Muslime sind die Fremden. In dem Maße, in dem die Integration der nachwachsenden Generationen misslingt, wird islamische Religionszugehörigkeit damit zum Synonym für misslingende Integration.

Durch die Fokussierung auf Integration wurde lange Zeit versäumt, einen strukturell langfristig bedeutsamen Sachverhalt angemessen zu erfassen, nämlich die Herausbildung des Islam in Europa zur wichtigsten Religion nach dem Christentum. Die in den verschiedenen Staaten unterschiedlich weit fortgeschrittene, oftmals zerbrechliche und öffentlich nur widerstrebend anerkannte Institutionalisierung des Islam in Europa ruft den europäischen Nationalstaaten ihre Geschichte der Differenzierung von Politik, Recht und Religion in Erinnerung.[12] Die Beziehungen zwischen Religionen und Nationalstaaten in Europa sind verankert in historischen Kompromissen: Die Geschichte des Verlaufs der Differenzierung zwischen Politik/Staat, Recht und Religion und die daraus resultierenden Strukturbildungen - zum Beispiel in Großbritannien (anglikanische Staatskirche), Frankreich (laicité), den Niederlanden (Versäulung) und in Deutschland (Konkordat, Kirchen als öffentlich-rechtliche Körperschaften) - bilden die jeweiligen Kontexte, in die hinein die Entwicklung des Islams platziert worden ist und aus dem heraus seine jeweiligen Ausprägungen zu erklären sind. Dabei stellt die Ankunft des Islam in Europa diese Kompromisse zugleich auf den Prüfstand.

Geleitet durch eine einseitige integrationspolitische Perspektive ist den strukturellen Effekten der unübersichtlichen Institutionalisierungsprozesse einer Weltreligion durch Migration in Europa sowohl für die Gesellschaft als auch für künftige Migrations- und Niederlassungsprozesse lange Zeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Aber auch bei mittlerweile gestiegener Aufmerksamkeit werden in Wissenschaft und Politik sehr europäisch geprägte Annahmen mitgeschleppt:[13] Die muslimische Religiosität der Migranten gilt tendenziell als Zeichen unvollständiger Integration, denn für die einen steht sie im Widerspruch zu einem christlich interpretierten Europa, für die anderen aber zu einem liberal säkularen Selbstverständnis, das die öffentliche Artikulation eines religiösen Selbstverständnisses ausschließt. In seiner Einigkeit im ständig erneuerten Fundamentalismusverdacht gegenüber dem Islam, getragen von Christen ebenso wie von liberalen Säkularisten, verbirgt Europa dabei seine eigene Zerrissenheit zwischen einer christlichen und liberal säkularen Selbstinterpretation, wie sie im Streit über die Präambel des mittlerweile gescheiteren europäischen Verfassungsvertrags nur zu deutlich wurde.

Ein wirkliches Interesse für die Auswirkungen des Islam auf die gesellschaftlichen Strukturen in Europa erfordert eine doppelte Blickrichtung: Einerseits geht es um ein Verständnis der Herausforderungen des Islam selbst durch die gesellschaftlichen Strukturen in den europäischen Staaten und die Bestimmung der Potentiale, die es ihm erlauben, in Europa als Weltreligion einen Platz neben anderen zu finden und die Position einer marginalisierten Minderheitenreligion zu verlassen.[14] Andererseits geht es gleichzeitig um eine Vergegenwärtigung der Herausforderung des Islam für die etablierten gesellschaftlichen Strukturen in Europa. Ein selbstgenügsames europäisches Verschanzen hinter sei es christlichen, sei es säkularen Werten ist eher Ausdruck der Verweigerung einer Reflexion der blinden Flecken der eigenen Tradition. Im Kern konfrontiert dies die Europäer mit der Frage, wie liberal sie im Umgang mit einer Pluralität von Religionen sind - wohlfeile Unvereinbarkeitsvermutungen des Islam mit "der europäischen Kultur" ebenso wie einseitige Fundamentalismuszuschreibungen[15] sind Hinweise darauf, dass eine solche Liberalität keineswegs zwangsläufig ist.

Abschließend bleibt festzuhalten: Internationale Migrations- und Niederlassungsprozesse verändern die Gesellschaft in Europa selbst, ihre Folgen sind nicht auf die Frage der gelingenden und misslingenden Integration beschränkt. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, die Erziehung und die Religion, sondern betrifft ebenfalls Politik, Recht, Gesundheit, die Massenmedien oder den Sport. Sich ihrer zu vergewissern, ist auch erforderlich, weil sie Bedingung zukünftiger Migrations- und Integrationsprozesse sind.

Fußnoten

12.
Vgl. Jocelyne Cesari, When Islam and Democracy Meet: Mulims in Europe and in the United States, New York 2004; Brigitte Maréchal u.a. (Hrsg.), Muslims in the Enlarged Europe, Leiden 2003; Joel S. Fetzer/J. Christopher Soper, Muslims and the State in Britain, France and Germany, Cambridge 2005; Jytte Klausen, The Islamic Challenge Politics and Religion in Western Europe, Oxford 2005.
13.
Für einen Vergleich mit den USA siehe José Casanova, Einwanderung und der neue religiöse Pluralismus. Ein Vergleich zwischen der EU und den USA, in: Leviathan, (2006) 3, S. 182-207.
14.
Das ist das Motiv der Arbeiten von Werner Schiffauer; vgl. ders., Die Gottesmänner, Frankfurt/M. 2000.
15.
Der Islam hat hier bekanntlich kein Monopol; "der heutige Diskurs über den Islam (...), in dem alles in einen Topf geworfen wird, (wirkt) wie ein Echo des Diskurses" des antikatholischen Nativismus republikanisch gesinnter Protestanten in Amerika über den Katholizismus im 19. Jahrhundert; José Casanova, Aggiornamenti? Katholische und muslimische Politik im Vergleich, in: Leviathan, (2006) 3, S. 305-320.