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30.7.2008 | Von:
Nicole Burzan

Die Absteiger: Angst und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft

Die Mitte der Gesellschaft

Die gesellschaftliche Mitte hat sich im Sinne etwa des Berufsstatus' und Einkommens in den vergangenen Jahrzehnten ausgeweitet. Dies ging mit der Bedeutungszunahme des Dienstleistungssektors einher, der viele Arbeitsplätze in der "Mitte" geschaffen hat. In einer Studie des Ifo-Instituts mit Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) von 1984 bis 2004 wird dieser Trend bestätigt:[1] Während diejenigen mit mindestens mittlerer beruflicher Qualifikation und einer Berufsstellung als Angestellte, Beamte oder kleinere Freiberufler und Selbständige mit nicht-manueller Tätigkeit 1984 34 Prozent der Erwerbstätigen ausmachten, waren es 2004 rund 45 Prozent. Allerdings ist ab 2002 ein leichter Rückgang des Anteils zu verzeichnen, während sich gleichzeitig der Anteil derer, die zwar eine der Mitte entsprechende Qualifikation, aber keine entsprechende berufliche Stellung oder Tätigkeit innehaben, leicht erhöht hat. Die Arbeitslosenquote in dieser so definierten Mitte liegt trotz einer geringfügigen Erhöhung in den 1990er Jahren nach wie vor nur bei rund drei Prozent. In Ostdeutschland fällt sie etwas höher aus als in Westdeutschland, ist aber gegen den regionalen Gesamttrend sogar leicht gesunken. Dies bedeutet nicht, dass Menschen in mittleren sozialen Lagen kaum arbeitslos werden, sondern dass insbesondere die Dauer ihrer Arbeitslosigkeit unter dem Durchschnitt liegt. Arbeitslose aus der Mittelgruppe finden also eher wieder eine Anstellung. Dagegen liegt die Arbeitslosenquote derjenigen mit mindestens mittlerer Qualifikation, aber ohne entsprechende berufliche Stellung deutlich über dem Durchschnitt, in Westdeutschland zeitweise sogar über der Quote der Geringqualifizierten. Schließlich erzielt die gesellschaftliche Mitte insgesamt nach wie vor überdurchschnittliche Einkommen, doch gibt es Hinweise, denen zufolge der Abstand zum Durchschnitt in jüngerer Zeit abnimmt.

Die Befunde enthalten insgesamt deutliche Warnzeichen - die Autoren des Ifo-Instituts sprechen von Anzeichen für Erosionen am Rande der Mitte -; allerdings sind sie nicht als drastischer Wandel im Sinne eines dramatischen Abbaus der Mitte insgesamt zu interpretieren. Dies bestätigen auch Zahlen, die von einer gesellschaftlichen Mitte als einer Einkommensmitte sprechen.

Im dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung[2] wird die "Mittelschicht" durch Haushalte definiert, die zwischen 75 Prozent und 150 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Zwischen 2002 und 2005 nahm deren Anteil von 53 Prozent auf 50 Prozent der Haushalte ab, was teilweise konjunkturell bedingt war. Mit der Verkleinerung der Einkommensmittelschichten geht zudem eine Abnahme des Anteils an Vollzeitbeschäftigten sowie an klassischen Familienhaushalten (Paare mit Kindern) in dieser Einkommenslage einher.[3] Zugleich hat sich die Einkommensungleichheit in diesem Zeitraum etwas erhöht (gemessen am so genannten Gini-Koeffizienten[4]), das heißt, die Anteile der Haushalte sowohl am oberen als auch am unteren Ende der Verteilung sind gestiegen. Dementsprechend nahm auch die Einkommensarmut leicht zu, je nach Datengrundlage in unterschiedlich ausgeprägter Form. Auf der Basis einer europäischen Gesamtstatistik (EU-SILC) hat sich das Armutsrisiko (Haushalte, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben) erhöht, und zwar von 2004 auf 2005 um einen Prozentpunkt auf 13 Prozent. Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ist dabei überdurchschnittlich hoch (24 Prozent), was darauf hinweist, dass nicht nur etwa geringe Qualifikation oder länger andauernde Arbeitslosigkeit vorrangig zu Armut führen, sondern auch Risiken, die Angehörige mittlerer Statusgruppen in bestimmten Lebenssituationen ebenso betreffen können wie Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen.

Hinsichtlich ökonomischer Zukunftsperspektiven vertreten beispielsweise die Autoren der Studie "Deutschland 2020" von McKinsey&Company die Auffassung, dass ein Wirtschaftswachstum von mindestens drei Prozent möglich, aber auch erforderlich sei, um die Mittelschichten, das heißt die Lebens- und Sozialstandards breiter Bevölkerungsteile, nicht zu gefährden.[5]

Die Zahlen bieten also einerseits die Basis für die Feststellung einer noch vergleichsweise hohen Stabilität in der "Mitte" der Gesellschaft, jedenfalls auf der Abstraktionsebene der Gesamtbevölkerung. Andererseits sind Krisensymptome erkennbar, die bei der Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen durchaus ernst zu nehmen sind. Ein Deutungsspielraum bleibt also, daher sollen im Folgenden Abstiegsprozesse genauer betrachtet werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Marianne Müller/Martin Werding, Zur Lage dergesellschaftlichen Mitte in Deutschland, in: Ifo-Schnelldienst, 60 (2007) 9, S. 25 - 30.
2.
Vgl. Bundesregierung, Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Entwurf des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom 19.5. 2008, insbes. S. 17 f., S.21 ff., S.293 f.
3.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Schrumpfende Mittelschicht - Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen?, in: DIW Wochenbericht, 75 (2008) 10, S. 101 - 108.
4.
Gini-Koeffizient: Statistisches Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen.
5.
Vgl. www.mckinsey.de/html/profil/initiativen/d20 20.asp (7.5. 2008).