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30.7.2008 | Von:
Nicole Burzan

Die Absteiger: Angst und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft

Absteiger und Abstiegsprozesse

Das Ausmaß sozialer Mobilität sagt etwas über die Offenheit einer Gesellschaft aus. Soziale Mobilität bedeutet dabei natürlich nicht allein den horizontalen Wechsel auf der gleichen Statusebene oder sozialen Aufstieg, sondern schließt auch die Möglichkeit des sozialen Abstiegs ein, entweder im Vergleich zur Elterngeneration oder im eigenen Lebenslauf. In Westdeutschland hat die Mobilität über die letzten 50 Jahre hinweg betrachtet leicht zugenommen, insbesondere die Aufstiegschancen sind langfristig gesehen größer geworden. Für Ostdeutschland ging die Vereinigung mit einer drastischen Mobilitätszunahme zu Beginn der 1990er Jahre einher, häufig im Sinne eines sozialen Abstiegs, später waren Annäherungen an westdeutsche Mobilitätsmuster zu beobachten.[6] Betrachtet man die Einkommensmobilität in Deutschland in jüngerer Zeit, so ist diese seit dem Jahr 2000 leicht angestiegen. Bei einer Aufteilung der Bevölkerung in so genannte Einkommensquintile, also vom ärmsten bis zum wohlhabendsten Fünftel, zeigt sich für das mittlere Quintil: Von denjenigen, die 2001 dort zuzuordnen waren, sind rund 43 Prozent auch im Jahr 2004 hier wiederzufinden. Dies bedeutet eine Stabilitätszunahme gegenüber dem Zeitraum 1997 bis 2000 (38 Prozent), wobei diese eher auf geringere Aufstiege in höhere Einkommensschichten zurückgeht als auf eine deutliche Reduzierung der Abstiege. Immerhin: In dieser Perspektive von Mobilität ist nicht von sprunghaft ansteigender Abwärtsmobilität auszugehen (im Vergleich 2001 bis 2004 waren es 31,5 Prozent gegenüber 32,9 im Zeitraum von 1997 bis 2000, die abgestiegen sind).[7] Weitet man die Einkommensmitte aus auf diejenigen Haushalte mit 70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens, ergeben sich ähnliche Tendenzen.[8]

Ergebnisse anderer Studien stützen diese Befunde. Jürgen Schiener etwa konstatiert, dass Mobilitätsprozesse Ende der 1990er Jahre ebenso stark vom Ausgangsstatus abhängen wie zehn Jahre zuvor.[9] Die Resultate von Petra Böhnke bekräftigen, dass Dauerarbeitslosigkeit und Armut nach wie vor in der Hauptsache in unteren Statuspositionen konzentriert sind.[10] Die Gefahr, abzusteigen und dann auch dort zu verweilen, ist also nicht unabhängig davon, in welcher Schicht jemand sich zuvor befand, viel größer geworden. In der gesellschaftlichen Status-Mitte zu leben, bietet mit anderen Worten nach wie vor einen gewissen Schutz vor dauerhaftem Abstieg. Bevor ich im Folgenden argumentiere, dass diese Befunde nun keinen Anlass zur weitgehenden Entwarnung bieten, was die Situation in der Mitte der Gesellschaft betrifft, möchte ich in Bezug auf soziale Abstiege einen weiteren Aspekt betonen: Abstiege unterscheiden sich deutlich in ihren Konsequenzen für die dauerhafte Lebenssituation. Quantitative Mobilitätsraten können leicht den Blick auf die Tatsache verstellen, dass es etwa auch vom Start- und Zielpunkt oder von der Verbleibsdauer in unteren Statusgruppen abhängt, welche Bedeutung soziale Abstiege für die Lebenslage der Einzelnen haben. Vier heterogene Beispiele aus der Forschung zeigen erste Schlaglichter zu Abstiegsprozessen mit ihren Bedingungsfaktoren sowie objektiv und subjektiv erlebten Folgen auf, noch ohne diese systematisch in einem Modell zusammenzuführen. Damit soll nicht der Anspruch erhoben werden, ein theoretisches Modell vorzustellen, welches Abstiegsprozesse mit ihren Bedingungsfaktoren und objektiven sowie subjektiv erlebten Folgen in einen systematischen Zusammenhang stellen könnte.

Beispiel 1: Martin Schmeiser[11] untersucht Abstiegsprozesse schweizerischer Akademikerkinder, die einen geringeren Status als ihre Eltern oder ihr Vater innehaben. In der qualitativen Studie stehen nun gerade nicht Menschen im Mittelpunkt, die einkommensarm, sondern teilweise sogar am oberen Rand der Mittelschicht angesiedelt sind. Ein Befragter ist beispielsweise der Sohn eines Arztes, der zunächst eine Handelsschule als kaufmännischer Angestellter verlässt, nach vielen Tätigkeitswechseln später das Abitur nachholt, ein Medizinstudium abbricht und sich schließlich erst auf einer Fachhochschule, dann auf einer privaten Schule zum Betriebsökonomen weiterbildet. Mit 40 Jahren ist er im mittleren Kader eines großen Unternehmens tätig. Dieser berufliche Verlauf entspricht nicht der Assozia- tion, die man im Alltag in der Regel mit sozialem Abstieg verknüpft, sie scheint wenig problematisch zu sein im Hinblick darauf, den Lebensunterhalt zu bestreiten und in gesellschaftliche Zusammenhänge integriert zu sein. Dennoch handelt es sich hier um einen intergenerationellen Abstieg, und Schmeiser betont zudem, dass die Erwartung an einen sozialen Statuserhalt im akademischen Herkunftsmilieu insgesamt sehr groß ist und für die Kindergenerationen einen entsprechend großen Druck erzeugt. Dieser Druck des Statuserhalts lässt sich heute vergleichbar und verstärkt in der Mittelschicht insgesamt wieder finden.

Beispiel 2: Matthias Pollmann-Schult[12] befasst sich mit einer speziellen Gruppe von Erwerbstätigen, und zwar jenen, die aus eigener Initiative den Arbeitsplatz wechseln. In der Folge hat schichtübergreifend ein nennenswerter Anteil dieser Menschen (knapp ein Fünftel sowohl bei Männern als auch bei Frauen) einen Arbeitsplatz inne, der schlechter bezahlt wird als der vorige. Allerdings geht mit diesem sozialen Abstieg in Bezug auf die berufliche Position und das Einkommen sowie auf die vergleichsweise schlechten Aufstiegschancen oft eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einher. Dies betrifft beispielsweise Arbeitsbelastungen, die geringer, oder Arbeitszeiten, die günstiger werden. Bei einem Wechsel auf einen statusähnlichen Arbeitsplatz müssen dagegen häufiger verschlechterte Arbeitsbedingungen und -zeiten in Kauf genommen werden, was den Erfolg des Statuserhalts etwas relativiert. Entsprechend nimmt Pollmann-Schult seine Studie als Anlass für ein Plädoyer, nicht allein monetäre Aspekte von Erwerbsverläufen und insbesondere von sozialen Abstiegen zu betrachten. Dies gilt allgemein für Mobilitätsprozesse, aber insbesondere auch für die mittleren Lagen, in denen der Statuserhalt zumindest subjektiv oft als gefährdet beurteilt wird. Dass sich bei diesen Beispielen teilweise auch vergleichsweise weniger problematische Elemente des sozialen Abstiegs zeigen, soll diese Prozesse keineswegs verharmlosen. Denn auch für überwiegend negativ konnotierte Abstiegserfahrungen finden sich eindeutige Belege in der empirischen Forschung, von denen im Folgenden zwei illustrativ herausgegriffen werden. Beispiel 3 symbolisiert gewissermaßen die Angstvorstellung der Angehörigen der gesellschaftlichen Mitte vor der Abstiegsmobilität, wenngleich es sich hier um Abstiege aus bereits benachteiligten Ausgangspositionen handelt. Beispiel 4 schildert einen Abstieg aus der Mitte heraus.

Beispiel 3: In der viel beachteten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu politischen Milieus[13] findet sich mit dem "Abgehängten Prekariat" (Anteil acht Prozent) ein Milieu, in dem viele Menschen - vor allem Männer, eher aus Ost- als aus Westdeutschland - bereits Abstiegserfahrungen machen mussten. Ihre schlechte Lebenssituation (unter anderem niedriges Einkommen, oft Schulden und geringer familiärer Rückhalt sowie häufig Arbeitslosigkeit) beruht also nicht allein auf der aktuellen Lage, sondern auch auf dem Abstiegsverlauf, wobei sie meist schon hinsichtlich ihrer Ausgangsposition (überwiegend einfache bis mittlere Schulbildung) im unteren Statusbereichen lagen. Zudem gehen mit diesem Verlauf pessimistische Zukunftsaussichten einher. Dass diese Abstiege nicht einfach Pech oder individuellem Versagen zugerechnet werden können - und dies in der subjektiven Einschätzung auch nicht geschieht -, zeigt sich beispielsweise daran, dass sich ein Anteil von 39 Prozent im so genannten abgehängten Prekariat als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung empfindet. Im Durchschnitt aller Milieus sind es dagegen lediglich 14 Prozent.

Beispiel 4: Franz Schultheis und Kristina Schulz präsentieren Lebensläufe und aktuelle Lebenssituationen von Betroffenen in einer "brüchigen Arbeitswelt".[14] Sie legen damit die deutsche Replikation einer Studie vor, die Pierre Bourdieu und seine Mitarbeiter Anfang der 1990er Jahre in Frankreich publiziert hatten, in der diese die Misere - so ein Begriff im Buchtitel - verschiedener prototypischer Fälle ausführlich darstellten, etwa von Jugendlichen in Pariser Vororten mit wenig aussichtsreicher beruflicher Zukunft. Solche Miseren, Brüche und Abstiegsverläufe lassen sich, wie Schultheis und Schulz zeigen, auch in Deutschland finden und unterstreichen die prekäre Lebenssituation vieler gesellschaftlicher Gruppen, etwa Leiharbeitnehmer- und -nehmerinnen oder Verlierer der deutschen Vereinigung. Zu den ausgewählten Fällen gehören auch solche, die in der gesellschaftlichen Mitte angesiedelt sind oder waren. Beispielsweise beschreiben die Autoren die "Sackgassenkarriere"[15] einer 36-jährigen promovierten Literaturwissenschaftlerin, die nach einer mehrjährigen Auslandstätigkeit als Lektorin seit ihrer Rückkehr nach Deutschland vor eineinhalb Jahren noch nicht wieder beruflich Fuß fassen konnte. Trotz intensiver Bemühungen hat sie zwar einige freiberufliche Aufträge auf Honorarbasis bekommen, jedoch ist eine Festanstellung nicht in Sicht. Die hohen Investitionen in ihre eigene Bildung bzw. Ausbildung scheinen vergeblich gewesen zu sein, was nicht nur ökonomische Probleme schafft, sondern die Überzeugung der Frau, dass sich Bildungsinvestitionen lohnen werden (und so auch rechtfertigten, dass sie latente Kinderwünsche zurückgestellt hat) grundlegend erschüttert. Ob sich ihre Karriere langfristig als Sackgasse erweist, steht zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch nicht endgültig fest, aber die immerhin schon eineinhalbjährige Arbeitssuche demonstriert die prekäre Lebenslage dieser Akademikerin.[16]

In den Beispielen deutet sich ein wichtiger Aspekt bereits an: Bei Abstiegserfahrungen sind nicht allein materielle bzw. objektive Komponenten der Lebenslage ausschlaggebend, vielmehr kommt als wesentlicher Bestandteil die subjektive Sicht auf die eigene Situation hinzu. Diese Perspektive stellt potenziell auch dann ein sozial ernstzunehmendes Problem dar, wenn sich die Befürchtung eines möglichen Abstiegs (zunächst) nicht erfüllt.

Fußnoten

6.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Wiesbaden 20064, S. 256 - 259, S. 268 - 271.
7.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2006. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006. S. 620 - 623.
8.
Vgl. M. M. Grabka/J. R. Frick (Anm. 3): Die Vergleichszeiträume dort sind 1996/2000 und 2002/2006. Von den 2002 der Mittelschicht Zugeordneten befanden sich 2006 75 Prozent wiederum in der Einkommensmitte, rund 14 Prozent darunter und 11 Prozent darüber. Im Vergleichszeitraum 1996/2000 waren 11 Prozent aus der Mittelschicht ab- und knapp 10 Prozent aufgestiegen.
9.
Vgl. Jürgen Schiener, Bildungserträge in der Erwerbsgesellschaft, Wiesbaden 2006, S. 125.
10.
Vgl. Petra Böhnke, Marginalisierung und Verunsicherung. Ein empirischer Beitrag zur Exklusionsdebatte, in: Heinz Bude/Andreas Willisch (Hrsg.), Das Problem der Exklusion, Hamburg 2006, S. 97 - 120.
11.
Vgl. Martin Schmeiser, "Missratene" Söhne und Töchter: Verlaufsformen des sozialen Abstiegs in Akademikerfamilien, Konstanz 2003.
12.
Vgl. Matthias Pollmann-Schult, Ausmaß und Struktur von arbeitnehmerinduzierter Abstiegsmobilität, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 58 (2006) 4, S. 573 - 591.
13.
Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag des Autors in diesem Heft.
14.
Franz Schultheis/Kristina Schulz (Hrsg.), Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag, Konstanz 2005.
15.
Ebd., S. 311.
16.
Anmerkung der Redaktion: Vgl. zu diesem Beispiel auch den Beitrag von Helga Pelizäus-Hoffmeister in diesem Heft.