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30.7.2008 | Von:
Nicole Burzan

Die Absteiger: Angst und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft

Verunsicherung in der Gesellschaftsmitte

Da die Perspektive auf die subjektiv verunsicherte Mitte der Gesellschaft und die damit einhergehenden Folgen in der deutschsprachigen Diskussion erst in den vergangenen Jahren systematischer aufgenommen wurde, gibt es bislang kaum groß angelegte empirische Studien zu diesem Phänomen. Schlaglichtartig können allerdings wichtige Befunde hierzu herausgestellt werden: Petra Böhnke[17] etwa belegt auf der Basis des Wohlfahrtssurveys, dass von einer Verunsicherung der Mittelschichten über ihre künftigen Lebensumstände ausgegangen werden kann. Zwar ist beispielsweise nach wie vor in den unteren Einkommensgruppen die Angst vor Arbeitslosigkeit am größten, doch hat diese Angst im Laufe der vergangenen Jahre bei den Mittelschichten am deutlichsten zugenommen. Ähnlich nahm im Laufe der 1990er Jahre die Konfliktwahrnehmung (z.B. zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen) zu, und die Absicherung durch staatliche Versorgungssysteme wird mit zunehmender Sorge beurteilt. Böhnke zieht daher als Fazit: "Auch die gesellschaftliche Mitte (...) ist nicht mehr frei von Destabilisierungstendenzen."[18] Auch ohne Betroffenheit von sozialer Ausgrenzung bzw. Exklusion geht damit eine potenzielle Einschränkung von Lebensqualität einher: So kann etwa der Verlust an Sicherheit die Karriere- und Familienplanung belasten. Weitere Folgen auf das Handeln sind bedenkens- und erforschenswert, beispielsweise, ob sich diese Verunsicherung auf das Ausmaß und die Art (beispielsweise Radikalität) politischer Teilhabe auswirkt.

Solche Verunsicherungen finden in weiteren empirischen Untersuchungen Bestätigung. In der erwähnten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu politischen Milieus[19] ist es bezeichnenderweise neben dem Prekariat insbesondere ein Milieu aus dem mittleren Statusdrittel, die "bedrohte Arbeitnehmermitte" (Anteil 16 Prozent), in dem eine starke Verunsicherung hinsichtlich des eigenen Lebens und der Zukunft der Kinder herrscht. Überdies hat nach repräsentativen Umfrageergebnissen des Sozioökonomischen Panels (SOEP)[20] der Anteil derjenigen in der Mittelschicht[21] deutlich zugenommen, die sich "große Sorgen" um ihre eigene wirtschaftliche Situation machen: allein seit dem Jahr 2000 um 11 Prozentpunkte auf einen "historischen Höchststand" von mehr als 26 Prozent im Jahr 2005.[22] Auch die konjunkturelle Erholung ließ das Ausmaß an "großen Sorgen" 2006 und 2007 nur leicht zurückgehen.

Michael Vester[23] fügt einen weiteren Aspekt der subjektiven Perspektive hinzu, indem er milieuspezifische Überlegungen anstellt. Dazu entwirft Vester ein Gesellschaftsmodell von Milieus, die vertikal übereinander (auf einer Herrschaftsachse), aber auch horizontal nebeneinander (auf einer Achse von avantgardistischen bis autoritären Grundhaltungen) angesiedelt sind. Unterschiedliche Milieus reagieren danach unterschiedlich auf unsichere Lebenssituationen bzw. Zukunftsperspektiven. Das zeigt nochmals deutlich, dass subjektive Perspektiven durchaus in bedeutender Weise sozial mitbedingt sind. Im Einzelnen hebt Vester hervor, dass sich Milieus der respektablen Arbeitnehmermitte durch ein besonderes Pflicht- und Arbeitsethos auszeichnen. "Gerade dadurch sind sie meist weit weniger flexibel und nun gerade gefährdet (...) dieses Kapital der Ehre war in den Jahren des Wirtschaftswachstums ihr Erfolgsrezept. Heute ist es oft ein Problem."[24]

Im oben skizzieren Beispiel der promovierten Literaturwissenschaftlerin mit Gelegenheitsjobs spiegelt sich dieses Prinzip deutlich: Das habituell verankerte Vertrauen auf den Nutzen ihres Bildungskapitals, das durch die soziale Herkunft aus einem Lehrerhaushalt unterstützt wurde, ist verknüpft mit Schwierigkeiten, etwa durch eine radikale Umorientierung auf ihre berufliche Situation zu reagieren. Sie hofft weiterhin auf den Erfolg ihrer Bewerbungen und damit einen längerfristigen Gewinn an Sicherheit, überlegt parallel, vielleicht - aber dies eher aus persönlichen Gründen, einem Freund in Frankreich - ins Ausland zurückzukehren und sich dort weiter zu bewerben. Unterprivilegierte Milieus dagegen sind - so Vester - teilweise durch seit Generationen eingeübte Strategien der flexiblen Gelegenheitsorientierung auf Unsicherheiten im Vergleich immerhin etwas besser vorbereitet. Die milieuspezifischen Handlungsstrategien, die sich aus subjektiven Perspektiven ergeben, haben somit neben anderen Einflussfaktoren eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung für den weiteren Berufsverlauf. Damit ist nicht impliziert, einer "falschen" Strategie der Akteure die Verantwortung dafür zuzuschreiben, dass sie ihren Status möglicherweise nicht aufrechterhalten bzw. verbessern konnten, gemeint ist vielmehr die Bedeutung der subjektiven Perspektiven als Analysekategorie, um ein komplexes Bild der Wechselwirkungen von Mobilitätsprozessen und Verunsicherung gewinnen zu können.

Fußnoten

17.
Vgl. P. Böhnke (Anm. 10).
18.
Ebd., S. 117.
19.
Vgl. G. Neugebauer (Anm. 13).
20.
Vgl. M. M. Grabka/ J. R. Frick (Anm. 3).
21.
Die Mittelschicht ist hier definiert als Haushalte mit 70 bis 150 Prozent vom Median des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens.
22.
Vgl. M.M. Grabka/ J. R. Frick (Anm. 3), S. 107.
23.
Michael Vester, Der Kampf um soziale Gerechtigkeit. Zumutungen und Bewältigungsstrategien in der Krise des deutschen Sozialmodells, in: H. Bude/A. Willisch (Anm. 10), S. 243 - 292.
24.
Ebd., S. 273.