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30.7.2008 | Von:
Nicole Burzan

Die Absteiger: Angst und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft

Ausblick

Prekarisierung und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft stimmen nicht nur die Akteure auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik nachdenklich. Auch die mit der Ungleichheitstheorie befassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die unter anderem Modelle über zentrale Ungleichheitsmerkmale in modernen Gesellschaften entwickeln, stehen vor der Aufgabe, diese Prozesse in ihre Ansätze zu integrieren.[25] Dabei erwies es sich seit Beginn der Ungleichheitsforschung als schwierig, mehrere relevante Ungleichheitsdimensionen in ein Verhältnis zueinander zu setzen: Welche sind zum Beispiel zentral, welche eher abgeleitet oder sekundär? Ohne eine solche Verhältnisbestimmung droht die Gefahr, vielfältige Ungleichheitsphänomene lediglich deskriptiv zu beschreiben. Eine theoretische Integration dagegen fällt der Ungleichheitstheorie jedoch nach wie vor schwer, was sich zum Beispiel am Ungleichheitsmerkmal Geschlecht zeigt. Schichtmodelle etwa setzen nach wie vor eher auf den Beruf oder die Bildung als aussagekräftigste Merkmale. Milieumodelle könnten ein aussichtsreiches Potenzial bieten, im Kontext grundsätzlicher Werthaltungen und Handlungsorientierungen auch Verunsicherung und damit zusammenhängende Prozesse im Zeitverlauf zu berücksichtigen, ohne dabei Konflikt- und Machtverhältnisse auf einer vertikalen Ebene zu vernachlässigen. Bislang ist eine solche Integration allerdings noch nicht systematisch erfolgt. Ein tieferes Verständnis von Abstiegsprozessen und damit verbundenen Perspektiven stellt jedoch eine wichtige Voraussetzung dafür dar, die Bedeutung der Phänomene, die derzeit in der Mitte der Gesellschaft zu beobachten sind, angemessen einschätzen sowie politische Schlussfolgerungen daraus ziehen zu können.

Fußnoten

25.
Vgl. Nicole Burzan, Prekarität und verunsicherte Gesellschaftsmitte. Konsequenzen für die Ungleichheitstheorie, in: Robert Castel/Klaus Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2008 (i.E.).