30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

24.7.2008 | Von:
Björn Opfer-Klinger

Zwischen äußerer Stabilisierung und innerer Krise: Mazedonien im Sommer 2008

Jahre der Bewährung (1991 - 1998)

Im jugoslawischen Staat galt Mazedonien als die ökonomisch rückständigste und "balkanischste" Teilrepublik. Dessen ungeachtet wagte die politische Führung in Skopje im September 1991 angesichts des zunehmenden Zerfalls Jugoslawiens den Sprung in die Unabhängigkeit. Das Land, ungefähr so groß wie Hessen, umfasste Anfang der 1990er Jahre etwa zwei Millionen Einwohner aus 23 Ethnien. Rund zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger erklärten sich anlässlich der Volkszählung vom 17. November 1994 der mazedonischen, knapp 23 Prozent der albanischen und 4 Prozent der türkischen Ethnie zugehörig. Rund 7 Prozent entfielen auf Streuminderheiten wie Roma, Serben, Aromunen und andere. Dabei blieb in der innenpolitischen Auseinandersetzung besonders die Zahl der Albano-Mazedonier höchst umstritten. Im Vergleich zu anderen südosteuropäischen Staaten (inklusive Griechenland) wurden den Minderheiten in Mazedonien allerdings von Anfang an beachtliche Rechte und kulturelle Möglichkeiten zuerkannt. Die unter Tito erfolgte sozialistische Modernisierung hatte in Mazedonien nicht alle gesellschaftlichen Strukturen verändern können. Vielerorts, besonders unter der albanischen Bevölkerung Westmazedoniens, war es nicht gelungen, traditionelle Sozialformen aufzubrechen. Die Teilrepublik und die spätere Republik Mazedonien blieb ein widersprüchlicher Staat mit starkem patrimonialem Charakter. Klientelistisch strukturierten Netzwerken kommt in Mazedonien bis heute eine große Bedeutung zu.[2] Gleichzeitig forcierte die sozialistische Modernisierungspolitik die ethnische Segregation nicht zuletzt zwischen Albano- und Slawo-Mazedoniern, da sich die slawischen Mazedonier viele der durch die Modernisierung entstandenen neuen politischen und wirtschaftlichen Machtbereiche sicherten. So kam es, dass zum Beispiel ein Großteil der Albaner agrarisch geprägt blieb und nur bedingt an der Urbanisierung beteiligt war. Auch blieb diesem Teil der Bevölkerung der Weg zu höheren Bildungseinrichtungen verwehrt, in denen allein in mazedonischer Sprache gelehrt wurde. Viele gingen daher zur Universität Prishtina im Kosovo, bevor diese unter Milosevic "serbisiert" wurde. Schon hier trennten sich mehr und mehr die Lebenswelten beider Ethnien, die im Alltag immer weniger miteinander zu tun hatten.

Die Unabhängigkeit und die damit einhergehende Demokratisierung des Landes ließ auch unter den Minderheiten den Ruf nach stärkerer politischer Partizipation lauter werden. Tatsächlich sind Teile der albano-mazedonischen Eliten in das staatliche Patronagesystem integriert worden. Seit 1992 wurde stets eine albanische Partei in die jeweilige Regierungskoalition eingebunden. Dies betraf jedoch nur bestimmte albanische Politiker, Familienclans und deren Klientel, während viele andere weiterhin von staatlichen Stellen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft und somit auch bei der bald einsetzenden Privatisierung lukrativer Unternehmen ausgeschlossen blieben. In der Folge radikalisierten sich besonders junge Albaner zunehmend. Forderungen nach größerer politischer Autonomie gegenüber dem slawisch dominierten Staat wurden lauter und gipfelten 1994 in der Proklamation einer letztlich nur auf dem Papier bestehenden "Republik Ilirida" in Südwestmazedonien. Viele Albaner lehnten das in der Verfassung verankerte Staatsverständnis einer "mazedonischen" Staatsnation mit verschiedenen Minoritäten ab. Mazedonien sei ein multiethnischer Staat, in dem Slawo- und Albano-Mazedonier vergleichbare Bevölkerungsanteile stellten. Dies erfordere es, dass Albanisch zweite offizielle Amtssprache werden müsse.[3]

Wesentlich explosiver gestaltete sich 1995 der Streit um die Forderung vieler Albaner nach einer "eigenen" Universität mit albanischer Unterrichtssprache in Tetovo. Ohne ausreichenden Bildungsgrad war es nicht möglich, die erforderlichen Zugangsqualifikationen für den öffentlichen Dienst zu erwerben. Aber der Staat verweigerte zunächst die Einrichtung einer "albanischen" Universität. Ein weiterer Konflikt entlud sich im Sommer 1997 um die Frage, ob vor öffentlichen Gebäuden neben der mazedonischen auch die albanische Flagge gehisst werden könne. Die bis dahin schwerste Probe erlebte der junge Staat jedoch mit der Flüchtlingskrise während des Kosovo-Krieges 1999, als rund 350 000 flüchtende Albaner und Roma ins Land kamen.[4] Bedeutete dies zum einen eine ungeheure wirtschaftliche und soziale Belastung, so ließ es zum anderen bei vielen Slawo-Mazedoniern die Befürchtung aufkommen, die Flüchtlinge könnten bleiben und damit die ethnischen Verhältnisse des Landes zugunsten der Albaner kippen. Auch das Gespenst eines "Großalbanien", bestehend aus Albanien, Kosovo und den mazedonischen Albanern, wurde immer wieder drohend aufgezeigt. All diese Szenarien blieben aus. Der mazedonische Staat blieb trotz aller innerethnischen Schwierigkeiten sowie großer sozioökonomischer Probleme stabil. Vielmehr sensibilisierte die Kosovo-Krise sowohl die mazedonischen Politiker als auch die EU, welche sich nun nachhaltiger in der Region engagierte. Während der seit 1998 bestehenden Koalition aus der konservativen VMRO-DPMNE[5] und der albanischen PDSh[6] wurden die Bemühungen um die Integration der albanischen Bevölkerung zumindest in der unteren und mittleren Ebene des öffentlichen Dienstes verstärkt, in dem 2001 immerhin zehn Prozent Albaner tätig waren.[7] Der Aufstieg in leitende Positionen blieb diesen indes infolge mangelnder Bildungsmöglichkeiten weiterhin erschwert. Aber auch das Konfliktpotential innerhalb der albanischen Bevölkerung konnte nicht gemindert werden: Das Verhältnis zwischen an der Macht partizipierenden und der wachsenden Zahl nicht integrierter junger Albaner verbesserte sich nicht.

Fußnoten

2.
Vgl. Stephan Hensell, Typisch Balkan? Patronagenetzwerke, ethnische Zugehörigkeit und Gewaltdynamik in Mazedonien, in: Internationale Politik und Gesellschaft (IPG), (2003) 4, S. 131 - 146, hier S. 133.
3.
Vgl. Michael Schmidt-Neke, Vor dem Sturm: Makedoniens Albaner am Ende des 20. Jahrhunderts, in: Thede Kahl/Izer Maksuti/Albert Ramaj (Hrsg.), Die Albaner in der Republik Makedonien, Wien 2006, S. 75 - 102, hier S. 77.
4.
Vgl. Stefan Troebst, Das makedonische Jahrhundert, München 2007, S. 377f. sowie Michael Schmidt-Neke, Vor dem Sturm: Makedoniens Albaner am Ende des 20.Jahrhunderts, in: T. Kahl/I. Maksuti/A. Ramaj (Anm.3), S. 75 - 102, hier S. 79 und 93f.
5.
VMRO-DPMNE: Vnatresna Makedonska Revolucionerna Organizacija-Demokratska Partija za Makedonsko Nationalno Edinstvo (Innere Makedonische Revolutionäre Organisation - Partei der Makedonischen Nationalen Einheit).
6.
PDSh: Partisë Demokratike Shqiptare (Demokratische Partei der Albaner (DPA).
7.
Vgl. Ulf Brunnbauer, Historischer Kompromiß oder Bürgerkrieg? Makedonien sucht Antworten auf den albanischen Extremismus, in: Südosteuropa, 50 (2001) 4 - 6, S. 159 - 189, hier S. 168.