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24.7.2008 | Von:
Björn Opfer-Klinger

Zwischen äußerer Stabilisierung und innerer Krise: Mazedonien im Sommer 2008

Schwieriges Verhältnis zu den Anrainerstaaten

Die junge Republik Mazedonien hatte aber nicht nur mit großen inneren Problemen zu kämpfen, auch die außenpolitische Situation des jungen Staates war von Beginn an schwierig. Im Westen befindet sich das lange Zeit sehr instabile Albanien; im Norden grenzt das kleine Land an Serbien, über das 1992 ein Wirtschaftsembargo verhängt wurde. Letzteres belastete die schwache mazedonische Wirtschaft erheblich; durch ungeahnte Möglichkeiten des Schmuggels wurden ohnehin vorhandene kriminelle Strukturen gestärkt. Hinzu kamen verschiedene andere Streitpunkte. Dazu zählte der immer wieder aufflackernde Konflikt zwischen der Serbisch-Orthodoxen-Kirche und der mazedonisch-orthodoxen Geistlichkeit.[8] Nicht minder problematisch war die Frage der endgültigen Grenzziehung, welche erst 2001 geregelt wurde und prompt zu neuen Schwierigkeiten mit dem Kosovo führte. Es sprach Belgrad die Befugnis ab, über die kosovarisch-mazedonische Grenze Entscheidungen zu treffen. Im Osten entwickelte sich hingegen mit Bulgarien sehr bald ein gutes Verhältnis. Bulgarien war das erste Land, das Mazedonien am 15. Januar 1992 als souveränen Staat anerkannte, auch wenn es vorerst noch nicht bereit war, die Existenz einer mazedonischen Nation mit eigener Sprache zu akzeptieren.[9] Nicht zuletzt die 1998 eskalierende Kosovokrise ließ auch in Bulgarien das Interesse an einem stabilen mazedonischen Staat wachsen. Darüber hinaus knüpften beide Staaten eine zunehmend engere Kooperation in Energiefragen. Mazedonien importierte bald nennenswerte Mengen Strom zur Deckung seines Energiebedarfs aus Bulgarien. Als 2007 auf Druck der EU die letzten Reaktoren des bulgarischen Atomkraftwerks Kosloduj abgeschaltet wurden, kam es allerdings zu Engpässen.[10] Beide Staaten verbanden außerdem gemeinsame Interessen beim Transfer von Energieträgern aus der kaspischen Region nach Westeuropa.

Das bis heute schwierigste Verhältnis entwickelte sich jedoch zum südlichen Nachbarn: zu Griechenland. Dieses stellte die Unabhängigkeit Mazedoniens als eine potentielle Bedrohung, als eine Usurpation griechischer Kultur und Geschichte dar. Immer wieder äußerten griechische Politiker Befürchtungen, der Staatsname Mazedonien könne territoriale Ansprüche auf die gleichnamige nordgriechische Provinz heraufbeschwören. Griechenland blockierte daher lange die Aufnahme Mazedoniens in internationale Organisationen und ging soweit, ab dem 20. Oktober 1993 die griechisch-mazedonische Grenze zuerst teilweise und ab dem 13. Februar 1994 vollständig zu sperren. Angesichts des über Jugoslawien verhängten UN-Embargos traf dies das wirtschaftlich schwache Mazedonien hart, und nur wenige Staaten erkannten unter diesen Umständen den neuen Staat an. Erst im April 1993 konnte Mazedonien unter dem sperrigen Namen Former Yugoslav Republic of Macedonia (FYROM) der UNO beitreten. Das griechische Wirtschaftsembargo endete erst im September 1995. Zuvor hatte Mazedonien notgedrungen in einer Vereinbarung zugestimmt, jegliche territoriale Veränderungen für die Zukunft auszuschließen und sein Staatsemblem zu ändern. Es verzichtete dabei auf die sechzehnstrahlige goldene "Vergina-Sonne", das Emblem des antiken "griechischen" Helden Alexander des Großen, und beschränkte sich fortan auf eine achtstrahlige Sonne. Allerdings "gönnte" sich Mazedonien später die Provokation, dem internationalen Flughafen von Skopje den Namen "Flughafen Alexander der Große" zu geben.[11]

Griechenland stieß mit seinem Alleinvertretungsanspruch auf den Namen "Mazedonien" in den folgenden Jahren immer mehr auf Unverständnis. Ein Großteil der Staatenwelt erkannte Mazedonien nach und nach als "Republik Makedonien" an. Dies bewog Griechenland - unabhängig davon, dass es zum wichtigsten ausländischen Investor im Nachbarland aufstieg - dazu, die Integration des Landes in die EU und die NATO immer wieder zu verzögern. Mazedonien seinerseits lehnte jeden Kompromissvorschlag ab, den Staatsnamen in "Ober-Mazedonien", "Republik Makedonien-Skopje", "Zentralbalkanische Republik" oder ähnliches zu ändern. So blieben beide Seiten weiterhin unversöhnlich, wobei mancher griechische Premierminister die Mazedonien-Frage auch zur innenpolitischen Mobilisierung nutzte und sich gleichzeitig dagegen verwehrte, die rigide Assimilierungspolitik des griechischen Staates gegenüber seinen albanischen und slawischen Minderheiten in Nordgriechenland hinterfragen zu lassen.

Fußnoten

8.
Seit Jahrzehnten akzeptiert das serbisch-orthodoxe Patriarchat nicht die Abspaltung der mazedonischen Geistlichkeit. Diese benötigt jedoch für einen kanonischen Status nach den kanonischen Gesetzen die Zustimmung aller orthodoxen Kirchen. Vgl. "Kirchenstreit zwischen Belgrad und Skopje erneut entbrannt.", in: DW-Radio 2. Juni 2005, (www.dw-world.de).
9.
Vgl. Klaus Schrameyer, Makedonien: Friedlichkeit, Maß und Vernunft - mit balkanischem Charme, in: Südosteuropa, 46 (1997) 12, S. 661 - 694, hier S. 671f.
10.
Vgl. Björn Opfer-Klinger, Die ungeliebte EU-Südosterweiterung. Bulgariens und Rumäniens steiniger Weg nach Europa, Osnabrück 2007, S. 102.
11.
Vgl. Henri Bohnet, Der Namensstreit zwischen Mazedonien und Griechenland. KAS-Länderbericht vom 28. Februar 2008, http://www.kas.de/mazedonien. (2. Juni 2008)