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24.7.2008 | Von:
Björn Opfer-Klinger

Zwischen äußerer Stabilisierung und innerer Krise: Mazedonien im Sommer 2008

Mazedonien im Fadenkreuz internationaler Energieinteressen

Oligarchen entwickelten sich in den 1990er-Jahren in allen gewinnträchtigen Bereichen, sei es im Bereich des Schmuggels in den jugoslawischen Raum oder bei der Privatisierung verschiedener Staatsunternehmen. Viele bauten sich kleine Wirtschaftsunternehmen auf, wie beispielsweise die Familie von Ljubisav Ivanov.[18]

Auf europäischer Ebene spielte das kleine Mazedonien nur eine sehr geringe Rolle, mit einer Ausnahme: In den 1990er Jahren gewannen die großen Gas- und Erdölvorkommen des kaspischen Raumes und Zentralasiens sowohl für die EU als auch für die USA eine immer größere Bedeutung. Gleichzeitig wurde rasch deutlich, dass der Bosporus als Nadelöhr zwischen Schwarzem Meer und dem Mittelmeer keine Ausweitung des Schiffstransportes mehr zulassen würde. Zum Machtpoker um den Zugriff auf Erdgas- und Erdölfelder setzte zugleich ein Wettstreit um die Transportwege ein, ein Wettstreit bei dem unter der Präsidentschaft von Vladimir Putin Russland wieder eine energische Expansionspolitik betrieben wurde: Das eng mit dem Kreml verknüpfte Unternehmen Gazprom kontrollierte zunehmend alle wichtigen Pipelines nach Europa.[19] Die EU und die USA wetteiferten aus diesem Grunde um den Bau alternativer, von russischem Einfluss freie Pipelines. Der Balkan und damit auch Mazedonien gewannen dadurch zentrale Bedeutung. Die EU verfolgte dabei unter anderem die Politik, eine schrittweise Verflechtung der Region im Energiesektor, ähnlich der 1951 gegründeten Montanunion, durchzusetzen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung sollte am 25. Oktober 2005 der in Athen unterzeichnete Vertrag zur Gründung einer Energiegemeinschaft werden, wodurch der weltweit größte Binnenmarkt für Gas und Elektrizität geschaffen wurde.[20]

Eingebunden wurde dabei auch Mazedonien, das einerseits mehr und mehr den staatlichen Energiesektor privatisierte, andererseits neben Bulgarien ein wichtiges Transitland wurde. Kernprojekt der EU ist seither aus EU-Sicht der Bau einer so genannten Zentralbalkan-Gaspipeline von der Türkei über Mazedonien nach Kroatien, welche die ebenfalls geplante, von der Türkei über Bulgarien nach Österreich führende, Nabucco-Pipeline ergänzen soll.[21]

Parallel zu diesem Projekt einer Gaspipeline favorisierte die US-Administration seit Mitte der 1990er Jahre eine Erdölpipeline entlang des 8. europäischen Verkehrskorridors von der albanischen Adriaküste über Mazedonien zum bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas, das so genannte AMBO-Projekt (Albania-Macedonia-Bulgaria-Oilpipeline). In beiden Fällen winken Mazedonien hohe Transiteinnahmen. Gleichzeitig ergeben sich neue lukrative Geschäftsfelder beim Bau und der späteren Kontrolle der Pipelines. In Konkurrenz dazu wurde allerdings von russischer Seite eine Ölpipeline von Burgas zum griechischen Hafen Alexandroupolis, die so genannte Transbalkan-Pipeline, vorangetrieben. Eine Begleiterscheinung war, dass Russland Griechenland diplomatische Rückendeckung im Namensstreit mit Mazedonien gab.

Fußnoten

18.
Vgl. Norbert Mappes-Niediek, Balkan-Mafia. Staaten in der Hand des Verbrechens, Berlin 2003, S. 99.
19.
Vgl. Fred Schmid, Öl-Imperialismus, in: Leo Mayer/Fred Schmid/Conrad Schuhler, G 8: Agenda des kollektiven Imperialismus, in: isw-Report 69 - 70 (April 2007), S. 8 und Paul Gallis, NATO an Energy Security, in: Congressional Research Service, 21. Dezember 2006, S. 3.
20.
Vollständiger Text des Treaty Establishing the Energy Community unter: www.energy-community. org.
21.
Vgl. Franz-Lothar Altmann, Südosteuropa und die Sicherung der Energieversorgung der EU. SWP-Studie S. 1 (Januar 2007).