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24.7.2008 | Von:
Marie-Janine Calic

Kosovo: der jüngste Staat in Europa

Historische Hintergründe

Seit 1912/13, als Serbien in den Balkankriegen das Kosovo vom Osmanischen Reich eroberte, ist die politische Zugehörigkeit zwischen Albanern und Serben umstritten.[1] Beide erheben mit historischen, bevölkerungsgeschichtlichen, politischen und juristischen Argumenten Anspruch auf die Provinz. Die Kosovaren verlangen unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht ihren eigenen Staat, während Belgrad die Provinz als integralen Bestandteil Serbiens betrachtet und die Wahrung seiner staatlichen Souveränität und territorialen Integrität einklagt. Hinter dem Problem stehen sozioökonomische, demographische und kulturelle Konflikte. Wer dabei Recht hat, ist für die Lösung des Problems zweitrangig: Beide Seiten haben seit langem nur die eigenen Ziele vor Augen und weigern sich, die legitimen Interessen der jeweils Anderen anzuerkennen.

In Serbien hat man den Besitz Kosovos zu einer Schicksalsfrage von großer symbolischer Bedeutung stilisiert. Seit dem Mittelalter ist die serbische nationale Identität unauflöslich mit Kosovo verknüpft; hier lag der politische, kulturelle und religiöse Mittelpunkt des serbischen Königreichs. Am Sankt-Veits-Tag 1389, dem 28. Juni, hatte das serbische Heer schwere Verluste gegen die vordringenden Osmanen erlitten. Die Schlacht auf dem Amselfeld markierte den Anfang vom Ende des serbischen Großreichs. Weil es dem serbisch-orthodoxen Patriarchat in Pec' gelang, das geistig-kulturelle Erbe der Serben durch die Jahrhunderte der osmanischen Fremdherrschaft zu retten, sind orthodoxe Religion und serbisches Nationalbewusstsein symbiotisch miteinander verbunden. Viele nationalbewusste Serben erblicken im Kosovo eine Art nationales "Jerusalem" und fürchten gleichzeitig, dass hier der Kristallisationskern eines großalbanischen Staates liegen könne.

Auch die Albaner betrachten Kosovo aus nationalhistorischen Erwägungen als ihr ureigenstes Land: 1878 war hier die Liga von Prizren, die moderne albanische Nationalbewegung, entstanden. Als die Großmächte 1912/13 tatsächlich erstmals einen albanischen Staat schufen, blieben jedoch Kosovo und andere albanische Siedlungsgebiete unberücksichtigt. Fast die Hälfte der Albaner wurde zu Minderheiten in den Nachbarstaaten. Seither ist der Wunsch nach Vereinigung und Selbstbestimmung eine zentrale Triebkraft der Auseinandersetzung.[2]

An die Eingliederung Kosovos in serbisches bzw. jugoslawisches Staatsgebiet 1912/13 haben die Kosovaren keine gute Erinnerung. Immer wieder ging die Armee gewaltsam gegen albanische Freiheitskämpfer und die Zivilbevölkerung vor. Allerdings haben auch die Serben phasenweise unter Verfolgung gelitten, vor allem während des Zweiten Weltkriegs, als Kosovo 1941 - 1944 unter italienischer und deutscher Besatzung mit "Großalbanien" vereint war. Nach dem Zweiten Weltkrieg beklagten sie Diskriminierung, nachdem Josip Broz Tito der Provinz weitgehende Autonomie zugestanden hatte und es zu einer umfassenden Albanisierung von Staat und Gesellschaft kam.

Auch auf der Mikroebene hat das Zusammenleben nie sonderlich gut funktioniert. (Mehrheitlich orthodoxe) Serben und (überwiegend muslimische) Albaner sprechen eine unterschiedliche Sprache und sind sich aus historischen und kulturellen Gründen fremd geblieben: Keine zwei Völker Jugoslawiens haben einander so tief misstraut und so stark abgelehnt. Jugoslawische Soziologen stellten 1989/90 in Kosovo die geringste Bereitschaft zu ethnischer Toleranz von allen Landesteilen Jugoslawiens fest. Und nur selten haben Serben und Albaner Freundschaften und fast nie Ehen miteinander geschlossen. 60 Prozent der Albaner und 57 Prozent der Serben wollten grundsätzlich keinen Ehepartner der jeweils anderen Nationalität in Betracht ziehen.[3] Aus der "sozialen Distanz" ist durch die Ereignisse der 1990er Jahre tiefe Ablehnung, mitunter auch Hass, geworden.

Auch wirtschaftliche und soziale Faktoren haben eine Rolle gespielt. Kosovo trägt die typischen Merkmale eines Entwicklungslandes: Mit 23,1 pro Tausend hatte es vor dem Krieg die höchste Geburtenrate innerhalb Europas. Viele Serben fürchteten, dass sie von den Albanern demographisch verdrängt würden. Zwischen 1948 und 1991 stieg der Bevölkerungsanteil der Albaner im Kosovo von 68 Prozent auf 81 Prozent, jener der Serben sank im gleichen Zeitraum von 24 Prozent auf 10 Prozent. Gründe dafür waren aber nicht nur das demographische Wachstum der Albaner, sondern auch die wirtschaftlich motivierte Abwanderung von Serben in die reicheren Landesteile Jugoslawiens. Viele beklagten Diskriminierung und Verfolgung.[4] Bei den Serben verfestigte sich das Gefühl, aus ihrem "nationalen Jerusalem" demographisch verdrängt zu werden. In den 1990er Jahren belief sich das Zahlenverhältnis von Albanern zu Serben im Kosovo auf 9:1, das demographische Wachstum jedoch auf 16:1.[5]

Obwohl Kosovo im föderalistischen System Jugoslawiens weitreichende Autonomie besaß, ging den Kosovaren die Selbständigkeit nicht weit genug. Ein Jahr nach Titos Tod kam es 1981 zu blutigen Unruhen, als Demonstranten offen "Kosova Republika", also eine gleichberechtigte Teilrepublik, und manch einer die Unabhängigkeit forderte. Im Zuge des innerjugoslawischen Ringens um Reformen, favorisierte Serbien unter der Präsidentschaft Slobodan Milosevic's eine stärkere Zentralisierung Jugoslawiens. 1989 setzte er den Kosovo-Mythos in Szene, als er sich in einer viel beachteten Rede zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld an das serbische Volk wandte und die Rückkehr zu früherer nationaler Größe beschwor. Bereits im März 1989 hatte das serbische Parlament die Autonomie des Kosovo weitgehend aufgehoben. Die Albaner verstanden dies zu Recht als Kampfansage.

Fußnoten

1.
Eine knappe Zusammenfassung verschiedener Aspekte des Kosovo-Problems befindet sich bei Bernhard Chiari/Agilolf Kesselring, Wegweiser zur Geschichte Kosovo, Paderborn u.a. 2006. Eine umfassendere wissenschaftliche Darstellung bietet Noel Malcolm, Kosovo: a short history, New York 1999.
2.
Vgl. Judy Batt (ed.), Is there an Albanian question?, Chaillot Paper no 107, Paris January 2008.
3.
Vgl. Dragomir Pantic, Nacionalna distanca gradjana Jugoslavije (Die nationale Distanz der Bürger Jugoslawiens), in: Jugoslavija na kriznoj prekretnici (Jugoslawien im Krisenumbruch), Beograd 1991, S. 168 - 186.
4.
Vgl. Jasna Dragovic'-Soso, Saviours of the nation? Serbia's intellectual opposition and the revival of nationalism, London 2002, S. 115ff.
5.
Vgl. International Crisis Group, Kosovo Spring, 24 March 1998, S. 6.