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24.7.2008 | Von:
Ludger Heidbrink

Wie moralisch sind Unternehmen? Essay

Streit um das Verantwortungsprinzip

Entsprechend umstritten ist die marktwirtschaftliche Rolle des Verantwortungsprinzips. Hält man sich an den bekannten Satz von Milton Friedman: "The social responsibility of business is to increase its profits", so besteht die moralische Verpflichtung von Unternehmen darin, rentabel zu wirtschaften und Gewinne zu erzielen. Auf der anderen Seite existiert eine lange Tradition der gemeinwohlorientierten Marktwirtschaft, wonach es zur Unternehmenspraxis gehört, sich für gesellschaftliche Aufgaben einzusetzen.

Heute verstehen sich immer mehr Unternehmen als "Corporate Citizens", die mit Geld- und Sachspenden öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder Krankenhäuser subventionieren, ihre Mitarbeiter bei ehrenamtlichen Aktivitäten unterstützen oder Dienstleistungen und Gerätschaften kostenlos zur Verfügung stellen. Gleichzeitig haben die CSR-Initiativen zugenommen, zu denen nicht nur das soziale Engagement von Unternehmen zählt, sondern auch die moralische Verpflichtung gegenüber Mitarbeitern, Kunden, Zulieferern und anderen Stakeholdergruppen sowie die Einhaltung von ökologischen, arbeits- und menschenrechtlichen Standards.

Währendessen wächst aber auch die Kritik an der Marktwirtschaft. Schon länger ist der Ausdruck "Neoliberalismus" zum Schlagwort für zahlreiche Fehlentwicklungen der Wirtschaft und ihrer Protagonisten geworden, die gern mit Metaphern aus dem Tierreich wie "Raubtierkapitalismus" oder "Heuschrecken" attackiert werden. Kritiker werfen dem "Neoliberalismus" vor, dass die Dominanz von Markt und Wettbewerb zu einer ökonomisch geprägten Gesellschaft geführt habe, die durch rücksichtsloses Vorteilsstreben gekennzeichnet sei. Der Abbau von Arbeitsplätzen, zahlreiche Korruptionsskandale und Bilanzfälschungen sowie überzogene Managergehälter haben zur Folge, dass Unternehmen und ihre Führungskräfte gegenwärtig in einem äußerst schlechten Licht dastehen. In einer Studie des FAZ-Instituts von 2006 gaben die Befragten an, dass etwa siebzig Prozent der Manager und sechzig Prozent der Unternehmen nur eine "geringe oder keine Verantwortung" tragen, womit die Wirtschaft noch hinter der Politik auf dem letzten Platz liegt.[2]

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen auf große Zweifel trifft. Den CSR-Hochglanzbroschüren aus den PR-Abteilungen wird genauso wenig Glauben geschenkt wie Reports über "Socially Responsible Investing" oder Bilanzen zum Kultursponsoring. Die "Mission-Statements" und "Ethics-Guidelines", mit denen Unternehmen ihre Homepages schmücken, werden von einem Großteil der Bevölkerung ebenso wenig ernst genommen wie die öffentliche Präsentation von unternehmerischen "Best-Practice"-Erfolgen, die vom Klimaschutz über Mikrokredite bis zur medizinischen Hilfe in Entwicklungsländern reichen. Das Öko- und Bio-Labeling von Produkten oder die Kooperation mit Organisationen wie Transparency International werden als notdürftige Kompensationen und moralische Ablenkungsmanöver betrachtet, die vorrangig der Imagepflege und dem Marketing dienen und entsprechend als "Greenwashing" oder neuerdings "Bluewashing" kritisiert werden.

Dem Vorwurf der ethischen Camouflage steht der Umstand gegenüber, dass immer mehr Unternehmen mit moralisch fundierten Geschäftspraktiken Gewinne machen. So führt nicht nur die Befolgung von Corporate-Governance-Regeln bei Aktiengesellschaften zu einer um zwanzig Prozent besseren Bewertung an der Börse, es lässt sich insgesamt beobachten, dass die Einhaltung sozialer, ökologischer und ethischer Standards zur Wertschöpfung beiträgt. Nach Schätzungen des World Economic Forum gehen mehr als vierzig Prozent der Marktkapitalisierung eines Unternehmens auf dessen Reputation zurück. In wachsendem Maß sind Investoren und Konsumenten also daran interessiert, dass Unternehmen sich an integren Verhaltensprinzipien orientieren, in ihrer Geschäftspraxis Loyalität und Fairness walten lassen und sich für soziale Zwecke einsetzen.

Fußnoten

2.
Vgl. FAZ-Institut für Management, Markt und Medieninformation/DBV-Winterthur Versicherungen, Studie 2006: Verantwortung, Frankfurt-Wiesbaden 2006, S. 21.