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7.7.2008 | Von:
Dr. Sven Güldenpfennig

Olympische Spiele und Politik

Ist der olympische Sport politisch?

Die genannte These aber fordert direkt zum Widerspruch heraus. Die Tagespresse ist doch voll von Meldungen über sportpolitische Verwicklungen! Dazu eine kleine Auslese aus der stürmischen Geschichte der Sportpolitik: Als "Mutter" der politischen Instrumentalisierung gelten die Olympischen Spiele von Berlin 1936. NS-Deutschland nutzte sie als Ausrichter zum Aufbau potemkinscher Dörfer. Das Regime stand außenpolitisch bereits Gewehr bei Fuß zur Intervention in den Spanischen Bürgerkrieg. Es lockerte für das Intermezzo der Spiele seine innenpolitischen Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Juden, die politische Opposition, die freie Presse. Dadurch konnte es den Boykott durch andere Länder und den Entzug des Ausrichtungsauftrags durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) abwenden. Beides wäre begründet gewesen. Spätestens seit den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 verstieß Nazi-Deutschland gegen das Diskriminierungsverbot der olympischen Regeln. Sein Ausschluss aus der olympischen Bewegung wäre so zwingend gewesen wie später der von Südafrika wegen seiner Apartheidpolitik.

1952 in Helsinki nahm die Sowjetunion erstmals an Olympischen Spielen teil. Ihr Fernbleiben wie ihr Erscheinen waren primär nicht sportlich, sondern aus der Staatsräson motiviert. Das Land sah die Chance, dort die vermeintliche Überlegenheit im ideologischen Systemwettbewerb zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu demonstrieren. Dies führte zu einem sportlichen Wettrüsten, das den kulturellen Eigensinn des Sports überdehnte. Es mündete in sportwidrige Manipulationspraktiken wie in permanente politisch motivierte Boykottdrohungen gegen internationale Sportereignisse. Als gelehrige Schülerin folgte die DDR ihrer politischen Vormacht. Bis zu ihrer allgemeinen völkerrechtlichen Anerkennung durch die Aufnahme in die Vereinten Nationen nutzte die den Erfolg ihrer "Diplomaten im Trainingsanzug" zur Durchbrechung ihrer internationalen Isolation. 1968 in Mexico City erstmals mit einer eigenständigen Mannschaft vertreten, begann sie frühzeitig ein Regime systematischer sportsinnwidriger Leistungsmanipulation aufzubauen. Es machte sie zum weltweiten Vorreiter eines staatlich geleiteten Dopingsystems, und das bisherige Duell der sportlichen Weltmächte geriet zu einem Dreikampf. Die Anerkennungsfähigkeit von durchaus sportgerechten Innovationen des Sportfördersystems, welche die DDR in der Trainingsforschung, Trainerausbildung, Talentsuche und -förderung entwickelte, wurde dadurch überlagert und aufgehoben. Bei der Beurteilung des außerordentlichen Sporterfolges der DDR kann der Anteil dieser divergenten Faktoren nicht sauber voneinander getrennt werden, was nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 einen konstruktiv-vertrauensvollen Weg in die Integration der beiden Sportsysteme verhinderte.

Bei den Spielen von München 1972 nahm ein palästinensisches Terrorkommando die israelische Olympiamannschaft als Geisel, um vor der Weltöffentlichkeit auf das Schicksal der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten aufmerksam zu machen. Die Aktion endete in einem Blutbad. Diese Erfahrung zog ein gewaltiges Anwachsen des Sicherheitsaufwandes bei allen künftigen sportlichen Großereignissen nach sich - was nur schwer mit dem Klima friedlicher kultureller Begegnung vereinbar ist, von dem solche Ereignisse eigentlich geprägt sein sollten. 1980 zwang die US-Administration ihr eigenes Nationales Olympisches Komitee (NOK) sowie die Mehrheit seiner Partnerstaaten zu einem Boykott gegen die Olympischen Spiele von Moskau. Begründet wurde dieser mit der militärischen Intervention des Ausrichterlandes in Afghanistan. Die Antwort der sozialistischen Staatenwelt war ein Gegenboykott der Spiele von Los Angeles 1984. Einziger Effekt war jeweils die Opferung der olympischen Chancen einer ganzen Sportlergeneration.

Die Spiele von Athen 2004 waren der Musterfall für die allgegenwärtige Kluft zwischen olympiapolitischer Rhetorik und Praxis. Als Griechenland für die Ausrichtung der Jahrhundert-Spiele von 1996 Atlanta vorgezogen wurde, reagierte das Land beleidigt und beleidigend. Weil 1896 die ersten Spiele der Neuzeit in Athen stattgefunden hatten, sprach sich die Stadt ein natürliches Vorrecht auf die Ausrichtung der Jubiläumsspiele zu. Dem IOC wurde unterstellt, es habe sich dieses Jubiläum von einem in Atlanta residierenden Weltkonzern abkaufen und die Spiele zu "Coca-Cola-Spielen" verkommen lassen. Athen erhielt seine Chance 2004 - und hat sie nicht nutzen können. Griechenland reklamiert für sich, die kulturhistorische Geburtsstätte und damit zugleich der geborene Garant der olympischen Idee zu sein. Beide Ansprüche halten dem Realitätstest nicht stand.

Über ein Jahrtausend lang, von 776 v Chr. bis 393 n. Chr., fanden die antiken Spiele in Olympia statt. Das Ende wurde ihnen mit einem Edikt von Kaiser Theodosius durch das gerade christlich gewordene, hellenistisch geprägte spätantike Römische Reich bereitet. Also durch einen Staat, der politikgeschichtlich dem heutigen Griechenland näher stand als die griechische Welt der Hochantike. Als 1896 die ersten Spiele der Neuzeit in Athen stattfanden, hatte ihr Begründer Pierre de Coubertin sein Konzept des globalen Zugangs gegen griechischen Widerstand durchsetzen müssen. Griechenland selbst wollte an seiner Idee einer Wiederbelebung von panhellenischen Spielen festhalten. Die Spiele von Athen 2004 wurden nachhaltig überschattet durch Dopingskandale griechischer Athleten und durch befremdliche Reaktionen des griechischen Publikums auf entsprechende Sanktionen des IOC. Jetzt rächte sich, dass man den Sportstandort Griechenland durch jahrelange Nachlässigkeit zu einer der führenden Doping-Hochburgen hatte verkommen lassen. Dort war eine zentrale Botschaft offenbar noch immer nicht angekommen: Verantwortliche Sportpolitik geht nicht in der rhetorischen Beschwörung einer glorreichen Vergangenheit auf, sondern besteht in dem energischen praktischen Engagement für die Gewährleistung eines sinngerechten Sports.

Im laufenden Olympiajahr schließlich hat eine tibetische Protestbewegung die bevorstehenden Spiele von Peking zum Anlass genommen, gegen die Minderheitenpolitik des Ausrichterlandes zu demonstrieren. Die drakonischen Reaktionen der chinesischen Regierung führten zu einer Solidarisierungswelle mit der tibetischen Opposition, die sich in einigen westlichen Ländern in Aktionen gegen den olympischen Fackellauf entlud. In allen Fällen wurden Sportereignisse ohne Rücksicht auf deren autonomen kulturellen Eigensinn zur Durchsetzung allgemeinpolitischer Ziele instrumentalisiert. Diese waren oder sind zwar heterogen und je für sich unterschiedlich legitim. Aber unabhängig davon waren oder sind sie wegen der sportwidrigen Instrumentalisierung des Sportanlasses durchweg verwerflich. Boykotte sind nicht deshalb abzulehnen, weil sie faktisch meist wirkungslos, sondern weil sie prinzipiell als politisches Mittel illegitim sind (es sei denn für die Selbstverteidigung des olympischen Regelwerks). Zusammengenommen, ergeben diese Befunde die zweite These: Der olympische Sport ist politisch. Aber in zahlreichen Fällen in einer illegitimen Weise.

Auch das ist noch nicht das letzte Wort. Denn es wird häufig übersehen, dass sich hier verschiedene Politikkonzepte gegenüberstehen. In den Beispielfällen ging es um politische Stellvertreterkriege bei großen Sportereignissen. Daneben aber gibt es politisches Handeln für den Sport. Schon die Gründung und Stabilisierung der olympischen Bewegung durch de Coubertin seit 1894 erforderte ein hohes Maß an politischer Kunst, die sich bisweilen mit Machiavelli'scher Verschlagenheit, bisweilen mit Schwejk'scher Listigkeit mischte, da die internationale Lage alles andere als günstig war. Nationalistische Hysterie und imperialistische Konkurrenz der Großmächte, am Horizont bereits die Vorzeichen des Ersten Weltkrieges, erschwerten Interesse und Respekt für diese zunächst nur spleenig erscheinende olympische Idee. Zur Gewährleistung ihrer politischen Autonomie gründete de Coubertin als institutionellen Träger sein Internationales Olympisches Komitee, ähnlich wie Henri Dunant das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, auf der Selbstrekrutierung durch ein Kooptationsprinzip. Dies hat zwar seit jeher Anstoß bei den Verfechtern der reinen Demokratielehre hervorgerufen und zahlreiche Korruptionsanfechtungen bei IOC-Mitgliedern zugelassen. Gleichwohl hat es sich letztlich als das kleinere Übel gegenüber einem Delegationsprinzip erwiesen, nach dem jedes Mitgliedsland seine Vertreter in das IOC entsendet, aber so deren olympisches Mandat leicht mit allgemeinpolitischen Interessen kontaminiert.

Politisches Handeln, das auf die praktische Umsetzung des olympischen Eigensinns gerichtet ist, blieb maßgebliche Voraussetzung der weiteren Entwicklung. Dies gilt sowohl für die "innere Diplomatie" zur Durchsetzung von weltweit geltenden Regelwerken in der olympischen Bewegung als auch für die "äußere Diplomatie" zur Schaffung der politisch-rechtlich-ökonomischen Voraussetzungen für eine nachhaltige Gewährleistung der Olympischen Spiele. Zu den sinngerechten politischen Maßnahmen können hier durchaus auch Ausschluss und Boykott gehören. Nämlich dann, wenn Mitwirkende oder Ausrichter der Spiele fundamental gegen das geltende olympische Regelwerk verstoßen und wenn nur durch solche Sanktionen als sportpolitische Ultima Ratio die Geltung dieses Regelwerkes garantiert werden kann. Die dritte These lautet daher: Der olympische Sport ist politisch. Vielfach in einer legitimen, für die Unabhängigkeit, Gestaltung und Zukunftsfähigkeit der olympischen Bewegung unverzichtbaren Weise.