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7.7.2008 | Von:
Helmut Digel

Chinas Nutzen aus den Olympischen Spielen

Psychologische, soziale und kommunikative Effekte

Olympische Spiele haben zunächst und vor allem einen Wert an sich. Finden sie statt, so sind sie ein besonderes Ereignis, bei dem die Menschen positive Gefühle, eine lebensbejahende Einstellung, die Erwartung von etwas Besonderem, Geselligkeit und Kommunikation in den Mittelpunkt ihrer Interessen stellen. Die Menschen bilanzieren die Tage des olympischen Sports, bei denen sie anwesend sein können, als Tage des Glücks, als Ausgleich für Belastungen, denen sie im Arbeitsalltag ausgesetzt sind. Olympische Spiele können somit eine besondere psychologische Qualität aufweisen. In der Lebenswelt der Individuen und für die Biographie von Menschen können sie interessante Zäsuren darstellen, die für die Betroffenen viel bedeuten. Diese Wirkung werden die Spiele von Peking für viele Chinesen haben, bei denen ein ausgeprägtes nationales Bewusstsein ein idealer Nährboden für diese Wirkung sein wird. Diese psychologische Qualität der Spiele wird sich aber auch bei den Athleten selbst, den Funktionären, den Trainern, den internationalen Gästen und bei der internationalen Zuschauerschaft zeigen. Dabei kann durchaus von einer massenhaften Wirkung gesprochen werden. In Sydney und in Athen besuchten 7,6 bzw. 5,3 Millionen Zuschauer die Wettkämpfe vor Ort. Vor dem Bildschirm wurden die Spiele von Sydney und Athen weltweit von 36,1 bzw. 34,4 Milliarden Stunden lang verfolgt.[2] Für die Spiele von Peking werden 40 Milliarden sogenannte total viewer hours prognostiziert.

Olympische Spiele sind immer auch soziale Ereignisse, sie sind Anlass zur Begegnung, zur Identifikation, zur Freude mit Anderen und über Andere. Sie können aber auch Anlass zu Ärger und Frustration sein. Durch die Olympischen Spiele wird man aus einem häufig allzu verplanten Alltag in eine relativ situationsoffene neue Realität geführt. Vertrautes und Fremdes begegnen einem dabei gleichermaßen. Man ist mit Freunden und Bekannten zusammen, setzt sich aber auch mit Unbekanntem und Fremdem auseinander. Dies gilt für die aktive wie passive Beteiligung gleichermaßen. Obgleich der Zuschauer nur passiv an den Spielen teilnimmt, ermöglicht diese Teilnahme aktives Engagement. Die private Kommunikation über das Ereignis wird vielen Menschen zum zentralen Unterhaltungsinhalt. Das Mitredenkönnen versetzt sie in die Rolle des Experten, des Fans oder des Ehrengastes. Diese Wirkung werden die Spiele von Peking vor allem für große Teile der chinesischen Gesellschaft haben. Wobei sich für sie die positive soziale Qualität nicht nur auf die Kommunikation untereinander beschränkt: Seit der Vergabe der Spiele im Jahr 2001 lässt sich in China und insbesondere in den Großstädten Chinas eine Internationalisierung der Bevölkerung beobachten. Die Schulungsprogramme des Personals und der rund 70 000 Freiwilligen der Olympischen Spiele - weitere ca. 400 000 Freiwillige werden im Großraum Peking eingesetzt[3] - haben die Fremdsprachenkenntnisse und damit die Verständigungsmöglichkeiten vieler Chinesen erweitert. Ihr Wissen über die Welt außerhalb Chinas hat sich verändert, ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit fremden Kulturen erhöht. Die soziale Qualität der Spiele zeigt sich auch im olympischen Dorf und in den wissenschaftlichen, kulturellen, musikalischen und künstlerischen Veranstaltungen, die aus Anlass der Olympischen Spiele stattfinden. Hier eröffnen sich Möglichkeiten zur internationalen Begegnung, wie sie nur bei Olympischen Spielen gegeben sind.

Weiterhin sind Olympische Spiele Anlass zur öffentlichen Kommunikation. Der olympische Sport bietet spektakuläre Leistungen, über die zu sprechen ist, die in Wort und Bild zu zeigen sind: nicht nur in der Region, sondern vor allem global. Auf der ganzen Welt wird über sie gesprochen, kein anderes Kulturgut drängt so sehr zur öffentlichen und medialen Darstellung wie die Olympischen Spiele. Ein besonderes Merkmal der Spiele ist deshalb die Multiplikation der Kommunikation. Dies bedeutet aber immer auch, dass nicht nur über die Olympischen Spiele gesprochen wird, sondern auch über den Ort, an dem sie stattfinden. Bilder von Peking und China werden um die Welt gehen. Land und Leute werden dargestellt, Kultur, Kunst und Musik des Gastgeberlandes werden Milliarden von TV-Zuschauern zugänglich gemacht. Die Olympischen Spiele ermöglichen auf diese Weise einen positiven Imagetransfer, wie dies in der Welt der Kommunikation sonst kaum anzutreffen ist. Die kommunikative Reichweite der Fernsehübertragungen und der verschiedenen Internetbotschaften von den Spielen in Peking wird so groß sein wie noch nie.

Fußnoten

2.
Vgl. IOC, Olympic Marketing Fact File 2008, Lausanne 2008. (Nachträgliche Korrektur: In der ursprünglichen Version des Artikels war hier von TV-Zuschauern statt von der Zahl der weltweit vor den TV-Geräten verbrachten Stunden (total viewer hours) die Rede. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. Anm. d. Red.)
3.
The Beijing Organizing Committee for the Games of the XXIX Olympiad (BOCOG), Registration of Games-time Volunteers winds up, in: http://en.bei jing2008.cn/volunteers/news/latest/
n214290309.shtml (28. 4. 2008).