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7.7.2008 | Von:
Helmut Digel

Chinas Nutzen aus den Olympischen Spielen

Stabilisierung des politischen Systems

Die Olympischen Spiele waren seit ihrer Neubegründung im Jahr 1896 nahezu immer auch mit verschiedenen negativen Erscheinungen verbunden. Zur Geschichte der Olympischen Spiele gehören deshalb auch Skandale, Missbrauch der olympischen Ideale, Boykott, Korruption und finanzieller Missbrauch, strafrechtliche Delikte und vor allem politischer Missbrauch der Spiele. Am ehesten verständlich ist dabei noch, dass die jeweiligen Ausrichterstädte und meist auch die damit verbunden politischen Systeme versuchten, sich über die Spiele international positiv zu präsentieren. Die Ausrichtung der Spiele war deshalb immer mit dem Bemühen verbunden, einen möglichst optimalen politischen Nutzen zu erzielen. Ein solcher wird mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele in Peking deshalb ebenfalls für die chinesische Führung zu bilanzieren sein.

Zunächst kann dabei vor allem die Kommunistische Partei (KP) ihren Nutzen aus den Spielen ziehen. Ungeachtet des Mehrparteiensystems ist die Staatsführung eng mit der KP verbunden, sie reklamiert für sich die politische Führungsrolle und damit auch das Recht auf autoritäre Lenkung des Staats. Die gesamte Veranstaltung ist somit an die autoritäre Führung Chinas gebunden, und die Spiele selbst werden von dieser Regierung personell, materiell und programmatisch maßgeblich beeinflusst. Auf diese Weise gelingt es Chinas Regierung, die Olympischen Spiele zur Demonstration chinesischer Leistungsfähigkeit zu nutzen. Daraus folgt eine interne Legitimationsfunktion gegenüber dem chinesischen Volk, denn Fortschritt und internationale Akzeptanz Chinas lassen sich als Leistung der Partei darstellen. Gleichzeitig gelingt es der Regierung, sich gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft als moderner Partner zu präsentieren. Auf diese Weise resultiert für die Regierung eine Festigung ihres politischen Machtanspruchs nach innen und nach außen. Die Vorbereitung der Olympischen Spiele von Peking hat bereits deutlich gemacht, dass es zur Erreichung dieser Ziele für die chinesische KP kaum finanzielle Grenzen gibt und eine finanziell gewinnbringende Veranstaltung nicht oberste Priorität besitzt. Ganz gezielt wird darauf hingearbeitet, die weltweite Berichterstattung über die Spiele für einen positiven Imagetransfer, zur internationalen Anerkennung und zu einer Demonstration von Stärke zu nutzen.

Eine wichtige politische Bedeutung der Spiele ist auch darin zu sehen, dass die Spiele selbst positive Effekte für die nationalen Sportverbände Chinas haben werden. Der Hochleistungssport erhält seit Jahren enorme finanzielle, materielle, personelle und programmatische Unterstützung seitens des chinesischen Staats mit dem Ziel, Grundlagen zu schaffen, dass die chinesischen Sportler bei den Spielen in Peking zu den drei erfolgreichsten Nationen zählen. Für 17 000 ausgewählte Kaderathleten wurden hohe Investitionen getätigt. Etwa 70 Millionen Euro wird China pro gewonnener Goldmedaille investiert haben. Dabei ist zu bedenken, dass vor der Vergabe der Spiele an Peking 2001 nur wenige olympische Sportarten im chinesischen Sport eine wichtige Rolle spielten. Inwieweit sich diese für den chinesischen Hochleistungssport positiven Effekte nach 2008 abschwächen, ist heute noch nicht abzusehen.

Vom gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs des Hochleistungssports profitierte auch die chinesische Wissenschaft, insbesondere die Sportwissenschaft. Wissenschaftsdisziplinen, die Beiträge zum Erfolg chinesischer Sportler in olympischen Sportarten leisten können, werden als gesellschaftlich relevant wahrgenommen und entsprechend unterstützt.[12] Die Sportverbände profitieren von der gesteigerten Aufmerksamkeit der Staatsführung für den olympischen Sport, der bereits jetzt im Vergleich zur traditionellen chinesischen Bewegungskultur einen privilegierten Platz für sich beanspruchen kann. Über die finanzielle und personelle Unterstützung der Sportverbände und der Sportwissenschaft lässt sich nur spekulieren, genaue Zahlen werden nicht veröffentlicht; erschwerend kommt hinzu, dass die Verbände und die Sportwissenschaft zwar formal selbständig, faktisch aber über Personalunion eng mit der staatlichen Generalverwaltung für Sport verbunden sind.[13] Es ist aber davon auszugehen, dass die staatlichen Fördermittel zu Gunsten des Hochleistungssports ungleich höher sind, als dies für Chinas sportliche Konkurrenten möglich wäre.

Mit Blick auf Peking, das neben Schanghai die wichtigste Provinz innerhalb des chinesischen Staatsgebildes darstellt und dabei eine Größe aufweist, die einem europäischen Mitgliedsland wie Spanien entspricht, lassen sich noch eine ganze Reihe weiterer politischer Nutzungseffekte erkennen. Im so genannten Beijing Olympic Action Plan werden äußerst detailliert die Politikfelder benannt, die mittels der Ausrichtung der Olympischen Spiele beeinflusst werden können; Programmpunkte sind zum Beispiel: Einführung eines Nationalen Sport- und Gesundheitsprogramms, Erhöhung des Lebensstandards der Pekinger Bevölkerung, Nachhaltige Nutzung der olympischen Sportstätten, Kontrolle der Umweltverschmutzung, Entwicklung und Management des öffentlichen Nahverkehrs und Schaffung eines positiven Umfelds für kulturellen Tourismus.[14]

Fußnoten

12.
Vgl. Helmut Digel/Jia Miao/Andreas Utz, Hochleistungssport in China, Weilheim/Teck 2003.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. BOCOG, Beijing Olympic Action Plan, in: http://en.beijing2008.cn/59/80/
column211718059. shtml (29. 4. 2008).