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7.7.2008 | Von:
Werner Pitsch
Eike Emrich

Sozioökonomische Bedingungen kollektiven sportlichen Erfolgs

Auf den sportlichen Erfolg bei Olympischen Spielen haben sozioökonomische Bedingungen, speziell der Bevölkerungsumfang, die Bevölkerungsdichte und das allgemeine Wohlstandsniveau, einen größeren Einfluss als staatliche Förderung.

Einleitung

Viele gegenwärtige Gesellschaften versuchen, leistungssportliche Eliten systematisch auszuwählen und zu fördern.[1] Im Vergleich weisen dabei die eingesetzten Mittel zur Sportförderung ein ähnliches Spektrum auf, wobei Fördermaßnahmen durchaus in unterschiedlichen Kombinationen und Gewichtungen eingesetzt und hinsichtlich ihrer Legalität und Legitimität abhängig von der kulturellen Wertestruktur der Gesellschaft unterschiedlich bewertet werden können.










Die Struktur der systematisierten Siebung, möglichst erfolgreichen Entwicklung und notwendigen Auffrischung einer sportlichen Leistungselite lässt sich idealtypisch zwischen zwei mehrdimensional beschreibbaren Polen verorten. Diese Pole kann man als Laisser-faire und als rigides System der Sportförderung kennzeichnen.[2] Sportförderung lässt sich so als Kontinuum beschreiben, das theoretisch von völliger staatlicher Behütung (gewissermaßen der "Sportbeamte") bis hin zur völligen Eigenverantwortung des Individuums (als Anbieter seiner sportlichen Leistung in einem offenen Markt) reichen kann. In der ersten Variante wird das Individuum gesichtet, an spezifische Schulungs- bzw. Trainingsorte delegiert, in langfristige Belastungskonzepte wie Rahmentrainingspläne eingebunden, regelmäßig in seiner Leistungsentwicklung untersucht, davon abhängig belohnt bzw. "ausdelegiert". Es gerät so in den Sog einer umfassenden institutionalisierten Betreuung, die auch auf Bereiche der schulischen und beruflichen Bildung (Eliteschulen, spitzensportfreundliche Ausbildungsplätze) bzw. Ausbildung bis hin zum organisierten sportfreundlichen Studium (Partnerhochschulen des Spitzensports) und Arbeitsplatz ausgedehnt wird. Dabei gilt tendenziell: je höher die Leistungsstärke, desto intensiver die Betreuung.

Die rigide Struktur ging im Fall der geschlossenen DDR-Gesellschaft mit zentraler Lenkung des Sports nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus einher. Der Leistungssport wurde intensiv mit Ressourcen ausgestattet, deren großer Umfang über den staatlichen Auftrag zur Demonstrierung sozialistischer Überlegenheit mit Mitteln des sportlichen Erfolges gerechtfertigt wurde. Dabei kam es zur Anwendung von Mitteln und Maßnahmen, die nur vor dem Hintergrund eines totalitären Systems möglich waren und sind.[3] Dazu gehörten neben dem direkt steuernden Zugriff auf die Sportler innerhalb des Leistungssportförderungssystems auch die gelenkte Delegation von Kindern und Jugendlichen hin zu demselben. Flankiert wurde dies durch besondere Anreizstrukturen, wie zum Beispiel die Lockerung von Reisebeschränkungen oder andere Privilegien, die den Sportlern eingeräumt wurden. Eher rigide Sportfördersysteme sind sowohl in der Vergangenheit als auch heute vor allem in geschlossenen, totalitären Gesellschaften zu beobachten, wie zum Beispiel ehemals in der Sowjetunion sowie heute in China. Dass deren politische Struktur eine notwendige Voraussetzung für die weitgehende Verwirklichung eines rigiden Fördersystems ist, kann daraus jedoch nicht geschlossen werden. Eine totalitäre, geschlossene Gesellschaft scheint aber zumindest bessere Voraussetzungen für rigide Fördersysteme zu bieten als eine offene Gesellschaft.

Die in der DDR zum Einsatz gelangten Mittel einer institutionalisierten Sportförderung wie Sportclubs, Kinder- und Jugend-Sportschulen, Rahmentrainingspläne usw. wurden teilweise im Zuge der deutschen Wiedervereinigung in einer Art nachträglicher Konvergenz ohne gründliche Prüfung, ob sie überhaupt mit den Werten und Strukturen einer offenen Gesellschaft vereinbar sind, in das gesamtdeutsche Sportsystem übernommen. Damit kam es zwangsläufig zu typischen Problemen, denn die Prinzipien der Förderinstitutionen standen der Bewahrung individueller Freiheit in einer offenen Gesellschaft zum Teil diametral entgegen.[4] Da es innerhalb der Sportverbände des wiedervereinigten Deutschlands aufgrund ihrer grundsätzlich demokratisch-partizipatorischen Struktur (bottom up) keine zentrale hierarchische, mit Kontroll- und Lenkungsbefugnissen ausgestattete Instanz analog zum demokratischen Sozialismus gibt, kommt es zwangsläufig zu hohen Integrationskosten. Parallel dazu verschwand mit der Auflösung des so genannten Ostblocks die frühere, stellvertretend im Leistungssport ausgetragene Rivalität der Blöcke. Dies führte im Vergleich mit dem Sportfördersystem der DDR zur Reduzierung des Ressourcenzuflusses, so dass sich aktuell die Frage nach der Effizienz aktueller Förderstrukturen verschärft stellt. Im Rahmen der mit einer eher offenen Gesellschaft verknüpften kulturellen Werte- und politischen Entscheidungsstruktur muss nunmehr die Verteilung der knapperen Mittel bei der Produktion sportlicher Eliten ausgehandelt werden, wobei die Ressourcenzuweisung nicht nur von vermuteten oder nachgewiesenen Effekten, sondern auch von der Legitimitätsproblematik beeinflusst wird.

Insgesamt ist deshalb nicht verwunderlich, dass der am DDR-Leistungssport orientierte Versuch einer systematisch gesteuerten Leistungsentwicklung in der offenen Gesellschaft Gesamtdeutschlands aufgrund nicht beabsichtigter Effekte keineswegs problemlos verläuft.[5] So erweist sich eine Nicht-Beachtung von Steuerungsempfehlungen und eine bezogen auf das Lebensalter der Athleten erst später als geplant eintretende Förderung und Betreuung in den vorgesehenen institutionalisierten Instanzen langfristig zumindest nicht als erfolgsschädlich. Offensichtlich entzieht sich die Produktion sportlicher Leistungen dem Versuch der organisierten Kontrolle und Steuerung, weil die extreme Vereinnahmung von Individuen in staatlichem Auftrag nicht unwesentlich an die Besonderheiten einer totalitären und geschlossenen Gesellschaft gebunden ist.[6] In einer offenen Gesellschaft haben Individuen die Wahl. Folgt man der Logik der individuellen Nutzenmaximierung, dann nutzen sie ihre Zeit für diejenigen Aktivitäten, die ihnen subjektiv den höchsten Nutzen versprechen, auch wenn sie außerhalb des Sports liegen, und sie bleiben nur im Sport, wenn der addierte materielle und immaterielle Nutzen des Sporttreibens höher ist als derjenige anderer Aktivitäten. Damit werden in offenen Gesellschaften ökonomische, kulturelle und soziale Rahmenbedingungen individuellen Handelns mitbestimmende Faktoren des Erfolgsniveaus von Athletenkollektiven. Hier wird eine weitere Vergleichsperspektive bedeutsam, nämlich, welche Unterschiede das sportliche Erfolgsniveau verschiedener offener Gesellschaften aufweist und inwieweit diese durch eine je spezifische Konstellation von kulturellen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen erklärbar sind.

Unsere Fragen lauten also: Inwieweit erlaubt im Vergleich offener Gesellschaften die genaue Kenntnis von ausgewählten Rahmenbedingungen Prognosen auf das kollektive sportliche Erfolgsniveau? Und: Welche Unterschiede treten zwischen Prognosemodell und tatsächlichem Erfolgswert auf, und welche Einflüsse lassen sich dahinter vermuten?

Implizit kann damit auch die Frage abgeschätzt werden, in welchem Maß Unterschiede im sportlichen Erfolgsniveau im Vergleich offener Gesellschaften überhaupt von den Mitteln der Sportförderung abhängen und inwieweit sie grundsätzlich in wesentlichem Umfang beeinflussbar sind. Gleiches gilt für die Frage, inwieweit rationale Entscheidungen hinsichtlich der Mittelwahl und des Mitteleinsatzes zu den entscheidenden Bedingungen für den sportlichen Erfolg einer Nation zählen - ob diese Bedingungen also überhaupt beeinflussbar sind.[7]

Fußnoten

1.
Vgl. Helmut Digel/Marcel Fahrner/Heike Sloboda, Talentsuche und Talentförderung als Ressource des Hochleistungssports - Ein internationaler Vergleich, in: Eike Emrich/Arne Güllich/Martin-Peter Büch (Hrsg.), Beiträge zum Nachwuchsleistungssport, Schorndorf 2005, S. 15 - 43.
2.
Vgl. Eike Emrich/Vassilios Papathanassiou/Werner Pitsch, Talentförderung zwischen Effizienz des Systems und Freiheit des Individuums, in dies. (Hrsg.), Wie kommen Kinder zum Leistungssport?, Niedernhausen 1997, S. 101 - 107.
3.
Vgl. zum DDR-Sport grundsätzlich Hans J. Teichler, Sport in der DDR, Köln 2004.
4.
Vgl. Eike Emrich/Robert Prohl/Silke Brand, "Mündige Ästheten" in einer lernenden Organisation, in: Sportwissenschaft, 36 (2006) 4, S. 417 - 432.
5.
Vgl. Eike Emrich et al., Spitzensportförderung in Deutschland - Bestandsaufnahme und Perspektiven, in: Leistungssport, 38 (2008) 1, Beilage.
6.
Vgl. Eike Emrich/Werner Pitsch, Zur Effektivität bundesdeutscher Nachwuchsleistungssportförderung - empirische Befunde zum individualistischen und kollektivistischen Steuerungsprimat, in: Sebastian Braun/Stefan Hansen (Hrsg.), Steuerung im organisierten Sport, Hamburg 2008, S. 53 - 64.
7.
Die nachfolgenden Ausführungen stellen eine wesentlich überarbeitete und ergänzte Version des entsprechenden Kapitels in E. Emrich et al. (Anm. 5) dar.