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7.7.2008 | Von:
Werner Pitsch
Eike Emrich

Sozioökonomische Bedingungen kollektiven sportlichen Erfolgs

Resümee

Als bedeutendster Einflussfaktor bei den Sommerspielen stellte sich jeweils der Populationsumfang heraus, während die Populationsdichte und das BIP pro Kopf nur in Einzelfällen, und dann auch nur in wesentlich geringerem Umfang (jeweils ca. sechs Prozent), zur Erklärung beitrugen. Bei den Winterspielen stellte sich ausschließlich das BIP pro Kopf als bedeutender Einflussfaktor heraus. Der Grund für diesen Unterschied könnte die in Wintersportarten stärkere Abhängigkeit von der spezifischen Sportstätteninfrastruktur sein, aufgrund der die relevanten Sportstätten nur für einen kleineren Anteil der Wohnbevölkerung leicht zugänglich sind. Damit sinkt der Einfluss des Bevölkerungsumfangs deutlich. Dagegen sind die bei Olympischen Sommerspielen betriebenen Sportarten nur zu einem kleinen Teil typische Natursportarten und nur in geringem Umfang an eine selten zu findende spezifische Sportstätteninfrastruktur gebunden. In diesen Fällen spielt das Niveau des allgemeinen Wohlstandes (und damit auch die hier als vermittelnde Variable angenommene horizontale soziale Mobilität innerhalb der Bevölkerung) nur eine untergeordnete Rolle. Dies bedeutet weiter, dass örtliche Konzentrationen von Athleten in Sportarten, die selten anzutreffende Anlagen voraussetzen, nur dauerhaft erfolgversprechend sind, wenn die individuellen Kosten der Verlagerung des Lebensmittelpunktes an den Ort der Sportstätte durch die Vorteile der Zentralisierung aufgewogen werden. Im Umkehrschluss heißt dies, dass Zentralisierung in denjenigen Fällen, in denen Sport- und Betreuungsstätten vielerorts verfügbar sind, nur bei überragendem Anreiz gelingen dürfte. Inwieweit überhaupt der sportliche Erfolg bei ansonsten gleichen Rahmenbedingungen allein durch eine über das Vereinssystem hinaus gehende Förderung wesentlich beeinflusst werden kann, muss angesichts des nachgewiesenen großen Einflusses von Rahmenbedingungen offen bleiben.

Die verbreitete Einschätzung, das Fördersystem in Deutschland sei dringend reformbedürftig, die gewöhnlich mit einem mangelhaften Erfolgsniveau begründet wird, kann deshalb hier nicht bestätigt werden.[19] Insofern bleibt notgedrungen auch offen, inwieweit überhaupt eine weitere Steigerung des Erfolgsniveaus durch die Intensivierung bekannter Fördermaßnahmen gelingen kann, da die Gründe für das deutliche Überschreiten des errechneten Wertes bisher (noch) unbekannt sind. Grundsätzlich ist jedoch die Annahme, das Erfolgsniveau könne durch strukturelle Maßnahmen weiter gesteigert werden, umso weniger plausibel, je größer die positive Abweichung der Zahl erzielter Medaillen vom errechneten Wert ist.

Fußnoten

19.
Das Erfolgsniveau könnte prinzipiell, trotz derzeitiger Förderstrukturen, unabhängig von den Strukturen oder aufgrund spezifischer Überlagerungen positiver und negativer Effekte einzelner Systemkomponenten zustande kommen. Insofern beinhaltet sowohl die Aussage, das Fördersystem sei reformbedürftig als auch die Aussage, es sei es nicht, jeweils die (ungeprüfte) Annahme systematischer Effekte des Fördersystems auf das kollektive Erfolgsniveau.