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7.7.2008 | Von:
Jutta Braun

Sportler zwischen Ost und West

Die ungeliebte Einheit

Als Idee reicht die Geschichte der gesamtdeutschen Mannschaften bis in die frühen 1950er Jahre zurück. Im Jahr 1951 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) zugleich mit der Anerkennung des westdeutschen Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK) die Bildung einer gesamtdeutschen Mannschaft empfohlen. Da das ostdeutsche Pendant, das sich am 22. April 1951 konstituiert hatte, noch keine entsprechende Akzeptanz auf internationaler Ebene fand, sollten sich vorerst DDR-Sportler in eine Mannschaft unter westdeutscher Federführung einreihen. Dieses Ansinnen wurde jedoch umgehend und heftig von Sportfunktionären und Politikern der Bundesrepublik wie der DDR sabotiert. Der westdeutschen Sportführung war vorrangig daran gelegen, die SED-Funktionäre von der olympischen Ebene fern zu halten. Dementsprechend gab NOK-Präsident Karl Ritter von Halt am 25. Mai 1951 die berüchtigte Rückmeldung an Bundeskanzler Konrad Adenauer, dass er die Gespräche über die gesamtdeutsche Mannschaft mit den ostdeutschen Vertretern so geführt habe, "dass sie ergebnislos verlaufen mussten".[2]

Der DDR-Sport auf der anderen Seite hatte neben der noch fehlenden Anerkennung seines NOK mit einem weiteren Geburtsfehler zu kämpfen: In der Frühphase konnte er kaum konkurrenzfähige Leistungssportler aufbieten. Deshalb drängte es die ostdeutsche olympische Vertretung auch nicht nach einer Teilnahme in einem gesamtdeutschen Team, in dem eigene Athleten ohnehin nur vereinzelt und weitgehend chancenlos angetreten wären. Vielmehr strebte das NOK der DDR mit Nachdruck die eigene Selbständigkeit an. Doch als dem ostdeutschen Gremium, nach wiederholten erfolglosen Anläufen, im Jahr 1955 endlich zumindest eine vorläufige Anerkennung durch das IOC winkte, machte dessen Präsident Avery Brundage die Bildung einer gesamtdeutschen Mannschaft endgültig zur conditio sine qua non einer solchen Aufwertung. Brundage sah ein vereintes Team der beiden ideologisch rivalisierenden Staaten als ein olympisches Signal "which will demonstrate to the world that where the politicians fail the sportsmen can succeed".[3] Doch diese idealisierte Vorstellung vom olympischen Geist als friedensstiftender Kraft[4] hatte mit der Realität nicht viel zu tun. Hinter den Kulissen strebten die beiden feindlichen deutschen Brüder weiterhin höchst unterschiedliche Ziele an: Der Osten hoffte, über das gesamtdeutsche Auftreten als seriöses Mitglied der olympischen Familie vom IOC ernst genommen zu werden und so mittelfristig die endgültige Anerkennung seines NOK und damit auch die olympische Selbständigkeit zu erreichen. Der Westen hingegen wollte genau dies verhindern. Keinesfalls sollte es der DDR jemals gelingen, "mit einer eigenen Mannschaft in Erscheinung zu treten, um im Verfolg der kommunistischen Weltpolitik das Nebeneinander-Bestehen zweier deutscher Staaten vor den Augen der Welt und im Blickwinkel eines so spektakulären Weltereignisses, wie es die Olympischen Spiele darstellen, evident zu machen".[5]

Diese schwierigen Voraussetzungen veranlassten schon im September 1955 Karl Ritter von Halt bei der Vorbereitung der ersten gemeinsamen Mannschaft zu dem Stoßseufzer: "Praktisch sind wir also doch zwei Mannschaften, die nach außen hin unter einen Hut gebracht sind."[6] Die Querelen, die sich angesichts der angespannten politischen Lage in den nächsten Jahren um die Bildung der Teams ranken sollten, waren ebenso zahlreich wie hartnäckig. Streitereien entzündeten sich am Modus des Auswahlverfahrens der Sportler, der Gestaltung der gemeinsamen Flagge und Bekleidung, am angemessenen Ort der Qualifizierungskämpfe ebenso wie der Benennung des "Chef de Mission" und den Verantwortlichkeiten bei der Erledigung des Schriftverkehrs. Drastisch waren die Beschimpfungen, mit denen sich beide deutsche Partner während ihrer unglücklichen olympischen Ehe direkt und in der Kommunikation mit dem IOC belegten. In den ostdeutschen Sportfunktionären konnte der seit 1961 amtierende NOK-Präsident Willi Daume nur "armselige Marionetten"[7] erkennen, im Chef des ostdeutschen NOK Heinz Schöbel sah er "not more than a dummy".[8] Erfolglos versuchte das IOC von Zeit zu Zeit, mit mahnenden Worten die Wogen zu glätten. Während der Westen eifrig Belastungsmaterial über Politisierung und Prämiensystem im DDR-Sport sammelte, um die Position des ostdeutschen NOK gegenüber dem IOC zu destabilisieren,[9] zeterte die ostdeutsche Propagandapresse regelmäßig im "Stürmerstil"[10] über die "westdeutschen Revanchisten".

Selbst während der Olympischen Spiele herrschte kein Burgfriede, die Dissonanzen waren spürbar in der Art der Berichterstattung[11] und der offiziellen Zurechnung der Medaillen,[12] selbst innerdeutsche Glückwünsche gerieten zum publizistisch aufgeplusterten Ärgernis.[13] Nach dem Mauerbau 1961 spitzte sich die politische Situation derart zu, dass eine weitere gemeinsame Olympiamannschaft für das Jahr 1964 zunächst unmöglich erschien. Am 28. November 1962 äußerte Willi Daume deshalb gegenüber IOC-Kanzler Otto Mayer erstmals einen "einstweilig streng vertraulichen Vorschlag", um die verfahrene Situation zu lösen: "Wäre es nicht denkbar, dass das IOC folgende Anordnung trifft: West-Deutschland stellt eine eigene Mannschaft und Ost-Deutschland stellt auch eine eigene Mannschaft auf. Beide sind aber vereint unter dem gleichen Symbol, also schwarz-rot-goldene Fahne mit den olympischen Ringen und Beethoven-Hymne."[14] Eine solche Regelung habe "sportlich den gewaltigen Vorteil, dass die Belastung mit den gesamtdeutschen Ausscheidungskämpfen entfiele, die so viel Ärger bringen, die Atmosphäre vergiften und ein großes Handikap für die Aktiven sind".[15] Auch war er sich sicher, dass die öffentliche Meinung und die der Sportler mittlerweile gegen eine gemeinsame Mannschaft seien. Doch war die Zeit noch nicht reif für seinen Vorschlag, das IOC lehnte scharf ab - erst 1968 wurde Daumes Idee erstmals bei den Olympischen Winterspielen in Grenoble Wirklichkeit.

Fußnoten

2.
Karl Ritter von Halt an Bundeskanzler Konrad Adenauer, 25. 5. 1951. Zit. nach Tobias Blasius, Olympische Bewegung, Kalter Krieg und Deutschlandpolitik 1949-1972, Frankfurt/M. u.a. 2001, S. 85.
3.
"welche der Welt demonstrieren wird, dass Sportler dort erfolgreich sein können, wo Politiker versagen". Avery Brundage an Karl Ritter von Halt, 28. 5. 1955, IOC-Archiv, Lausanne.
4.
Zur Problematik vgl. grundsätzlich Andreas Höfer, Der olympische Friede. Anspruch und Wirklichkeit einer Idee, St. Augustin 1994.
5.
Willi Daume an Otto Mayer, 12. 5. 1961, IOC-Archiv, Lausanne.
6.
Karl Ritter von Halt an Otto Mayer, 6. 9. 1955, IOC-Archiv, Lausanne.
7.
Willi Daume an Otto Mayer, 28. 11. 1962, IOC-Archiv, Lausanne.
8.
"nicht mehr als einen Strohmann". Karl Ritter von Halt und Willi Daume an Avery Brundage, 10. 11. 1961, IOC-Archiv, Lausanne.
9.
Ritter von Halt übersandte seit Juni 1959 alle "Hetzartikel" aus ostdeutschen Tageszeitungen, um dem IOC zu demonstrieren, "what kind of people we have to get along with" ("mit was für Leuten wir auskommen müssen"). Karl Ritter von Halt an Avery Brundage, 18. 6. 1959, IOC-Archiv, Lausanne.
10.
Willi P. H. Knecht, Nach Tokio und zurück. Sportpolitik in Deutschland, Dießen/Ammersee 1965, S. 124.
11.
Als die 17-jährige Dresdnerin Ingrid Krämer die erste Goldmedaille für die gesamtdeutsche Mannschaft im Jahr 1960 in Rom im Kunstspringen holte, titelte der "Tagesspiegel" vom 28. 8. 1960: "Erste Goldmedaille für Deutschland", das "Neue Deutschland" vermeldete am selben Tag: "Erste Goldmedaille für DDR".
12.
Im Sinne der östlichen Drei-Staaten-Theorie wurden die Medaillen ostdeutscher und westdeutscher Sportler und solcher aus West-Berlin getrennt aufgeführt. Vgl. Neues Deutschland vom 25. 10. 1964. Zur Berlin-Problematik vgl. Jutta Braun/Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Sportstadt Berlin im Kalten Krieg. Prestigekämpfe und Systemwettstreit, Berlin 2006.
13.
Unter der Überschrift "Scheinheilige Patrone" kritisierte die "Berliner Zeitung" nach den Olympischen Spielen in Rom Glückwunschtelegramme bundesdeutscher Politiker an DDR-Sportler. Vgl. Berliner Zeitung vom 1. 9. 1960. Eine ähnliche Kritik erfolgte während der Olympischen Spiele in Innsbruck 1964. Vgl. Berliner Zeitung vom 10. 2. 1964.
14.
Willi Daume an Otto Mayer, 28. 11. 1962, IOC-Archiv, Lausanne.
15.
Ebd.