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7.7.2008 | Von:
Jutta Braun

Sportler zwischen Ost und West

Die vergessenen Sportler

Jüngere Studien zum sportlichen Stellvertreterkrieg auf der Aschenbahn haben die 1950er und 1960er Jahre in diplomatischer und kulturgeschichtlicher Hinsicht detailreich beschrieben,[16] hierbei jedoch zwei Dimensionen vermissen lassen, wobei es sich bei der ersten um eine inhaltliche, bei der zweiten um eine gravierende methodische Einschränkung handelt: Zum einen werden die Schicksale einzelner Athleten, die als die Akteure des Klassenkampfes in der Arena eine zwar instrumentalisierte, jedoch elementare und durchaus individuell geprägte Rolle spielten, dem analytischen Blickwinkel nahezu gänzlich vorenthalten.[17] Zum zweiten verzichtet selbst eine kompakt angelegte und sich als "politische Geschichte" verstehende Studie[18] auf die Auswertung des Aktenmaterials der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), obgleich es sich beim ostdeutschen Sportsystem um einen massiv durchherrschten Bereich der SED-Diktatur handelte. Dies ist umso bedauerlicher, als Akte politischer Repression im DDR-Sport - auch in den ersten Dekaden der deutschen Teilung - zumeist explizit mit Blick auf die Systemkonkurrenz zum deutschen "Polarisierungszwilling"[19] erfolgten. Sie müssen deshalb als integraler Bestandteil in ein umfassendes Bild der Geschichte der deutsch-deutschen Sportbeziehungen einbezogen werden. Anhand der Schicksale von zwei Sportlern, die in den 1950er und 1960er Jahren aus der DDR flüchteten, soll an dieser Stelle gezeigt werden, welche heute nahezu vergessenen machtpolitischen Mechanismen jenseits der bislang von der Geschichtswissenschaft ausführlich beschriebenen sportdiplomatischen Ebene wirksam wurden.

Fußnoten

16.
Vgl. T. Blasius (Anm. 2); Uta Andrea Balbier, Kalter Krieg auf der Aschenbahn. Der deutsch-deutsche Sport 1950-1972, Eine politische Geschichte, Paderborn 2006.
17.
Diese Lücke wird demnächst durch eine Dissertation von Juliane Lanz geschlossen, die explizit die Perspektive der Athleten zum Gegenstand ihrer Studie über die gesamtdeutschen Olympiamannschaften macht.
18.
U. A. Balbier (Anm. 16).
19.
Begriff bei Hans Günter Hockerts, Einführung, in: ders. (Hrsg.), Drei Wege deutscher Sozialstaatlichkeit: NS-Diktatur, Bundesrepublik und DDR im Vergleich, München 1998, S. 8.