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19.6.2008 | Von:
Gerhard Will

Vietnam heute: Begrenzte Reformen, ausufernde Probleme

Grenzen des Wirtschaftsbooms

Vietnam hatte im vergangenen Jahrzehnt eine durchschnittliche Wachstumsrate zwischen 7 und 8 % aufzuweisen. 2007 war sie auf 8,5 % geklettert, und noch im Januar 2008 zeigte sich Ministerpräsident Dung entschlossen, sie auf 9 % zu schrauben.[25] Doch nur ein halbes Jahr später ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die Wachstumsrate wurde auf 7 % gesenkt, und Beobachter gehen von einem weiteren Rückgang aus. Die Inflationsrate kletterte im Mai auf 25,2, bei Nahrungsmitteln auf 42 %. Zunehmend kommt es zu wilden Streiks, mit denen angesichts galoppierender Lebensmittelpreise Lohnerhöhungen durchgedrückt werden sollten. Der Börsenindex ist seit Jahresbeginn um fast 60 % gesunken.[26] All dies hinterließ tiefe Kratzer am strahlenden Bild, das vom nächsten "Tiger Asiens" gezeichnet worden war, und führte zu einer Rückstufung Vietnams durch internationale Rating-Agenturen.

Um die Wachstumsziffern nach oben zu treiben, hatte sich Vietnam 2007 um einen massiven Anstieg des Kapitalzuflusses bemüht. Über 20 Mrd. US-Dollar, mehr als 30 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP), waren als Direktinvestitionen, Auslandsüberweisungen oder Entwicklungshilfeleistungen ins Land geflossen.[27] Eine Folge davon war ein Aufblähen des Kreditvolumens um 50% und eine mehr und mehr gelockerte staatliche Geld- und Fiskalpolitik. Investiert wurde nicht nur in notwendige Infrastrukturmaßnahmen, sondern auch in Prestigeprojekte und Staatsunternehmen, deren wirtschaftliche Rentabilität mehr als zweifelhaft ist. Die notwendigen Importe führten allein im ersten Quartal 2008 zu einem Handelsdefizit von 7,4 Mrd. US-Dollar, viermal höher als im Vergleichszeitraum 2007.

Auf diese alarmierenden Entwicklungen reagierte die Regierung wenig professionell. Anweisungen an die Zentralbank, mal keine vietnamesische Währung, mal keine US-Dollars auszugeben, vergrößerten bestehende Unsicherheiten. Nach wie vor wird ein unkoordiniertes Vorgehen von Staatsbank und Ministerien beklagt. Auch nach zwei Jahren Verwaltungs- und Strukturreform sind den Machtmitteln der Zentralregierung, Etatkürzungen bei den Staatsunternehmen oder auf der Provinzebene durchzusetzen, enge Grenzen gesetzt.

Fußnoten

25.
Vgl. A struggle to keep the good times rolling, in: Far Eastern Economic Review, 31.1. 2008.
26.
Vgl. Roger Mitton, Vietnam's Economy. Down and out, in: The Straits Times vom 28.5. 2008, und Christoph Hein, Der tiefe Fall des Analysten-Lieblings, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.6. 2008.
27.
Vgl. Jonathan Pincus/Vu Thanh Tu Anh, Vietnam feels the heat, in: Far Eastern Economic Review, Mai 2008.