30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

19.6.2008 | Von:
Stephen Maxner

Die USA und Vietnam

Amerika in Vietnam

Die Zeit des direkten und indirekten Engagements der USA in Südostasien dauerte von 1954 bis 1973. In diese kritischen Jahre fielen einige höchst umstrittene Entscheidungen, die von Wissenschaftlern und Studenten der Geschichte und der Politikwissenschaften sowie von Veteranen und Laien bereits erschöpfend untersucht worden sind. Jeder amerikanische Präsident traf folgenschwere Entscheidungen, die nach und nach den Weg für das Engagement in Vietnam ebneten. Präsident Dwight Eisenhower schien zu glauben, Laos sei der Schlüssel, um Südostasien vom Kommunismus frei zu halten, während sein Nachfolger John F. Kennedy im Laufe der drei kurzen Jahre seiner Präsidentschaft die Präsenz der USA in Südvietnam von 1000 auf 16.000 Berater erhöhte. Die vielleicht kontroverseste Entscheidung Kennedys bestand darin, den Staatsstreich, der zur Ermordung des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem führte, stillschweigend zuzulassen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die darauf folgende politische Entwicklung in Südvietnam ein Führungsvakuum hervorrief, von dem sich das Land nie mehr erholen sollte.

Mit der Ermordung Kennedys und dem Auftreten Lyndon B. Johnsons auf der politischen Bühne hielt eine neue Sichtweise Einzug in das Weiße Haus. Unter Johnson begannen die USA infolge der umstrittenen Ereignisse am Golf von Tonkin vor der nordvietnamesischen Küste im August 1964, konventionelle Bodentruppen in Südvietnam zu stationieren. Der Kongress nahm vorgebliche nordvietnamesische Angriffe auf amerikanische Schiffe im Golf zum Anlass, die Tonkin-Resolution zu verabschieden, die weit reichende Befugnisse enthielt. Da es damals schon Beweise gab, dass der zweite Angriff niemals stattgefunden hatte, sind das amerikanische Volk und der Kongress heute viel kritischer und ziehen die Argumentation ihrer Präsidenten in Zweifel, wenn diese aufgrund vermeintlicher Aktionen vermuteter Feinde zu Kriegshandlungen aufrufen. Diese kritische Haltung haben wir auch im Zusammenhang mit der Behauptung beobachtet, der irakische Diktator Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen gehortet.

Die Tonkin-Resolution 1964 führte zu massiven Luftangriffen auf Nordvietnam und zur Entsendung amerikanischer Bodentruppen nach Südvietnam, womit die USA erhebliches Prestige in den Ausgang des Krieges in Südostasien investierten. Für den Kriegsdienst in Vietnam wurde eine große Anzahl amerikanischer Soldaten benötigt, und die Regierung musste immer mehr junge Männer zum Militärdienst einberufen. Kaum ein innenpolitisches Thema war in den USA so umstritten. Während es scheint, dass die "schweigende Mehrheit" der Amerikaner den Krieg von Anfang an befürwortete, äußerte eine lautstarke Minderheit der jungen Männer und Frauen im Collegealter ihren Protest. Wehrdienstverweigerung auf Colleges und Universitäten im ganzen Land wurde zum ernsten Problem für die Regierungen Johnson und Nixon, das sich erst mit der Aufhebung der Wehrpflicht durch Präsident Richard Nixon auflöste. Die offene Feindseligkeit gegenüber dem Krieg in Vietnam, die an den meisten amerikanischen Hochschulen herrschte, hatte tief greifende Folgen, die bis zum heutigen Tag spürbar sind.

Im Verlauf des Krieges bauten die USA eine massive Militärpräsenz auf, die schließlich über 500 000 Männer und Frauen umfasste. Der Wendepunkt kam schließlich unter anderem durch die Tet-Offensive 1968, ein gewaltiger Angriff der Nordvietnamesen, der zwar scheiterte, jedoch bedeutende psychologische Auswirkungen auf das amerikanische Volk hatte. Die amerikanischen Medien verstärkten seine Wirkung, berichteten von der Offensive als Beweis für die unverminderte Stärke des Vietkong und der Nordvietnamesen und als Zeichen dafür, dass der Krieg in Vietnam, entgegen früherer Berichte von General William Westmoreland, noch lange nicht vorüber sei. Drei Monate nach Beginn der Offensive traf Johnson den verhängnisvollen Entschluss, die Nominierung durch seine Partei nicht anzunehmen und sich der Wiederwahl nicht zu stellen, und in den USA schwand der politische Wille, den Krieg fortzusetzen, bis die Streitkräfte 1973 abzogen. Der Krieg ging weiter, als Präsident Nixon gewählt wurde, der sich jedoch aufgrund der nachlassenden Unterstützung der Bevölkerung der USA für den Krieg gezwungen sah, zunehmend südvietnamesische Truppen auszubilden, damit diese die Last der Kämpfe in immer größerem Ausmaß übernehmen konnten. Nixon zog die US-Truppen nach und nach ab, während er einen "ehrenhaften Frieden" auszuhandeln versuchte - 1973 kam es zur Unterzeichnung des Pariser Friedensabkommens. Von diesem Zeitpunkt an mussten sich die Südvietnamesen alleine verteidigen, was sie tapfer taten, bis ihnen der amerikanische Kongress 1974 und 1975 jede Unterstützung entzog und sie im Kampf gegen die nordvietnamesische Armee, die über die weit bessere Ausrüstung sowie großen Rückhalt in der Bevölkerung verfügte, sich selbst überließ. Sie unterlagen 1975, und Saigon fiel am 30. April desselben Jahres.