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19.6.2008 | Von:
Stephen Maxner

Die USA und Vietnam

Amerika nach Vietnam

Welchen Einfluss hatte der Vietnamkrieg auf die USA und ihre Bürger, welchen Einfluss übt er bis heute auf die USA aus? Die Frage ist viel zu komplex, um sie in diesem kurzen Aufsatz erschöpfend beantworten zu können. Es gibt jedoch einige zentrale Aspekte, die wir zumindest erwähnen können und sollten. Die vielleicht tief greifendste Auswirkung bestand darin, dass das Scheitern der USA in Vietnam das amerikanische Volk dazu veranlasst hat, ihre Regierung auf eine Art und Weise in Frage zu stellen, wie es das nie zuvor getan hat. Seitdem zweifeln die USA an sich selbst und an ihrer Rolle in der Welt. Zum ersten Mal in der Geschichte hatten die USA einen Krieg verloren. Wie war das möglich, noch dazu gegen ein kleines südostasiatisches Land? Manche Beobachter meinen, das habe zu einem beachtlichen Ausmaß an Selbstkritik geführt; andere mögen gar von Selbsthass sprechen, wenn manche Amerikaner unserem wirtschaftlichen und politischen System und unserem Way of Life übermäßig kritisch gegenüber stehen.

Berichte von Gräueltaten der Amerikaner in Vietnam während des Krieges und danach trugen dazu bei, dass die moralische Stellung der USA in der Welt angezweifelt wurde. Unsere Geschichte und unser fester Glaube an den Primat der Menschenrechte machten es beinahe unerträglich, sich mit Kriegsverbrechen wie dem Massaker von My Lai auseinanderzusetzen. Die USA haben sich stets als Beschützer der Unschuldigen und als Leuchtfeuer für alles Gute und Rechte gesehen - als strahlendes Vorbild für Freiheit und Demokratie, zu dem alle Nationen aufschauen und dem sie nacheifern sollten. Das sind Kernmythen, die in der kollektiven Psyche und Seele der Amerikaner ruhen. In jüngster Vergangenheit haben Darstellungen im Zusammenhang mit der Tiger Force, einer Kommandoeinheit, die 1967 in Vietnam zahllose Kriegsverbrechen beging, und andere Vorfälle die Amerikaner erneut dazu veranlasst, den Vietnamkrieg und die Rolle Amerikas überhaupt in Frage zu stellen. Wie konnten American boys so etwas tun? Diese scheinbar isolierten Ereignisse waren insofern bedeutsam, als sie den Glauben der Amerikaner an sich selbst untergruben, machtvolle und langlebige Mythen über den Vietnamkrieg schufen und große Spannungen zwischen den Veteranen, die aus dem Krieg heimkehrten, und den amerikanischen Bürgern an der Heimatfront hervorriefen.

Eine einseitige und ungenaue Medienberichterstattung aus Vietnam trug erheblich zu dieser Distanz bei, die zwischen den amerikanischen Männern und Frauen, die in Vietnam gedient hatten, und dem amerikanischen Volk an der Heimatfront entstand. Die Heimkehrer hatten es nicht leicht, was ihre Familien, Freunde und Mitbürger betraf. Dies wurde zusätzlich durch die Geschwindigkeit erschwert, mit der die Soldaten bisweilen zurückkehrten: Sie konnten noch an einem Tag mitten im Kampf stehen und buchstäblich zwei Tage später zurück in den USA, bei ihren Familien sein. Was ihre Heimkehr zusätzlich erschwerte, war die Tatsache, dass nur wenige an der Heimatfront den Krieg wirklich verstanden. Es handelte sich um den ersten Krieg weltweit, der sozusagen im Fernsehen übertragen wurde, und bei dem den amerikanischen Fernsehzuschauern Abend für Abend in den Nachrichten die neuesten Meldungen über die Kriegshandlungen in die Wohnzimmer geliefert wurden. Dieser ständige Informationsfluss war zweifellos ein Grund für die zunehmende Kriegsmüdigkeit vieler Amerikaner; 1973 wollte kaum jemand mit heimkehrenden Veteranen oder sonst jemandem über den Krieg sprechen. Das Thema wurde immer unpopulärer, sodass einige nationale Veteranenverbände ihre Kollegen aus dem Vietnamkrieg zu meiden begannen, was zu gewaltigem Unmut auf Seiten einiger Vietnamveteranen führte. Das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, der Unfähigkeit der Veteranen, sich mit den Amerikanern in der Heimat zu identifizieren, ihre Ausgrenzung durch Veteranen früherer Kriege, das Fehlen einer ausreichenden Zeitspanne, um wieder Anschluss an das bürgerliche Leben zu finden und das Stigma, zu den ersten Amerikanern zu zählen, die einen Krieg verloren haben, führte dazu, dass sich viele Vietnamveteranen ausgestoßen fühlten und sich zurückzogen.

Ein großer Teil der Vorstellungen und Sichtweisen über "Amerika nach Vietnam" ist fiktional, vor allem durch Hollywoodfilme, ausgeschmückt oder gar erst kreiert worden. Vietnamveteranen sind Vietnamfilmen gegenüber meist sehr kritisch eingestellt, darunter auch Filmen wie "Platoon" des Regisseurs und Vietnamveteranen Oliver Stone. Hollywoods Versäumnis, die Erfahrung der Veteranen präzise einzufangen, hat zur Vertiefung der Kluft zwischen den Veteranen und dem Rest der amerikanischen Gesellschaft beigetragen. Auf der Suche nach Gemeinschaft und Kameradschaftsgeist schlossen sich Vietnamveteranen zusammen und begannen, eigene Verbände und Organisationen zu gründen. Heute bestehen Hunderte von diesen Verbänden, in denen sich Veteranen zusammengefunden haben, die während des Krieges in verschiedenen militärischen Einheiten gedient haben. Bei manchen liegt der Gründung eine gemeinsame Erfahrung zugrunde, so z.B. der Vietnam Helicopter Pilots Association. Diese Vereinigung ehemaliger Offiziere und Kompaniefeldwebel ist eine der größten in den USA und umfasst über 10 000 ehemalige Hubschrauberpiloten, die in Vietnam gedient haben.

Ebenso, wie sie mit den Darstellungen des Vietnamkrieges in Hollywoodfilmen unzufrieden sind, haben viele Veteranen das Gefühl, dass die Geschichte ihres Kriegsdienstes auch in der akademischen Welt nicht angemessen dargestellt wird. Das hängt eng mit der Antikriegsbewegung der 1960er und 1970er Jahre zusammen, als Universitäten und Colleges zu Zentren der Antikriegsbewegung wurden. Die Mehrzahl der Universitätsprofessoren, die nach dem Krieg Geschichte lehrten, gehörten entweder einer solchen Organisation an oder verdankten ihren höheren akademischen Grad der Tatsache, dass sie den Einberufungsbefehl umgehen konnten, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Aus diesem Grund engagieren sich viele Veteranenverbände für Projekte mit dem Ziel, die Geschichte ihrer Einheiten für die Nachwelt zu erhalten und aufzuschreiben. Das "Vietnam Center and Archive" der Texas Tech University ist als offizielles Archiv für viele Veteranengruppen von großer Bedeutung. Es sammelt und archiviert historisches Material von Veteranen und macht es der Forschung zugänglich. Damit stellt das Vietnam Archive eine wichtige Ergänzung der offiziellen Aufzeichnungen von Regierung und Militär dar, die in den National Archives und den Military Branch Archives zur Verfügung stehen.

Die ersten Schritte, um Geschichte und Gedächtnis des Vietnamkrieges in den USA miteinander zu versöhnen, folgten 1982 mit der Schaffung der Vietnam Veteran Memorial Wall und einer nationalen Parade in Washington, D.C. für alle Vietnamveteranen. Das Memorial ist eine lange, zerklüftete Mauer aus schwarzem Granit und stellt eine klaffende Wunde in der Erde dar. Es trägt die Namen von über 58 000 Amerikanern, die in Vietnam getötet wurden. Wenn die Besucher des Memorials auf den polierten Granit blicken, sehen sie die Namen Tausender Männer und Frauen, die während des Kriegseinsatzes starben; wenn sie unter die Namen blicken, sehen sie ihr eigenes Spiegelbild, das sinnbildlich für die Opfer der Lebenden steht. Das Vietnam Veteran Memorial erinnert die Amerikaner auf eindringliche Weise an die enormen Verluste, die der Krieg gefordert hat, und ist das meistbesuchte Denkmal in Washington. Fast zehn Jahre nach dem Krieg konnten die Kriegsveteranen des Vietnamkrieges wieder stolz auf den geleisteten Kriegsdienst sein.

Weitere zehn Jahre später hatten sich die Beziehungen zwischen der Regierung und der Sozialistischen Republik Vietnam (SRV) normalisiert. Dass Vietnam ein kommunistischer Satellit der Sowjetunion wurde, schmälerte zunächst die Chancen auf rasche Versöhnung. Der Kalte Krieg dauerte bis 1989, und die Regierung blieb bis zum Ende standhaft antikommunistisch. Auch nahmen die USA direkt am "Orderly Departure Program" und der "Humanitarian Operation" für Zehntausende Vietnamesen teil, die in den 1980er und 1990er Jahren aus Vietnam geflohen waren. Als diese Flüchtlinge in die USA kamen, erzählten sie von den schrecklichen Zuständen in ihrer Heimat und von Umerziehungs- und Gefangenenlagern. Die Nachkriegsjahre waren sehr schwierig für Vietnam; die Regierung der SRV kündigte schon nach einem Jahrzehnt "Doi Moi", die Erneuerung, an. Dieser politische Richtungswechsel stellte eine bemerkenswerte Abkehr vom vorhergehenden System dar. Während bis heute die Regierung der SRV dem Namen nach kommunistisch bleibt und es nach wie vor nur eine politische Partei gibt, entwickelt sich die vietnamesische Wirtschaft rasch zu einem marktwirtschaftlichen System.

Mit der Wahl Bill Clintons zum Präsidenten 1992 änderte sich die offizielle Haltung und der Zugang zum Thema Vietnam. Unterstützt vom Kongress und einer wachsenden Zahl amerikanischer Vietnamveteranen kam es unter Clinton zur Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und der SRV. Offiziell geschah dies im Juli 1995 mit der Eröffnung der Botschaften in Washington und Hanoi. Als symbolische Geste, die zeigen sollte, welchen Weg die USA seit 1975 zurückgelegt hatten, ernannte Clinton Pete Peterson zum ersten Botschafter. Peterson hatte während des Krieges in der U.S. Air Force gedient, wurde abgeschossen und verbrachte über sechs Jahre als Kriegsgefangener in Hanoi. Nach der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen reisten viele Veteranen nach Vietnam, um dort nach Sinn und Heilung zu suchen und eine Erfahrung abschließen zu können, die für viele die am nachhaltigsten prägende ihres Lebens war.