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19.6.2008 | Von:
Stephen Maxner

Die USA und Vietnam

Vietnam und Irak

Auf ziemlich ironische Weise waren die Entwicklungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 für die amerikanischen Vietnamveteranen von großer Bedeutung. Seitdem die USA in Afghanistan und im Irak-Krieg gegen die für die Anschläge verantwortlichen Terrorgruppen führen, wird den Männern und Frauen in Uniform, einschließlich aller Veteranen, von den Amerikanern wieder größerer Respekt entgegengebracht. Das "Vietnam Center and Archive" hat diese Veränderungen in Interviews mit Veteranen dokumentiert, die diesen Wandel bestätigen, was dazu geführt hat, dass mehr Vietnamveteranen an unseren Projekten teilnehmen, um über ihre Geschichte zu sprechen und sie zu bewahren.

Ein weiterer interessanter Aspekt eröffnet sich in Hinblick auf den Vietnamkrieg und den Krieg im Irak, wenn man die beiden Konflikte unmittelbar miteinander vergleicht. Der Vietnamkrieg ist immer noch Teil der "lebendigen Geschichte" der USA. Seitdem wird jeder Konflikt und jeder Einsatz militärischer Gewalt von Seiten der USA mit dem Vietnamkrieg verglichen. Da der Vietnamkrieg der erste war, den die USA verloren haben, ist es für viele Amerikaner schwierig, ihn auch mental zu überwinden. Immer wenn die USA die Option eines Militäreinsatzes erwägen, ziehen Militärbeobachter und Medienberichterstatter Parallelen zum Vietnamkrieg und wagen Vorhersagen über die Auswirkungen erwarteter Verluste und andere Faktoren. Es wurden und werden unzählige schiefe Vergleiche zwischen dem Vietnamkrieg und den Kriegen angestellt, welche die USA seither führten.

Wenn auch eine gründliche Erörterung dieses Themas hier nicht möglich ist, so gibt es doch einige verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Vietnam und dem Irak, die nicht unerwähnt bleiben sollen. An erster Stelle muss gesagt werden, dass der Vietnamkrieg für die USA ein begrenzter Krieg vor dem Hintergrund des Kalten Krieges war, dessen Ziel es war, den globalen Kommunismus in Schach zu halten. Auf ähnliche Weise ist der Krieg im Irak ein begrenzter Krieg vor dem Hintergrund des umfassenden "Global War on Terror". Eine der bedeutendsten Herausforderungen für beide Kriegsadministrationen war und ist es, die Unterstützung des amerikanischen Volkes für langfristige Truppenstationierungen und Kämpfe nicht einzubüßen, besonders insofern, als es außerordentlich schwierig ist, in solchen begrenzten Kriegen allgemeinen Erfolg und Fortschritt in Hinblick auf einen Sieg zu messen und zu verbreiten. Das amerikanische Volk ist ungeduldig, wenn es um Krieg geht, und langeKriegszüge sind schwer aufrechtzuerhalten, wenn es nicht als wahrscheinlich gilt, dass die USA tatsächlich am Ende siegen werden.

Im vergangenen Jahrzehnt war zudem vermehrt ein gewisser Geschichtsrevisionismus hinsichtlich des Vietnamkriegs zu beobachten. Zahlreiche Veteranen und Wissenschaftler haben ernsthafte Neubewertungen vorgenommen und alternative Interpretationen von Ereignissen geliefert, die früheren historischen Arbeiten komplett widersprechen. Das liegt zum Teil an der zunehmenden Verfügbarkeit zusätzlichen historischen Materials. So bietet das "Vietnam Archive" mit seinem "Virtual Vietnam Archive" freien Internetzugang zu beinahe drei Millionen Seiten historischen Materials. Durch die Digitalisierung dieser Dokumente und Materialien haben Historiker nun die Möglichkeit, Dokumente zu durchforsten und aufzufinden, die vielleicht niemals entdeckt worden wären, wenn man nur an den gewaltigen Umfang an Material denkt, das händisch zu sortieren für eine Person schier unmöglich wäre. Das virtuelle Archiv stellt monatlich etwa 15 000 Seiten neuen Materials online und ist damit das dynamischste Onlinearchiv zum Vietnamkrieg. Da den Forschern immer umfassenderes Material zur Verfügung stehen wird, werden die kommenden Jahre viele neue Ideen und Interpretationen dieses turbulenten Kapitels der amerikanischen, vietnamesischen und globalen Geschichte bringen.

Bei der Neubewertung früher anerkannter Interpretationen des Vietnamkrieges wird ein geistiger Richtungswechsel in den USA erkennbar, der seine Wurzeln in der politischen Orientierung des jeweiligen Autors hat. Als eindringliches Beispiel dienen die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004. Damals trat eine Gruppe von Vietnamveteranen namens "Swift Boat Veterans for Truth" auf, die sich zum Ziel gesetzt hatte, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Kandidatur von Senator John Kerry, wie sie ein Vietnamveteran, zum Scheitern zu bringen. Dazu zählten archivarische Recherchen, das Verfassen von Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften und das Schreiben von Büchern, die Kerrys Militärdienst in Vietnam in Frage stellten. Wenn es auch nicht möglich ist, den Einfluss dieser Propaganda und anderer Aktivitäten auf den Ausgang der Wahlen mit Sicherheit festzustellen, so ist es doch wahrscheinlich, dass diese sehr wohl einen negativen Effekt auf Kerrys Präsidentschaftskandidatur hatten.

Das Verhalten der "Swift Boat Veterans for Truth" stellte auch eine Reaktion auf die vorherrschenden Deutungen des Vietnamkrieges dar, die in ihrer politischen Ausrichtung liberaler waren. Die "Swift Boat Veterans" und politisch konservative Autoren konzentrieren sich auf den "Mythos des Vietnamkrieges" und ziehen bestimmte, für Vietnamveteranen wenig schmeichelhafte Auffassungen in Zweifel. Das ist insbesondere der Fall bezüglich Statistiken über Vietnamveteranen und deren angeblich höhere Rate an Selbstmorden, Scheidungen, Obdachlosigkeit, Haftstrafen und Geisteskrankheiten sowie anderen wenig reflektierten Vorstellungen, von denen viele in fiktionalen Interpretationen des Krieges verewigt - und in manchen Fällen zu kulturellen Klischees geworden sind. Es scheint keine Beweise dafür zu geben, dass Vietnamveteranen in diesen Bereichen mehr leiden als Nicht-Veteranen, und dennoch bestehen diese falschen allgemeinen Auffassungen über Vietnamveteranen weiter.

Auch der Präsidentschaftswahlkampf 2008 vermittelt einen interessanten Einblick in die soziale und politische Kultur der USA und lässt erkennen, wie sehr der Vietnamkrieg noch immer Einfluss auf das öffentliche Leben in Amerika ausübt. In diesem Jahr kandidiert John McCain für die Republikaner, ein Vietnamveteran und ehemaliger Kriegsgefangener, und bisher ist die Kriegsvergangenheit des Kandidaten unangefochten geblieben. Wenn die Wahlen im November näher rücken, wird es interessant sein, zu beobachten, ob dieser Abschnitt seines Lebens seiner Kandidatur förderlich oder eher abträglich sein wird. Der Krieg im Irak wird bisweilen mit dem Krieg in Vietnam verglichen, und Senator McCain hat bereits angekündigt, dass er den Kurs beibehalten wolle und die Truppen "hundert Jahre, wenn nötig" im Irak lassen werde. Während für beide Konflikte in den Medien das Wort "Sumpf" verwendet wird, bleibt abzuwarten, wie McCain seine Position verteidigen wird, wenn die Wahlen näher rücken, und wie das amerikanische Volk auf eine solche Politik eines langfristigen und langwierigen Einsatzes im Nahen Osten reagieren wird.

Die schwindende Unterstützung der Amerikanerinnen und Amerikaner für den Irakkrieg ist offensichtlich, und wie in Vietnam könnte ein größerer Rückschlag zur grundlegenden Neubewertung der amerikanischen Truppenpräsenz führen. Die USA befinden sich an einem bemerkenswerten Zeitpunkt, um sich erneut mit dem Vietnamkrieg zu beschäftigen, sowohl im Hinblick auf den fortdauernden Einfluss des Krieges auf die amerikanische Politik und Gesellschaft als auch auf den Wandel in der Geschichtsschreibung über den Krieg.