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30.5.2008 | Von:
Ute Gerhard

50 Jahre Gleichberechtigung - eine Springprozession - Essay

Resümee

Niemand, auch unverbesserliche Feministinnen können nicht erwarten, dass junge Frauen heute in ihre Fußstapfen treten. Denn ebenso wenig, wie eine soziale Bewegung auf Dauer gestellt werden kann - dann wäre sie ja keine Bewegung mehr -, können ihre Vertreterinnen erwarten, dass Frauen einer anderen Generation ihre Strategien, ihre Vorstellungen von Emanzipation, ihre Vorgehensweisen und Errungenschaften widerstands- und kritiklos übernehmen. Diese Errungenschaften müssen vielmehr neu angeeignet und dabei auch verändert werden. Zur Selbstfindung und zur von vielen Generationen von Feministinnen leidenschaftlich erstrittenen Freiheit und Selbstbestimmung gehören Kritik und die Distanzierung zu Vorgefundenem sowie neuartige Zugänge und Strategien. Lernprozesse sind daher notwendig und produktiv. Doch wenn wir weitere Verspätungen und Rückschritte im Hindernislauf weiblicher Emanzipationsbewegungen vermeiden wollen, sollten wir speziell in Deutschland dem Geschichts- und Gedächtnisverlust entgegenwirken, aber auch das bereits erworbene Wissen und die Einsichten in die gesellschaftliche Zusammenhänge und das wechselseitige aufeinander Angewiesensein bewahren. Die Geschichte der Frauen und der Frauenbewegungen ist nicht nur ein "Fundus" schlechter Erfahrungen oder von "Beispielen für soziale Ungerechtigkeit", sondern vielmehr von "Verbundenheit" und Solidarität und damit auch eine "Quelle mannigfaltiger Einsichten und Anregungen", die unersetzlich für die Mitgestaltung der politischen Rahmenbedingungen sind.[20]

Ohne Zweifel hat der neue Feminismus der 1970er Jahre viel erreicht: Er hat eine kulturelle Revolution in den Geschlechterverhältnissen ausgelöst, die Leitbilder und Lebensentwürfe junger Frauen grundlegend verändert, und dabei Männer, alt und jung, in mancher Hinsicht weit hinter sich gelassen. Zugleich ist die ungleiche Teilhabe von Frauen im Hinblick auf berufliche Karrieren, politische Entscheidungsmacht und die häusliche Arbeitsteilung noch immer fest mit alten Gewohnheiten und Machtverhältnissen verzurrt. Einzelne Frauen können daher zwar - allerdings nur mit Hilfe anderer Frauen, entweder der immer weniger verfügbaren Großmütter oder eben illegaler oder prekär beschäftigter Frauen[21] - persönlich reüssieren, aber nicht die Welt verändern; die Welt - das ist "der spezifische und meist unersetzliche Zwischenraum, der sich (...) zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen (ge)bildet". Denn dieser Rückzug auf den individuellen oder eigenen Erfolg ist - so Hannah Arendt - ein "Weltverlust", der die Gabe der Freiheit nicht zu gemeinsamem Handeln und zur Anteilnahme am anderen nutzt.[22] Ein neuer/alter Feminismus als politische Bewegung setzt diese Anteilnahme und das öffentliche Darüber-Reden voraus und wird das nächste Mal - so denke ich - gerade auch das männliche Geschlecht zum Mittun motivieren und bewegen müssen.

Fußnoten

20.
Martha Nussbaum, Onora O'Neill, Gerechtigkeit, Geschlechterdifferenz und internationale Grenzen. Ein Kommentar, in: Herta Nagl-Docekal/Herlinde Pauer-Studer (Hrsg.), Politische Theorie. Differenz und Lebensqualität, Frankfurt/M. 1996, S. 465.
21.
Vgl. Maria S. Rerrich, Die ganze Welt zu Hause, Hamburg 2006.
22.
Hannah Arendt, Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten, München 1960.