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30.5.2008 | Von:
Elisabeth Beck-Gernsheim

"Störfall Kind": Frauen in der Planungsfalle

Welche Zukunft?

In den 1970er Jahren, als der Geburtenrückgang allmählich ins öffentliche Bewusstsein geriet, erwogen angesehene Experten, die Frauen gegebenenfalls mit den Mitteln gesetzlichen Zwangs zum Rückzug aus der Berufswelt und hinein in die Kinderzimmer zu bewegen. "Könnte man nachweisen, dass die verstärkte Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen, während der Zeit, in der die größte Zahl von Kindern geboren wird, zu einem Geburtenrückgang führt, der die Erhaltung der Bevölkerungszahl in frage stellt, wäre der Staat legitimiert, einer solchen Entwicklung entgegenzutreten"[13] - so, umständlich und verquast, aber als Drohung doch unverkennbar, schrieben Autoren des Dritten Familienberichts.

Heute dagegen, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sind aus der Wissenschaft ganz andere Empfehlungen zu hören. Das Umdenken begann, als Bevölkerungs- und Familienforscher der Frage nachgingen, warum manche europäische Länder deutlich höhere Geburtenzahlen aufweisen als andere. In der Folge geriet die Familien- und Geschlechterpolitik der jeweiligen Länder ins Blickfeld, und im Verlauf vieler Analysen zeichnete sich ein Ergebnis ab, das in deutlichem Gegensatz zu gängigen Erwartungen stand: Diejenigen Länder, welche die Berufstätigkeit von Frauen und Müttern gezielt unterstützen - zum Beispiel durch Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, so etwa Möglichkeiten der institutionellen Kinderbetreuung -, können im internationalen Vergleich die höchsten Geburtenzahlen aufweisen. Am unteren Ende der Skala befinden sich dagegen diejenigen Länder, deren Politik darauf abzielt, Mütter im Radius von Haus-und-Heim zu halten. Der Erfolg solcher Politik ist, dass viele junge Frauen den Kinderwunsch aufgeben.

Auf der Basis dieses internationalen Vergleichs kamen immer mehr Forscher zu folgender Schlussfolgerung: Die Umsetzung vorhandener Kinderwünsche setzt eine Familienpolitik voraus, die den Wandel im Geschlechterverhältnis nicht abzubremsen versucht, sondern im Gegenteil aktiv unterstützt. Das wird Reformen auf vielen Ebenen der Gesellschaft erfordern - in Bildung, Arbeitsmarkt, Steuerrecht usw. -, die Abkehr von allen institutionellen Vorgaben, die direkt oder indirekt das traditionelle Geschlechterverhältnis stabilisieren. Die Devise heißt nun: Mehr Gleichberechtigung wagen. Wenn die moderne Gesellschaft mehr Kinder will, dann muss sie dafür mehr Gleichberechtigung bieten. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. In diesem Sinne formulieren etwa die Autoren des 2006 erschienenen Siebten Familienberichts: Es "geht darum, (...) Chancen zur partnerschaftlichen Konstruktion von Familie zu stärken. Andere europäische Länder (...) haben die Zeichen der Zeit früh erkannt und die Erwerbs- und Familientätigkeit beider Eltern ebenso als Normalfall zu stützen begonnen wie die außerhäuslichen Förderarrangements für Kinder".[14]

Die entscheidende Frage ist freilich, inwieweit die Politiker und Politikerinnen hierzulande zu solchen Reformen bereit sind. Immerhin, beim Blick auf das Familienministerium werden Signale in dieser Richtung erkennbar. Ein halbes Jahrhundert nach Franz-Josef Würmeling heißt der zuständige Minister Ursula van der Leyen, ist also eine Frau, der CDU angehörend, dazu siebenfache Mutter. Sie hat es zu ihrem zentralen Anliegen gemacht, die Berufstätigkeit von Müttern zu erleichtern, hat in diesem Sinne die Bedingungen des Elterngeldes neu definiert, zwei Vätermonate eingeführt, einen Ausbau der Kinderkrippen durchgesetzt. Was dem ersten Familienminister der Republik "Unheil" war, ist für die Familienministerin heute das anzustrebende Ziel. Dieser Kurswechsel ruft höchst unterschiedliche Reaktionen hervor. Während von der Leyen in Teilen der eigenen Fraktion auf Ablehnung bis erbitterten Widerstand stößt, gewinnt sie in der Bevölkerung die Zustimmung breiter Gruppen, wird Politstar und Medienliebling.

Solche Widersprüche sind Teil der "unfertigen sozialen Revolution" im Geschlechterverhältnis. Ob der neue Kurs sich auf Dauer durchsetzen kann, oder ob sich die Widerstände am Ende als stärker erweisen - in Betrieben und Chefetagen, unter Kirchenvorständen und Vertretern der Medien -, das ist eine offene Frage. Aber wie auch immer die Zukunft aussehen mag, beim Blick auf die 1970er Jahre kann man in jedem Fall einen Fortschritt feststellen. Wenn die Empfehlungen der damaligen Zeit heute irritierend bis anstößig klingen, so zeigt dies, dass der Gleichberechtigungsgrundsatz heute in weit stärkerem Maß Teil des allgemeinen Bewusstseins ist - und dass wir Normbrüche weitaus früher wahrnehmen, als dies noch in den 1970er Jahren der Fall war. Frauen per Zwang ins Mutterglück treiben? Solche Vorschläge vorzubringen, würde heute wohl keiner mehr wagen.

Fußnoten

13.
Die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland, Dritter Familienbericht, Drucksache 8/3121, 1979, S. 31.
14.
Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit, Siebter Familienbericht, Deutscher Bundestag, Drucksache 16/1360, 16. 4. 2006, S. 70.