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26.5.2008 | Von:
Olaf Ihlau

Indien auf dem Sprung zur Weltmacht - Essay

Dominanz der beiden Milliardenvölker

Würden Indien und China, die beiden Milliardenvölker, zu einem strategischen Pakt finden, läge ihnen die übrige Menschheit zwangsläufig zu Füßen. China ist bereits die Werkbank und Industriefabrik der Welt, Indien sein Entwicklungslabor. Beide Länder stehen schon jetzt für zwei Drittel des Bruttosozialprodukts der 23 Länder Südostasiens, sie tragen mit ihrer riesigen Bugwelle auch die anderen Staaten dort mit. Ihr Konsum wächst schneller als die Nachfrage in Amerika. In der Kombination wären Asiens wichtigste Boomstaaten global unschlagbar, wirtschaftlich wie militärisch. Doch dass es zu solch einer Allianz kommt, ist eher unwahrscheinlich. China und Indien sehen einander als Rivalen an, und der Rest der Welt dürfte alles dafür tun, dass dies auch so bleibt.

Im Wettlauf der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde mit ihren 2,5 Milliarden Konsumenten liegt der chinesische Drache derzeit noch weit vor dem indischen Elefanten. Chinas Bruttosozialprodukt ist doppelt so groß, das Reich der Mitte zieht zehnmal so viele Auslandsinvestitionen an.[3] Aber der Elefant holt auf, mit schwerem Tritt, seitdem die Inder, dreizehn Jahre nach den Chinesen, ebenfalls den radikalen Schwenk zur Marktwirtschaft vollzogen haben. Die zu Beginn der 1990er Jahre eingeleiteten Reformen sorgten für die Wiedereingliederung in den Weltmarkt. Dreißig Jahre lang hatte sich zuvor der von staatsdirigistischen Ketten gefesselte Riese in self-reliance (Autarkie) mit der so genannten Hindu-Zuwachsrate von jährlich 3,5 Prozent begnügt, sehr zum Vergnügen der dynamischeren Tigerstaaten in Südostasien und des großen Rivalen China. Doch unterdessen hat sich Indiens Wirtschaftswachstum, mit derBinnennachfrage als Hauptantriebskraft, mehr als verdoppelt. Es erreichte während der vergangenen drei Jahre im Schnitt neun Prozent und geht jetzt angesichts der schwächelnden Weltkonjunktur leicht zurück auf immer noch imposante 8,7 Prozent. Damit wurde Südkorea bereits überholt und Rang drei in Asien besetzt.

Richtig ist gewiss, dass die Wirtschaftsleistung der Inder bisher im Weltmaßstab einigermaßen bescheiden war. Mit nahezu einem Fünftel der Menschheit brachten sie es gerade mal auf zwei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts, während die Europäer mit acht Prozent der Weltbevölkerung 31 und die Amerikaner mit fünf Prozent sogar 28 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts erwirtschafteten. Doch die Gewichte verschieben sich rasch. Nach der Prognose zahlreicher Ökonomen wird Indien in den kommenden fünfzehn Jahren an Japan wie Deutschland vorbeipreschen.

Eine weitere Entwicklung kommt hinzu: Indien hat heute 1,12 Milliarden Einwohner. Die Hälfte davon ist nicht einmal 24 Jahre alt, eine Demografie des "Minimum" ist hier noch lange nicht angesagt. Nur rund fünf Prozent der Bevölkerung liegen über dem Pensionsalter von 65 Jahren (in Deutschland: 19 Prozent). Bis zur Jahrhundertmitte wird der Elefant den Drachen auch demografisch übertrumpfen, Indien mit 1,6 Milliarden zur größten Nation der Erde anschwellen, während die Zahl der Chinesen als Folge der Ein-Kind-Politik abnimmt. Asien stellt dann 70 Prozent der Weltbevölkerung, und allein auf dem Subkontinent werden in Indien, Pakistan und Bangladesch mit 2,2 Milliarden weit mehr Menschen leben als auf den Kontinenten Amerika, Europa und Australien zusammen. Das sind beklemmende Perspektiven, besonders aus der Sicht ergrauender Schrumpfeuropäer, doch sie sind problematisch auch für die Giganten Asiens selbst. Denn bei ihnen ticken soziale Zeitbomben, sollte es für die Menschenmassen nicht genügend Arbeit und Nahrung geben. Wie auch immer: Die beiden Mega-Gesellschaften Asiens werden in der neuen globalen Ordnung nicht nur das Tempo der Modernisierung vorgeben, sondern als Zugpferde der Weltkonjunktur demnächst auch die Hälfte der verfügbaren Energiequellen und Rohstoffe beanspruchen - oder sie im Kampf um die weltweite Vorherrschaft notfalls erstreiten müssen.

Indiens Aufbruch muss verwundern, denn noch vor kurzem galt es als Armenhaus der Welt mit der größten Zahl von Analphabeten. Die hat es nach wie vor. Gut ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung und mehr als die Hälfte der Frauen können nicht lesen und schreiben. Aber zugleich hat Indien auch das zweitgrößte Reservoir an Ingenieuren und Wissenschaftlern, die meisten Computerspezalisten nach den USA. Weltspitze sind die Inder in der Informationstechnologie, vor allem mit den Labors in Bangalore, Asiens Silicon Valley.[4] Nirgendwo, nicht einmal in Kalifornien, arbeiten mehr Informatiker und Ingenieure. Der Boom in der Informationstechnologie ist indes schon lange nicht mehr auf Bangalore oder andere urbane Zentren wie Hyderabad, Neu Delhi und Mumbai beschränkt. Er ist zum Schwungrad geworden auch für andere Sektoren, greift wie ein Krake mit seinen Fangarmen weit ins Land. Die Wachstumsquoten des IT-Sektors sind phänomenal. "Die nächsten zehn Jahre werden irre hier", prophezeit Bill Gates und räumt ein, dass sein Unternehmen Microsoft inzwischen "abhängig ist von indischen Fachkräften". Gates investiert derzeit 1,7 Milliarden Dollar in Indien für den Aufbau von vier Entwicklungszentren, sein größtes Labor außerhalb der Vereinigten Staaten ist in Hyderabad. Zur indischen Realität gehört aus europäischer Sicht jedoch auch diese Erkenntnis: Es wird mehr Leistung und Schnelligkeit erwartet. Indische IT-Dienstleister arbeiten im Schnitt 2300 Stunden im Jahr, die in Deutschland gerade mal 1700 Stunden.

Als nächste Stufe der indischen Hightech-Offensive für eine wissensgestützte Wirtschaft sollen neue Forschungsstätten in der Bio- und Gentechnologie entstehen. Angestrebt wird der Status einer Supermacht des Wissens. Dabei will Indien bei der Globalisierung von Innovation und Kreativität dem Westen ebenfalls als ernsthafter Konkurrent entgegentreten. Noch ist das Land etwa im Bereich wissenschaftlicher und technischer Erfindungen, gar bei der Zahl der jährlich angemeldeten Patente, weit entfernt vom höchsten Niveau, auf dem noch immer Deutschland agiert. Noch gehen die meisten Nobelpreise an Forscher in den USA. Aber Indiens 380 Universitäten und 1500 Forschungsinstitute bilden in jedem Jahr allein 500 000 Ingenieure, Techniker und Informatiker aus, viermal mehr als die USA. Dies ist der größte Talentpool der Welt, und das wird irgendwann auch innovative Früchte tragen. So dürfte Indien schon bald auch in der Pharmazie vorne mitmischen, wo es bereits mit Firmen wie Ranbaxy, Wockhardt oder Dr. Reddy's zum weltweit größten Hersteller von Generika geworden ist, darunter eines Medikaments gegen Aids. Oder in der Medizin, wo Operationen am offenen Herzen und Implantationen künstlicher Hüftgelenke von hervorragenden Chirurgen für ein Fünftel der europäischen Kostensätze vollzogen werden. Schließlich Rüstung und Weltraumforschung: Die Welt hat sich daran gewöhnt, dass die Atommacht Indien Raketen und Satelliten ins All befördert. Demnächst soll ein Roboter auf dem Mond landen.

Noch bis vor kurzem sah es so aus, als würde Indien sich im globalen Aufholprozess mit einer Arbeitsteilung abfinden. China stand für die Hardware, für die Werkbank der Welt mit dem Export industrieller Massenproduktion. Indien dagegen schien darauf erpicht zu sein, zum Entwicklungslabor und zur Denkfabrik der Welt zu avancieren, also die Software zu liefern. Indiens Erfolge bei den IT-Dienstleistern sind zwar brillant, doch Beschäftigung für die Massen der ungelernten Erwerbsfähigen zaubern sie nicht herbei, und es werden allein bis 2010 über 60 Millionen neue Jobs benötigt. Die kann nur eine arbeitsintensive Exportindustrie mit den traditionellen Industriebereichen anbieten. Auch hier sind die Inder nun in der Offensive, errichten Industrieparks und Sonderwirtschaftszonen, greifen zudem mit Firmenaufkäufen im Westen an. Noch vor ein paar Jahren hätte wohl kaum jemand erwartet, dass der größte Stahlbaron der Welt ein Inder ist, nämlich Lakshmi Mittal. Oder dass die Ex-Kolonie Indien die automobilen Kronjuwelen des britischen Empires ergattert, die sich jetzt mit Jaguar und Rover der Mischkonzern von Ratan Tata holte. Oder dass die größte Erdölraffinerie der Welt heute im Nordwesten Indiens steht, gebaut vom Konzern des Multimilliardärs Mukesh Ambani.

Fußnoten

3.
Vgl. für die Wirtschaftsdaten die Angaben des Internationalen Währungsfonds vom Februar 2008, die Prognosen des Economic Advisory Council der Bundesregierung in Neu Delhi sowie die Wirtschaftstrends Indien der Bundesagentur für Außenwirtschaft (Stand: Dezember 2007).
4.
Vgl. Olaf Ihlau, Weltmacht Indien, München 2008.