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26.5.2008 | Von:
Olaf Ihlau

Indien auf dem Sprung zur Weltmacht - Essay

Die Kehrseite des Booms

Die Luxushotels der indischen Metropolen sind ausgebucht, überwiegend mit Gästen aus dem Inland. Die Parvenüs prassen bis zum Exzess, veranstalten Hochzeiten mit vulgärem Gepränge. In der Bayview Bar von Mumbais Oberoi-Hotel gehen die Flaschen Dom Perignon weg wie nichts. Eine davon entspricht dem indischen Pro-Kopf-Einkommen für ein ganzes Jahr. Die urbanen Ballungszentren um die 35 Millionenstädte schwelgen im Konsumrausch. Auf etwa 250 Millionen Menschen wird diese schnell wachsende, kaufkräftige Mittelschicht geschätzt, wobei allerdings nach europäischen Maßstäben der indische Mittelstand nur mit etwa 70 Millionen anzusetzen ist. Die Kehrseite des Booms ist das Elend der Nachzügler mit der Horrorspirale von Bevölkerungswachstum und Massenarmut. Nach wie vor verdienen fast 70 Prozent aller Beschäftigten, meist eingezwängt in ein rigides Kastensystem, ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft, mit unzureichenden Bewässerungssystemen und abhängig von den Launen des Monsunregens. Zwar haben sich seit der Reformpolitik einige soziale Indikatoren verbessert, aber nach offizieller Lesart leben weiterhin 26 Prozent der Inder, über 300 Millionen Menschen, unterhalb der Armutsgrenze von weniger als einem Dollar pro Tag. Die Pessimisten unter den ökonomischen Experten vermuten allerdings, dass in Wahrheit drei Viertel der Bevölkerung täglich mit weniger als zwanzig Rupien, also einem halben Dollar, auskommen müssen, demnach auf einem "Lebensstandard von unvorstellbaren Tiefen" vegetieren, wie der erste Premier Jawaharlal Nehru die Not in Indiens bäuerlichem Herzen einmal umschrieb.[5]

Ein Kontinent der Extreme ist Mata Bharat, die Mutter Indien. Die Multikulti-Formel von der "Einheit in Vielfalt", die Nehru oft gebrauchte, beschönigt bewusst das Irritationselement des Trennenden, das ihr zugrunde liegt. Sechs Religionen und zahllose Sekten gibt es in den 28 Bundesstaaten der säkularen Union, die dominierende Glaubensgemeinschaft des Hinduismus kennt über 3600 Kasten und Unterkasten. Knapp 13 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zur Lehre des Propheten. Damit hat Indien mehr Muslime als der islamische Nachbar Pakistan und nach Indonesien mit 160 Millionen die meisten der Welt. Die Verfassung nennt 18 Hauptsprachen, hinzu kommen 1600 Dialekte. Man findet Inseln imponierender Effizienz und Regionen von mittelalterlicher Rückständigkeit auf diesem Kontinent.

Politisch wird Indien heutzutage von aller Welt hofiert. Da reiste Anfang März 2006 der oberste Repräsentant des Welthegemons in Neu Delhi an, um der zweitgrößten Nation auf diesem Globus seine Reverenz zu erweisen. In einer erstaunlichen historischen Weichenstellung erhob der amerikanische Präsident George W. Bush Indien zur "Weltmacht" und verkündete mit dem Blick auf das heraufziehende Zeitalter drohender Energiekonflikte die strategische Partnerschaft zwischen "der ältesten und der größten Demokratie der Erde". Der Preis für diese neue Allianz war ein Atomabkommen, das Neu Delhi aus der nuklearen Quarantäne holte und als Sonderfall in den Kreis der offiziellen Atommächte aufnimmt. Dieser Deal ist international noch nicht in trockenen Tüchern, und er könnte die Linkskoalition des Premiers Manmohan Singh kippen, sollten die Kommunisten ihr deswegen den Beistand entziehen. Doch der Prestigegewinn für Neu Delhi ist ohnehin besiegelt mit der De-facto-Anerkennung als sechste Atommacht. Den Amerikanern geht es, das liegt auf der Hand, um ein Gegengewicht zu China. Das politische Establishment in Neu Delhi dürfte indes zu klug sein, um sich als Washingtons "Festlandsdegen" in Asien instrumentalisieren zu lassen, bei aller Rivalität zu Peking und einem historisch begründeten Misstrauen.

Fußnoten

5.
Vgl. Arvind Panagariya, India: The Emerging Giant, Oxford 2008.