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26.5.2008 | Von:
Olaf Ihlau

Indien auf dem Sprung zur Weltmacht - Essay

Die Gefahr von Rückschlägen

Noch gibt es Platz für zwei Giganten in Asien. Der erwachte Riese auf dem Subkontinent benötigt vor allem Ruhe, keine Abenteuer und äußeren Konflikte. Dieses gewaltige Land braucht wenigstens zwei Dekaden andauernder Dynamik und Fortschrittsbewusstseins mit jährlichen Wachstumsraten von über acht Prozent, um wirklich den Status einer Großmacht zu erlangen, die dann als unentbehrliches Element des Kräftegleichgewichts in einer multipolaren Welt gelten kann und sich in handelspolitischen Fragen zum Sprecher der Entwicklungs- und Schwellenländer aufschwingen dürfte. Natürlich kann es Rückschläge geben - durch die Rückwirkungen einer Weltwirtschaftskrise etwa, durch wachsende soziale Spannungen im Innern, durch Katastrophen, eine Pandemie, durch neuerliche Pogrome in der Dauerfehde zwischen Hindus und Muslimen. Oder durch einen Regierungswechsel, obwohl die amtierende Linkskoalition der Kongresspartei der bald stattfindenden Parlamentsneuwahl optimistisch entgegenblickt und zuletzt ein Budget voller Wahlgeschenke verabschiedete.[6] Darunter befindet sich ein Schuldenerlass für 40 Millionen Kleinbauern, denn allein im Jahr 2006 haben über 17 000 Bauern wegen hoffnungsloser Überschuldung Selbstmord begangen.

Verheerend würde sich auch ein Anschlag von der Dimension des 11. September 2001 auswirken, mit dem islamistische Terroristen versuchen könnten, die verfeindeten Brüder Indien und Pakistan in einen Atomkrieg zu treiben. Im Ansatz haben sie dies schon einmal probiert, mit Anschlägen auf das Parlament in Neu Delhi und dem Bombenterror in Mumbai. Doch solche Einbrüche dürften die Entwicklung insgesamt nicht umkehren können, die aus dem einstigen Armenhaus Indien eines der Kraftzentren in der Welt von morgen machen wird. Es ist schwer, den Elefanten aufzuhalten, hat der sich erst einmal in Bewegung gesetzt.

Fußnoten

6.
Vgl. Budget at a Glance, Ministry of Finance 2008 - 2009, New Delhi, February 2008.