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6.2.2008 | Von:
Wolfgang Filc

Stabilität des internationalen Finanzsystems

Die Ursachen mangelnder Effizienz

Mangelnde Effizienz von Finanzmärkten kann Folge von Informationsproblemen sein. Gelegentlich fehlen relevante Informationen, manchmal fällt es schwer, die Informationsfülle auszuwerten, dann wieder werden aus einer gleichen Sachlage zu zwei Zeitpunkten unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen, ein andermal sind Informationen asymmetrisch verteilt. Information ist "asymmetrisch", wenn eine Partei einer Transaktion schlechter informiert ist als die andere. Zu für beide Seiten optimalen Ergebnissen kann es dann nicht kommen. Denn effiziente Marktlösungen setzen voraus, dass alle Teilnehmer über alle relevanten Informationen verfügen können, diese auch verwenden und korrekt verarbeiten.

Deshalb gehört es zu einem wesentlichen Kennzeichen effizienter Märkte, dass die Teilnehmer über die relevanten Entscheidungsparameter gut und möglichst kostenlos informiert sind. Dabei aber tun sich in der Wirklichkeit die größten Schwierigkeiten auf, vor allem an Finanzmärkten. Monetäre Märkte haben die wichtige Funktion, Ersparnisse in besonders rentable Investitionsmöglichkeiten zu lenken (Allokationseffizienz). Keine Wirtschaft kann gut funktionieren, wenn das Finanzsystem dieser Aufgabe nicht optimal nachkommt. Das Wirtschaftswachstum wird gebremst, Arbeitslosigkeit kann auf hohem Niveau verharren, es kann gar zu einem Kollaps von Märkten kommen. Und das alles, weil Informationsprobleme nicht ausgeräumt werden können. Denn zwischen guten und schlechten Investitionsmöglichkeiten kann nur unterschieden werden, wenn entscheidungsrelevante Informationen vorhanden sind, diese genutzt und die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden.

An Gütermärkten sind Informationsprobleme vergleichsweise selten, wenngleich nicht ausschließbar. Wer Waschpulver kauft, der weiß, worauf er sich einlässt. Er kann in Testberichten etwas über die Qualität erfahren, er kann den Preis mit Konkurrenzprodukten vergleichen. Schwieriger wird es, wenn es um den Kauf eines Gebrauchtwagens geht. Der Käufer weiß nicht, ob ein Schnäppchen oder eine "Zitrone" zum Verkauf steht. Der Verkäufer kennt die Gutsqualität, der Käufer nicht. Er hat sich hierüber Erwartungen zu bilden, und diese sind allemal unsicher. Wer weiß schon, ob der Tachostand stimmt. So etwas kann Transaktionen an einem Markt stören, im Extremfall zu einem Marktzusammenbruch führen. Märkte, bei denen Informationsprobleme dieser Art auftreten, haben zwei unerwünschte Eigenschaften. Zum einen besteht für Anbieter der Anreiz, Kosten durch eine schlechtere Gutsqualität zu senken. Zum anderen gibt dies Anbietern von Gütern mit hoher Qualität Anlass, sich vom Markt zurückzuziehen. Die Folge kann sein, dass die durchschnittliche Qualität der Güter sinkt, gar nur noch Güter sehr schlechter Qualität (Zitronen) gehandelt werden. All das ist ausgeschlossen, wenn beide Marktseiten über Grundlagen des Handelns des anderen vollständig informiert sind.

Finanzkontrakte erfordern einen Blick in die Zukunft. Bei jeder Kreditfinanzierung eines Investitionsprojekts müssen Erwartungen über die künftige Zahlungsfähigkeit des Schuldners gebildet werden. Zudem hat der Investor die Profitabilität seines Vorhabens einzuschätzen. Beides ist unsicher, beinhaltet also ein spekulatives Element. Spekulation bedeutet, mit einer unsicheren Zukunft umzugehen. Und weil niemand die Zukunft genau kennt, können Erwartungen über die Zukunft später durch Fakten widerlegt werde. Niemand kann das ausschließen, aber jeder hat das bei einem zukunftsgerichteten Handeln zu akzeptieren. Deshalb verlangen Finanzgeschäfte den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten über künftige Gewinne und Risiken, über die Solvenz des Partners. Niemand kann sich des Verhaltens eines Kontraktpartners sicher sein. Regelmäßig hat die Versicherungsbranche zu konstatieren, dass sich Versicherte unvorsichtiger verhalten, als sie es täten, hätten sie die Folgen ihres Handelns selbst zu tragen. Jeder kennt das: Fährt man mit einem Blechschaden an seinem Auto in die Werkstatt, so lautet die erste Frage, ob Fremdverschulden vorliegt oder nicht. Im zweiten Fall fällt die Werkstattrechnung deutlich niedriger aus. Folge dieses Trittbrettfahrer-Verhaltens ist es, dass Versicherungsprämien höher sind, als es bei vollständiger Information der Fall wäre. Dieses Informationsproblem begründet abträgliche Anreize, ein moralisches Risiko (Moral Hazard).

Bei ungleich verteilten Informationen kann ein Marktteilnehmer einen Informationsvorsprung zum Nachteil des anderen nutzen. So sind Kreditgeber über die Erfolgsaussichten und Risiken der Investitionsprojekte von Kreditnehmern schlechter informiert als diese selbst. Und Kreditnehmer werden es vermeiden, dem Gläubiger schlechte Nachrichten preiszugeben, weil beim Offenlegen der Karten die Finanzierung platzen könnte. Der Nachfrager nach Finanzmitteln aber ist allein an der Auszahlung interessiert, die er für Investitionen mit Aussichten auf hohen Gewinn aber großem Verlustrisiko verwenden kann, wenn das dem Kreditgeber verborgen bleibt. Läuft das Geschäft gut, ist der Kreditnehmer der Gewinner, geht es nicht auf, so ist der Gläubiger der Dumme.

Von Effizienz der Finanzmärkte kann dann keine Rede sein. Die gegenwärtige Finanzkrise als Folge einer Risiken ausblendenden und von Profitgier getriebenen Hypothekenkreditblase in den USA ist hierfür Beleg. Ohne hinreichende Sicherheiten wurden Kredite gebündelt, in Wertpapieren verbrieft und irgendwo in der Welt blauäugigen Anlegern angedreht. Der Verkäufer hätte die Risiken kennen müssen, der Käufer eher nicht. Das ist ein treffendes Beispiel, wie asymmetrische Verteilung von Informationen zu einem Kollaps von Finanzmärkten führen kann, und das im Zuge der Globalisierung weltweit.